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Jüngste Vergangenheit

Offene Wunden

von Manuel Wollschläger
Juvenile knowledge in South Kivu

Juvenile knowledge in South Kivu

Die Konflikte in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) sind zwar offiziell beendet, aber bewaffnete Auseinandersetzungen lodern im Osten des Landes immer wieder auf. Es gibt kein gemeinsames Verständnis davon, was genau in anderthalb Jahrzehnten der Gewalt geschehen ist – und wer dafür verantwortlich ist. Von Manuel Wollschläger

In der DRC erleben die Menschen seit langem grausame Wirren. Über Ursachen und Folgen gibt es keinen Konsens. Mathilde Muhindo schaut auf das Jahr 1996 zurück, als Laurent Kabila mit Rebellen in die DRC einmarschierte (siehe historischen Überblick im Kasten auf S. 382). Ihr Urteil ist klar: „Wir hatten seinen Befreiungskrieg gar nicht mehr nötig. Ein Regimewechsel hätte auf friedlichem Wege stattfinden können.“ Sie ist die Leiterin des Centre Olame in Bukavu, der Hauptstadt der Provinz Süd-Kivu.

Ihre Einschätzung ist ernst zu nehmen. Muhindo vertrat in den 90er Jahren Süd-Kivu in einer Kommission, die mit dem Regime des Diktators Mobutu Sese Seko über Demokratisierung verhandelte und schon wichtige Zugeständnisse erreicht hatte.

Muhindo ist weiterhin aktiv. Ihr Centre Olama setzt sich für Frauen ein, die im Krieg häufig Opfer systematischer sexualisierter Gewalt waren (siehe auch Interview mit der ruandischen Frauenrechtlerin Goeliève Mukasarsi auf S. 383). Psychosoziale Betreuung und Rechtsberatung sind möglich, der Weg zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie bleibt aber noch weit. Wie Muhindo berichtet, bleibt die strafrechtliche Verfolgung der Täter meist aus – egal, auf welcher Seite sie standen oder stehen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschichte der DRC isoliert gar nicht zu verstehen ist. „Das Schicksal unserer Nachbarländer hat uns den Krieg gebracht“, sagt Raphael Wakenge von der Menschenrechtsorganisation Initiative Congolaise pour la Justice et la Paix. Sie setzt sich seit 2011 mit der Kampagne „Gerechtigkeit Jetzt“ gegen die Straflosigkeit der zahlreichen Massaker ein.

Als erster Anhaltspunkt dient ihr der von den UN 2010 veröffentlichte „Mapping Report“, der zahlreiche zwischen 1996 und 2003 verübte Kriegsverbrechen erstmalig dokumentierte. Eine Sammlung von Augenzeugenberichten aus Süd-Kivu hat auch die Commission Diocesaine Justice et Paix von Bukavu zusammengetragen. Unter der Leitung von Abbé Justin Nkunzi berichtet zudem der monatlich erscheinende Newsletter Le Flash seit 1992 über Menschenrechtsverletzungen. Dies ist möglich dank eines weitverzweigten Netzes von Mitarbeitern, die im Auftrag der katholischen Kirche und mit ihrem Schutz die länd­liche Entwicklung fördern. Po­sitiv ist auch, dass zahlreiche Studierende sich in Abschluss­arbeiten mit der jüngeren Geschichte beschäftigen.

Dennoch gibt es viel zu wenig zuverlässige Daten. Père Franco vom Xaverianer-Orden erlebte den Einmarsch der Rebellen in Bukavu mit. An diversen Orten halfen er und andere dem Internationalen Roten Kreuz Leichen zu begraben. Viele dieser Massengräber sind anonym geblieben. Auf einigen wurden sogar Häuser errichtet. Obwohl Angehörige das forderten, wurden die Toten nie exhumiert. Père Franco sagt: „Es war nicht möglich, genaue Opferzahlen anhand der geborgenen Schädel zu ermitteln, wie das nach dem Genozid in Ruanda geschah.“

Auf dem zentralen Marktplatz in Nyawera erinnern zwei Gedenktafeln an Bischof Muzihirwa, der damals erschossen wurde. Das Schicksal prominenter Gewaltopfer ist oft bekannt – aber über das Leiden einfacher Leute wurde wenig in Erfahrung gebracht.

Lebensgefährliche Recherchen

Wenn Gewaltkonflikte toben, können die Medien nicht unabhängig arbeiten. Am 31. Juli wurde in Bukavu der Ermordung von Pascal Kabungulu im Jahre 2005 gedacht. Er recherchierte für die Organisation Héritier de la Justice, die unter anderem ein regelmäßiges Bulletin publiziert. Die endgültige Aufklärung dieses Verbrechens steht noch aus. Der oberste Militärgerichtshof in Kinshasa soll darüber in letzter Instanz verhandeln, aber seit 2008 wurde dafür kein Termin angesetzt. Andere Journalisten wie Serge Maheshe oder Didace Namujimbo von Radio Okapi wurden ebenfalls ermordet.

Der Prozess um den 2010 ermordeten Menschenrechtler Floribert Chebeya soll nun in die Revision gehen. Einen Dokumentarfilm des Belgiers Thierry Michel über den ersten Prozess zensierte die kongolesische Regierung im vergangenen Jahr.

Jolly Kamuntu von Radio Maendeleo berichtet, dass von Ruanda unterstützte Milizen ihren Sender fast zwei Jahre lang mundtot machten. Sie meint aber, es sei für die Aufarbeitung der Katastrophe immer noch zu früh, da der Krieg nicht beendet sei. Sicherlich gehört aber das, was Redaktionen archiviert haben, zu den wenigen einigermaßen zuverlässigen Informa­tionsquellen. Relevant ist auch die Monatszeitschrift Le Souverain, die allerdings nur in einer winzigen Auflage von 500 Exemplaren erscheint.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit weckt selbstverständlich auch Ressentiments. Reguläre Truppen befreiten Bukavu 2004 von den Milizen, die Radio Maendeleo nicht arbeiten ließen. Das Produktionsstudio Ushahidi hat dieses Ereignis filmisch dokumentiert. Die DVD wird auf den Märkten verkauft und zeigt nicht nur den tief sitzenden Hass seitens der traumatisierten Bevölkerung gegenüber Ruanda, sondern auch den Vertrauensverlust gegenüber den „tatenlosen“ Blauhelmtruppen der UN.

Die objektive Analyse der Ereignisse fällt schwer. Die Gerüchteküche hält nie still. Verbreitet sind wilde Verschwörungstheorien über abgekartete Spiele zwischen Kinshasa und Kigali, zwischen Milizen, Gangstern und regulären Truppen, zwischen lokalen Akteuren und internationalen Machern.

Menschenrechtsaktivisten in Süd-Kivu klagen, ihnen fehlten Mittel und Kenntnisse für unabhängige Recherchen und die Archivierung von Augenzeugenberichten. Das gilt umso mehr, als diverse Kriegs­fürsten weiterhin aktiv sind und das Leben all derer bedrohen, die die Dinge genau ergründen wollen.

Ökonomie der Gewalt

Für Tibère Dunia vom Observatoire Gouvernance et Paix steht fest: „Die immer wieder aufkeimenden Konflikte basieren auf der Not der Menschen und der ungerechten Ressourcenverteilung in der Region.“ Es entsteht in vielen Ländern eine Ökonomie der Gewalt, wenn die Ausbeutung von Rohstoffen auch ohne Rücksicht auf Menschenleben und Menschenrechte lukrativ ist.

Entsprechend plädiert Donatien Mulume von APRODEPED („Action pour la Promotion et la Dé­fense des Droits des Personnes Défavorisés“) für Rechtsstaatlichkeit, um Streitigkeiten über Land- und Schürfrechte gewaltfrei zu lösen. Dafür muss aber die Verwaltung gestärkt werden. Bisher ist das Meldewesen völlig mangelhaft. Geburten und Landnutzungsrechte werden nicht amtlich registriert – und entsprechend liegt es auch nahe, Gewalt immer „Ausländern“ anzulasten.

Die Bevölkerung steht vor vielen existenziellen Problemen des täglichen Überlebens. Es ist kein Wunder, dass für die Errichtung von Monumenten und Gedenkstätten kaum Geld vorhanden ist. Gleichzeitig ist den Menschen aber bewusst, dass diese zur Bildung eines kollektiven Gedächtnisses beitragen würden.

Der Versöhnung steht aber vor allem die Schuldfrage im Wege. Es geht selbstverständlich auch um Reparationen, vor allem aber müssen Gewaltverbrecher zur Verantwortung gezogen werden, damit die Würde der Opfer und ihrer Angehörigen wieder hergestellt wird.