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Binnenstaat

Nepal ist eingezwängt zwischen zwei BRICS-Giganten

Nepal ist eines der geringstentwickelten Länder und hat nur zwei Nachbarstaaten: Indien und China. Mit beiden gute Beziehungen aufrechtzuerhalten ist nicht leicht.
Kunsthandwerk gehört zu Nepals Exportgütern: Hier webt Anfang 2023 eine Frau einen Schal auf einer Messe in Kathmandu. picture-alliance/ZUMAPRESS.com/Sunil Sharma Kunsthandwerk gehört zu Nepals Exportgütern: Hier webt Anfang 2023 eine Frau einen Schal auf einer Messe in Kathmandu.

Nepal ist ein kleines Land im Himalaya mit etwa 30 Millionen Menschen. Die beiden riesigen Nachbarländer haben jeweils 1,4 Milliarden und möchten ihren globalen Einfluss vergrößern. Auch als Mitglieder des losen Bündnisses BRICS+ (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika plus neue Mitglieder) bleiben sie Rivalen, die ihre Weltregion prägen möchten.

Nepal pflegt zu beiden Ländern freundschaftliche Beziehungen, was sich auf verschiedenen Ebenen zeigt. Nepals Regierung spricht von „uralten und tief verwurzelten“ Beziehungen. Ständige Reibereien zwischen China und Indien wirken sich jedoch auch auf den Alltag in Nepal aus.

Indien ist Nepals wichtigster Handelspartner, China der zweitwichtigste. Beiden gegenüber ist das Handelsdefizit groß. Importiert werden diverse Industriegüter, darunter Hightechprodukte, sowie Energie und einige Grundnahrungsmittel. Die Ausfuhren bestehen aus Agrarerzeugnissen und Kunsthandwerk. Nepals Daueraufgabe ist es, Importe zu verringern und Exporte zu steigern.

Kulturelle Verbundenheit

Im Alltag fühlen sich Nepalis Indien stärker verbunden. Sprachlich und kulturell ist es nämlich ähnlich. In beiden Ländern sind zudem rund 80 Prozent der Menschen Hindus. Die 1850 Kilometer lange Grenze ist offen; unzählige Menschen überqueren sie täglich in beide Richtungen. Nepalis ziehen in der Hoffnung auf Arbeit und Bildung nach Indien. Typisch sind gering qualifizierte Tätigkeiten im Baugewerbe oder der Landwirtschaft. Für solche Jobs gibt es aber auch Migration von Indien nach Nepal.

Chinas Kultur und Sprache sind dagegen recht fremd. Die 1400 Kilometer lange Grenze verläuft meist durch unwegsame Berge. Es gibt viel weniger Migration. Nepalis gehen vor allem nach China, um zu studieren oder wegen qualifizierter Jobs, die auch dank chinesischer Investitionen entstehen.

Fragen der Ideologie

Auch ideologisch und in der Regierungsform unterscheiden sich die beiden Nachbarn. China ist ein kommunistischer Einparteienstaat; Indien eine Mehrparteiendemokratie mit unabhängiger Justiz. Die gewählten Landesregierungen haben beachtliche Autonomie. Nepal war bis 2008 eine Monarchie mit einem Hindu-König. Dann wurde es eine Republik, welche die Verfassung von 2015 als säkulare Demokratie definiert. Das politische System ähnelt also dem Indiens.

Indiens Innenpolitik wirft Schatten auf Nepal. Das liegt vor allem daran, dass Premierminister Narendra Modi den Hinduismus politisiert, gerade auch im aktuellen Wahlkampf. Die aggressive Identitätspolitik seiner Partei BJP treibt Hindu-Fanatismus in Nepal an.

Nepals königstreue Partei (Rastriya Prajatantra Party) will den Säkularismus abschaffen und einen Hindu-Staat etablieren. Es kommt zu extremistischen Angriffen auf Angehörige anderer Glaubensrichtungen, denen vorgeworfen wird, sie zwängen Hindus zu konvertieren. Manche werten derlei als Folge des indischen Einflusses.

Andererseits heißt es, China unterstütze Nepals einflussreiche kommunistischen Parteien finanziell und ideologisch. Diese akzeptieren allerdings das Mehrparteiensystem und spielen darin überwiegend konstruktive Rollen.

Die Präsenz tibetischer Geflüchteter in Nepal ist jedoch heikel. China scheint ihre Aktivitäten einschränken zu wollen. Tatsächlich dürfen tibetische Buddhist*innen den Geburtstag des Dalai-Lama, ihres geistlichen Führers, in Nepal nicht öffentlich feiern. Behörden haben das vermutlich Peking zuliebe so entschieden. Der Dalai-Lama führt eine Exilregierung in Indien, seit China 1959 sein Land annektierte.

Grenzstreitigkeiten

China, Indien und Nepal streiten sich über Grenzen. Die wichtigste Route vom Subkontinent nach Tibet führt über den Lipulekh-Pass, auf den – samt umliegendem Kalpani-Gebiet – Indien und Nepal Anspruch erheben. Obwohl Nepal ihn für sein eigenes Hoheitsgebiet hält, verwaltet ihn der indische Bundesstaat Uttarakhand.

Lipulekh spielt auch in den Beziehungen zwischen China und Indien eine Rolle, denn mehrere Abkommen erwähnen ihn. Im China-Indien-Pakt von 2015 gilt er als Dreiländer-Scharnier. Dieser Pakt entstand ohne Beteiligung Nepals.

Auch zwischen China und Indien bestehen Grenzstreitigkeiten. Beide unterhalten eine starke Militärpräsenz in den Bergen. Gelegentliche Scharmützel bedrohen Nepals territoriale Integrität.

Infrastrukturprojekte

Beide Nachbarländer unterstützen Nepals Entwicklung. Die indisch-nepalesische Partnerschaft begann 1951 beim Bau des Flughafens Kathmandu. Seitdem hat Indien verschiedene Infrastrukturprojekte unterstützt, humanitäre Hilfe nach Naturkatas­trophen geleistet und in lokale Entwicklung investiert. Es hat auch Krankenwagen, Schulbusse und Wahlfahrzeuge gespendet. Indische Hilfe erfolgt in der Regel in Form von Zuschüssen.

Als Binnenland braucht Nepal grenzüberschreitende Infrastruktur. Die Bahn-, Straßen- und Glasfasernetzverbindungen nach Indien sind gut. Indische Investitionen in eine grenzüberschreitende Ölpipeline und Kooperation in Sachen Wasserkraft sind ausgesprochen wertvoll.

China bietet drei Arten von Hilfe an: Zuschüsse, zinslose Darlehen und zinsverbilligte Darlehen. Mit solchen Mitteln hat China geholfen, Straßen zu verbessern, den Flughafen Pokhara zu bauen, Wasserkraftwerke zu errichten und Grenzbrücken wiederherzustellen.

Vor sieben Jahren wurde Nepal Partner von Chinas Belt and Road Initiative (BRI). Die Verträge sind Verschlusssache, die Bedingungen dieser Zusammenarbeit also nicht transparent. Manche Fachleute warnen vor möglichen Schuldenfallen.
Nicht zuletzt wegen der hohen Berge ist die grenzüberschreitende Infrastruktur im Norden schwächer. Der Handel mit China wächst indessen, also werden die Verbindungen jedoch immer wichtiger – und entsprechend potenziell auch die BRI.

Alles in allem sind Nepals nachbarliche Beziehungen freundschaftlich, aber nicht unkompliziert. Nepal ringt mit Handelsbilanzdefiziten, Grenzproblemen und Einmischungen. Bisher hat Nepal eine neutrale Haltung gefunden, die es mit beiden Nachbarn kooperieren lässt, ohne China oder Indien zu verprellen. Dass beide zu den BRICS+ gehören, ist für Nepals Diplomatie unwesentlich. Von Kathmandu aus betrachtet, sind die beiden Nachbarn nicht miteinander verbündet, sondern harte Konkurrenten.

Rukamanee Maharjan ist Assistenzprofessorin für Recht an der Tribhuvan-Universität in Kathmandu.
rukamanee.maharjan@nlc.tu.edu.np