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Informationstechnik

Ethische Fragen und digitale Wucht

von Aditi Roy Ghatak

Hintergrund

Das Fundament für schnelle Ausbreitung von IT-Systemen besteht: Taxifahrer checkt mit Smartphone Adresse in Kolkata.

Das Fundament für schnelle Ausbreitung von IT-Systemen besteht: Taxifahrer checkt mit Smartphone Adresse in Kolkata.

Digitale Systeme verändern das gesellschaftliche Leben. Alles ist betroffen – von Moralvorstellungen bis zur Industrieproduktion, von Cybersicherheit bis zur Landwirtschaft. Indien muss mehr tun, als darüber zu reden: es muss sich auf Wandel einstellen.

Indien erlebt einen staatlich geförderten Digitalisierungsschub. Ob es den Bürgern recht ist oder nicht, Technik wird das Leben in Zukunft in Ausmaßen prägen, die sie sich noch gar nicht vorstellen können. Die gro­ßen vier Themen sind Beschäftigung, Unternehmertum, volkswirtschaftliche Entwicklung und Ethik.

Maschinen erledigen in wachsendem Maße standardisierbare IT-Arbeiten. Deshalb ist Indiens Stellung als internationales Zentrum des IT-Outsourcings in Gefahr. Weltklasse-Unternehmen wie Infosys, Wipro oder Tata Consulting rechnen mit hartem Wettbewerb. Sie müssen Künstliche Intelligenz (KI) und andere Trends nutzen, sonst erodiert ihr Vorteil des kostengünstigen IT-Personals mit grundlegenden Kenntnissen, aber nicht unbedingt hochspezialisierten Fähigkeiten.

Vorteilhaft ist, dass die neue Technik neue Chancen schafft. Die Beratungsfirma Accenture rechnet mit 5 200 neuen Start-up-Firmen für viele unterschiedliche Branchen. Das Umfeld ist für Start-ups in Indien besonders günstig, und die neuen Unternehmen dürften Innovationen bringen, die sich auf das Leben von 1,2 Milliarden Indern auswirken dürften und es vielleicht sogar komplett verändern. KI ist zum Beispiel in der Landwirtschaft, von der rund die Hälfte der indischen Bevölkerung abhängt, vielversprechend (siehe Box).

Die Schattenseite ist aber, dass ein Großteil der indischen Wirtschaft abgehängt werden könnte. Viele Firmen können sich moderne Technik schlicht nicht leisten. Massenhaft kämpfen Menschen im informellen Sektor und landwirtschaftlichen Kleinbetrieben um ihre bloße Existenz. Dass immer mehr Menschen immer weiter hinterherhinken könnten, beunruhigt (siehe hierzu meinen Beitrag in E+Z/D+C e-Paper 2017/10, S. 35). Obendrein hat Indien auch nicht die Infrastruktur, mit der digitale Technik sich überall optimal nutzen ließe.

Andere Risiken scheinen noch unheimlicher. KI kann den Alltag auf erschreckende Weisen durchdringen. Es ist absehbar, dass private Daten weit verbreitet werden. Machtmissbrauch ist wahrscheinlich – und soziale Gräben dürften weiter werden. Ob Indien eine Führungsrolle übernehmen kann, um derlei einzugrenzen, ist offen. Angesichts grenzüberschreitender Folgen ist Führung auf nationaler und internationaler Ebene nötig.

Paul S. Triolo von dem Beratungs­unternehmen Eurasia Group erwartet von Indien wichtige ethische Impulse. Er betont Indiens „demokratische Traditionen“ und das „Gespür für Vielfalt“. Auch andere Faktoren könnten dazu beitragen, „ethische KI-Algorithmen zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass KI breiten Bevölkerungsschichten nutzt“.

Das wäre in der Tat wünschenswert. Technologie könnte laut Fachleuten dafür genutzt werden, die soziale Schichtung durchlässiger zu machen. Sie warnen aber auch, dass gesellschaftliche Vorurteile in KI-Programme eingebaut werden könnten, wenn diese menschliches Verhalten replizieren. Bekanntlich benachteiligen viele Institutionen in Indien Angehörige von Minderheiten und niedrigen Kasten.

Erschwerend kommt hinzu, dass die wichtigsten Datensätze einer kleinen Zahl großer Privatunternehmen gehören, von denen einige multinational agieren. Diese Konzerne verstehen auch am meisten von Datenverarbeitung. Ihr Wissen bringt ihnen erhebliche Wettbewerbsvorteile, wenn Außenstehende nicht auch Zugang bekommen. Kluge Regulierung ist also nötig.

Irritierenderweise gibt es aber keine Anzeichen dafür, dass wirklich irgend­jemand dafür sorgt, dass moderne IT in Indien für sozialen Zusammenhalt genutzt wird und allen Menschen neue Chancen eröffnet. Für die Regierung von Narendra Modi ist der technische Vorsprung ausgewählter Unternehmen das wichtigste Motiv. Leider feiert sie auch nicht die Vielfalt des Landes. Ihr Hindu-Chauvinismus entspricht vor allem den Interessen der oberen Kasten.

Es gibt zu oft Angriffe auf Minderheiten – besonders, aber nicht nur, auf Muslime. Unter Druck stehen auch zivil­gesellschaftliche Akteure und Journalisten, welche die Regierung zu kritisieren wagen (siehe Arfa Khanum Sherwani in E+Z/D+C e-Paper 2018/05, S. 36). Im August wurden in einer schockierenden, landesweiten Aktion fünf Bürgerrechtsaktivisten festgenommen: Arun Ferreira, Gautam Navlakha, Vernon Gonsalves, Sudha Bharadwaj und Varavara Rao.

Ökonomisch deuten die Zeichen derweil weniger auf soziale Inklusion als auf einen Kampf um monopolistische Dominanz hin. Führende Unternehmen nutzen politische Netzwerke, um Konkurrenten wegzudrängen. Manager konzentrieren sich nicht auf die Lösung alter sozialer Probleme, sondern versuchen sich kurzfristigen Vorteil, langfristige Profite und andauernden Einfluss zu sichern. Der Premier nutzt seine Verbindungen weltweit, um sie zu fördern.

Im Inland läuft derweil das Programm „Digital India“, um die IT-Wirtschaft voranzubringen. Das Budget dafür wurde im laufenden Haushaltsjahr auf den Gegenwert von 480 Millionen Dollar verdoppelt. Inves­titionen sind auf verschiedenen Feldern geplant – Forschung, Bildung, Training, digitale Produktion, Roboter, Big Data und so weiter. Die Erfahrungen mit früheren staat­lichen Programmen nähren indessen Zweifel daran, was wohl die Resultate sein werden.

Die IT-Debatte kreist oft um das Thema Beschäftigung. Die Angst, Maschinen könnten Menschen arbeitslos machen, ist auch berechtigt. Allerdings könnte Indien sogar netto Jobs hinzugewinnen. Die Beratungsfirma Gartner schätzt, dass KI in Indien bis 2020 rund 2,3 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen und zugleich 1,8 Millionen vernichten dürfte. Bis 2025 könnte die Zahl der neuen Stellen sogar auf 3 Millionen steigen. Derzeit seien etwa 4 000 IT-Stellen unbesetzt.

Solche Zahlen mögen groß erscheinen, angesichts des Bedarfs sind sie aber klein. Rund 12 Millionen junge Menschen drängen jährlich neu auf den indischen Arbeitsmarkt (siehe Beitrag von Patrick Rüther et al. zum Thema in E+Z/D+C 2018/10, S. 28).

Welche Gefahr geht also von KI aus? Laut aktuellem India Skills Report des UN Entwicklungsprogrammes (UN Development Programme – UNDP) kann rund die Hälfte der Wirtschaftstätigkeiten in Indien in gewissem Umfang automatisiert werden – aber nur fünf Prozent komplett. Viele Arbeitsplätze dürften sich also voraussichtlich ändern, aber die Beschäftigung ist bisher nicht grundsätzlich bedroht. Zudem könnte KI die Effizienz beim Einsatz von Rohstoffen, menschlicher Arbeit und Kapital erhöhen. Indische Banken leiden unter Betrug und Veruntreuung, sodass KI ein wertvoller Schleusenwärter werden könnte.

Hoffentlich hilft KI auch bei Engpässen im Gesundheits- und Bildungswesen. Indien hat nicht genug Ärzte, Pflegekräfte und Lehrer. Offiziellen Statistiken zufolge fehlen in staatlichen Grund- und Sekundarschulen 200 000 Lehrer. Der tatsächliche Bedarf ist sicherlich größer, denn viele Lehrer sind nicht richtig ausgebildet. Mehrere Millionen kompetenter Pädagogen wären nötig. Nur ein Drittel der indischen Jugendlichen besucht eine Sekundarschule, und das hat offensichtlich mit der Qualität des Unterrichts zu tun.

Eine Folge ist derweil, dass zwei Drittel der jungen Generation höchstwahrscheinlich nie für eine IT-Tätigkeit in Frage kommen werden. Intelligente IT-Programme, die Schülern beim Lernen helfen, könnten die Not mildern. IT-gestützte Maschinen könnten auch zu Assistenten für Ärzte werden oder Krankenschwestern das Heben der Patienten abnehmen.

Früher waren viele Inder technik­avers, aber das ändert sich. Mobiltelefone sind heute auch in entlegenen Dörfern normal. Das Fundament, auf dem digitale Systeme schnell Verbreitung finden können, ist gelegt. Indiens Erfolg wird langfristig nicht davon abhängen, ob eine Handvoll Investoren Milliardärsreichtum erlangt. Wichtig ist, dass für 1,2 Milliarden Inder das Leben besser wird.


Aditi Roy Ghatak ist freie Wirtschaftsjournalistin und lebt in Kolkata.
[email protected]

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