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Empfängnisverütung

Ein globales öffentliches Gut

von Hans Dembowski

Meinung

Lineair

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Ein Grundanliegen der Entwicklungspolitik ist, benachteiligten Menschen und Gruppen zu ermöglichen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dass es in der Tat auf die Individuen ankommt, belegen Bemühungen um Familienplanung. Große staatliche Propagandakampagnen bewirken in der Regel nur dann etwas, wenn sie entweder mit menschenverachtender Repression arbeiten oder aber direkt die Lebenswirklichkeit von Frauen und deren Familien verbessern.

Dafür müssen sie nicht nur Empfängnisverhütung thematisieren, sondern über Gesundheit, Bildung und die daraus folgenden Chancen auf Wohlstand aufklären. Klar ist auch, dass guter Sexualkundeunterricht für Mädchen und Jungen dazu beiträgt, dass Menschen ihr Geschlechtsleben verantwortungsbewusst und lustvoll gestalten können. Unwissen, Angst und Verklemmtheit führen nicht zu erfolgreicher Familienplanung.

Die Menschheit wächst noch immer – doch das Tempo hat sich deutlich verlangsamt. Heute bevölkern mehr als sieben Milliarden Menschen die Erde, und die Zahl wird voraussichtlich bis Ende dieses Jahrhunderts noch auf zehn bis elf Milliarden anwachsen. Das ist ökonomisch, ökologisch und sozialpolitisch eine riesige Herausforderung. Das Bevölkerungswachstum zu begren­zen, dient also einem globalen öffentlichen Gut.

Erfreulich ist, dass die Bevölkerungen vieler Entwicklungs- und Schwellenländer nicht mehr schnell wachsen. Bangladesch ist ein leuchtendes Beispiel für Erfolg unter schwierigen Bedingungen. Das Land ist religiös geprägt und weiterhin sehr arm. Dennoch bekommen Frauen dort im Schnitt kaum mehr Kinder als in reichen Ländern. Der Schlüssel zum Erfolg waren Gesundheitsdienstleistungen und Aufklärung in den Dörfern. Es beunruhigt derweil, dass das die Geburtenraten in den ärmsten Ländern und den ärmsten Gesellschaftsschichten überdurchschnittlich hoch sind. Das gilt besonders für Afrika. Es wäre gut, wenn sich Behörden, zivilgesellschaftliche Organisationen und Religionsgemeinschaften dort am Beispiel Bangladeschs orientieren würden.

Leider wurde Bevölkerungsplanungspolitik in der Vergangenheit vielfach zum Alptraum. In Peru zum Beispiel ließ die Regierung noch in den 1990er Jahren indigene Frauen zwangssterilisieren. In China setzt das kommunistische Regime seit Jahrzehnten mit harten Strafen und Zwangsabtreibungen seine Ein-Kind-Politik durch. Früher prägte eine Kultur der Großfamilie China, heute ist es eine Nation von Einzelkindern. Mittlerweile lockert die Staatsführung die strengen Regeln. In Indien ließ Indira Gandhi während ihres Notstandsregimes in den 1970er Jahren massenhaft arme Männer sterilisieren – im Zweifel auch gegen deren Willen. Eine kurzfristige Folge war, dass die Premierministerin bei  nächster Gelegenheit abgewählt wurde. Eine langfristige Folge war aber, dass das Thema Familienplanung in Indien danach lange politisch tabu blieb.

Aktuell sind die Abtreibung von weiblichen Föten und die Ermordung neugeborener Mädchen in asiatischen Ländern – allen voran China und Indien – vermutlich die düsterste Seite der Familienplanung. Dort wünschen sich Eltern vor allem Söhne, weil diese ihre Alterssicherung sind. Ihre deprimierende Wahl mag individuell rational erscheinen mag, ist aber moralisch inakzeptabel – und der ­resultierende Frauenmangel ist katastrophal. Diese Erfahrung lehrt, dass es nicht reicht, wenn alle ihr in­dividuelles Glück selbst in die Hand nehmen. Das Gemeinwohl darf da­rüber nicht vernachlässigt werden. Es erfordert die Gleichstellung von Frauen und Mädchen.