Entwicklung und
Zusammenarbeit

Geflüchtete

Wie eine Schneiderin dort etwas bewegt, wo das Hilfssystem versagt

Kürzungen bei den Hilfsleistungen und ein Mangel an festen Arbeitsplätzen haben dazu geführt, dass informelle Betriebe im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia unverzichtbar geworden sind. Die expandierende Werkstatt einer Schneiderin veranschaulicht, wie von Geflüchteten geführte Betriebe die Lebensgrundlagen der Menschen stärken können – vorausgesetzt, sie erhalten nachhaltige Unterstützung.
Biclaire Shukrani bildet junge Menschen im Geflüchtetencamp Kakuma in der Schneiderei aus. Rey Bulambo
Biclaire Shukrani bildet junge Menschen im Geflüchtetencamp Kakuma in der Schneiderei aus.

Schon früh am Morgen trifft die erste Kundschaft in dem kleinen Raum ein, den Biclaire Shukrani im Block Eins des Geflüchtetencamps Kakuma im Norden Kenias gemietet hat. An den Lehmwänden hängen Stoffbahnen an Nägeln. Junge Leute schneiden den Stoff zurecht, messen die Säume ab und fädeln den Stoff durch surrende Nadeln. Zu den Kund*innen zählen Geflüchtete aus benachbarten Blöcken, Händler*innen vom Markt sowie zunehmend auch Kundschaft von außerhalb des Lagers.

„Wenn ich sehe, dass der Laden gut läuft und alle arbeiten, gibt mir das Hoffnung. Deshalb konnte ich meine Kinder auf eine Privatschule schicken und dafür sorgen, dass sie genug zu essen haben“, sagt Shukrani.

Ihre Geschichte spiegelt einen allgemeinen Wandel in der Flüchtlingspolitik wider, in deren Rahmen humanitäre Systeme zunehmend Eigenständigkeit fördern. Dennoch sind strukturelle Hindernisse für eine reguläre Beschäftigung und soziale Mobilität nach wie vor fest verankert.

Keine feste Anstellung

Shukrani kam 2012 zusammen mit ihrem jüngeren Bruder aus der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) nach Kakuma. Nach Angaben des UNHCR wurden in diesem Jahr mehr als 5700 kongolesische Geflüchtete in Kenia registriert. Für sie gab es keine regulären Beschäftigungsmöglichkeiten, und ihre Bewegungsfreiheit war eingeschränkt. Die Nahrungsmittelhilfe war nur insofern vorhersehbar, als sie stetig zurückging.

Nach Angaben des UNHCR in Kenia lebten im Mai mehr als 316.000 Geflüchtete und Asylsuchende in Kakuma und der benachbarten Siedlung Kalobeyei. Damit handelt es sich bei dem Komplex um eine der größten Flüchtlingssiedlungen Afrikas.

Die Siedlung wird gemeinsam von der kenianischen Regierung und dem UNHCR verwaltet und unterliegt Vorschriften, die die Bewegungsfreiheit einschränken und den Zugang zum regulären Arbeitsmarkt begrenzen. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten sind Frauen und Kinder. Viele von ihnen, wie beispielsweise Shukrani, leben mit Behinderungen oder haben Betreuungsaufgaben, die ihre Beschäftigungsmöglichkeiten zusätzlich einschränken.

Schwindende Hilfe

Jahrelang war Shukrani auf Hilfe angewiesen. Dann begann diese zu schwinden. „Man hat immer noch Verpflichtungen. Man hat immer noch Kinder. Aber es gibt weniger zu essen“, sagt sie.

Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) wurden die Lebensmittelrationen im Juni 2025 auf 28 % einer vollwertigen Ernährung – basierend auf einer empfohlenen Tageszufuhr von 2100 kcal – gekürzt, während die Bargeldhilfe aufgrund von Finanzierungslücken ausgesetzt wurde. Diese Kürzungen spiegeln die weit verbreiteten finanziellen Engpässe im gesamten humanitären System wider, in dem langwierige Flüchtlingskrisen trotz steigender Bedürfnisse weiterhin unterfinanziert sind. Die Auswirkungen waren sofort spürbar. Viele Haushalte berichteten, dass sie Mahlzeiten ausließen, lebensnotwendige Güter verkauften oder Schulden aufnahmen.

Die Jugendarbeitslosigkeit in Kakuma hat sich verschärft, und Schätzungen zufolge sind bereits drei von vier Menschen im Lager arbeitslos. Für alleinerziehende Mütter und Menschen mit Behinderungen ist das Risiko extremer Armut weiter gestiegen.

Vor dem Hintergrund von Bewegungsbeschränkungen und einem Mangel an formellen Arbeitsplätzen sind informelle Unternehmen zu einer der wenigen tragfähigen Bewältigungsstrategien geworden. Im Jahr 2018 wurden in einer gemeinsamen Studie der International Finance Corporation (IFC) und des UNHCR mehr als 2100 von Geflüchteten geführte Läden und Unternehmen in Kakuma und Kalobeyei ermittelt, darunter Schneidereien, Imbissstände, Friseursalons, Cafés und Elektronikwerkstätten.

Der Weg in die Selbstständigkeit 

Für Shukrani war es keine Option mehr, darauf zu warten, dass die Hilfsleistungen wieder aufgenommen würden. Im Jahr 2021 mietete sie ein kleines Zimmer und begann, mit zwei Nähmaschinen zu arbeiten, für deren Nutzung sie eine Gebühr zahlte. Zunächst arbeitete sie allein – sie übernahm kleine Schneideraufträge von anderen Geflüchteten, flickte Kleidung, nähte Kleider und fertigte Schuluniformen an. Das Einkommen war bescheiden, aber im Gegensatz zu den Hilfsgeldern war es verlässlich.

Was als persönlicher Kampf ums Überleben begann, entwickelte sich bald zu etwas Größerem. Als die Zahl der Bestellungen stieg, baten junge Menschen darum, das Handwerk zu erlernen. Viele hatten die Sekundarschule oder eine Berufsausbildung abgeschlossen, konnten aber im Camp keine Arbeit finden. Shukrani erlaubte ihnen, zu bleiben, und brachte ihnen bei, wie man näht, Preise festlegt und mit Kundschaft und Terminen umgeht.

Kinder lernen vor einem Klassenzimmer der Al-Nuur-Grundschule in Kakuma.

„Das war nicht der Plan“, sagt sie. „Ich wusste einfach, dass ich alleine nicht überleben könnte.“ Ihre Entscheidung fiel zu einer Zeit, als sich die humanitäre Politik im Wandel befand. Die Politik der Regierungen und internationale Organisationen fördern zunehmend die Selbstständigkeit von Geflüchteten, die wirtschaftliche Stärkung von Frauen und die Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Doch es fehlen die strukturellen Reformen, die für die Umsetzung dieser Ziele notwendig sind.

Frauen und Menschen mit Behinderungen sind am stärksten betroffen

Im weiteren Sinne stehen diese Bemühungen im Einklang mit den Verpflichtungen des Kontinents im Rahmen der Agenda 2063 und der „Strategie für Geschlechtergleichstellung und die Stärkung der Rolle der Frau“ der Afrikanischen Union, die beide der wirtschaftlichen Teilhabe und Selbstständigkeit Vorrang einräumen. Allerdings schränken Umsetzungslücken auf nationaler und lokaler Ebene ihre Wirkung in Flüchtlingskontexten weiterhin ein.

Grundsätzlich werden Geflüchtete dazu ermutigt, sich eine Existenzgrundlage aufzubauen. In der Praxis fließt jedoch der Großteil der humanitären Hilfsgelder in Nahrungsmittel- und Nothilfe, während die Schaffung langfristiger Einkommensmöglichkeiten vernachlässigt wird.

„Frauen, Alleinerziehende und Menschen mit Behinderungen sind am stärksten betroffen“, sagt Clement Otiang von „Build Up“, einer von der deutschen Entwicklungsagentur GIZ unterstützten NGO, die an der Schnittstelle zwischen Friedensförderung und Technologie tätig ist. „Sie tragen familiäre Verantwortung und sehen sich gleichzeitig mit physischen, sozialen und wirtschaftlichen Hindernissen konfrontiert, die ihre Erwerbsmöglichkeiten einschränken.“

Eine Behinderung führt zu weiterer Marginalisierung. Nach Angaben des UNHCR sind Geflüchtete mit Behinderungen häufiger arbeitslos als Menschen ohne Behinderungen und in deutlich stärkerem Maße auf Hilfe angewiesen.

Kundschaft aus den USA und Australien

In Shukranis Laden verlieren diese Statistiken jedoch an Bedeutung. Die Bestellungen kommen aus dem gesamten Camp und darüber hinaus – unter anderem aus den USA, Kanada und Australien, wo sich ehemalige Geflüchtete niedergelassen haben. Im Durchschnitt kann Shukrani bis zu 12 Dollar pro Tag verdienen.

Shukrani hat inzwischen eine zweite Schneiderei eröffnet, die von ihrem Bruder geleitet wird. Bis heute hat sie mehr als zehn junge Menschen ausgebildet. Einige von ihnen sind inzwischen sogar ins Ausland gezogen und arbeiten dort weiterhin als Schneider*innen.

Andere sind nach wie vor in Kakuma und arbeiten entweder mit ihr zusammen oder führen ihre eigenen Geschäfte. Ein ehemaliger Auszubildender, Faraja, betreibt beispielsweise mittlerweile eine Schneiderei direkt neben Shukranis Laden auf dem äthiopischen Markt in Kakuma 1.

Weitreichende Auswirkungen

Die positiven Auswirkungen sind offensichtlich. Jede*r ausgebildete Schneider*in kann eine Familie ernähren. Jedes Unternehmen ist weniger auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Die Kund*innen können direkt im Lager erschwingliche Dienstleistungen in Anspruch nehmen, anstatt lange Wege zurücklegen zu müssen oder auf Spenden angewiesen zu sein.

Dennoch agieren von Geflüchteten geführte Unternehmen wie das von Shukrani weiterhin am Rande der Gesellschaft. Trotz der zunehmenden Betonung der Eigenständigkeit schränken strukturelle Hindernisse nach wie vor den Umfang und die Nachhaltigkeit solcher Unternehmen ein. Der Zugang zu Finanzmitteln ist beispielsweise weiterhin eingeschränkt, da Geflüchtete nicht ohne Weiteres Bankkonten eröffnen oder Kredite erhalten können. Arbeitserlaubnisse sind schwer zu bekommen. In Programmen zur Existenzsicherung werden kurzfristige Schulungen oft gegenüber langfristiger Unternehmensförderung priorisiert.

„Es geht nicht nur darum, politische Maßnahmen umzusetzen“, sagt Clement Otiang. „Es geht darum, den Menschen zu zeigen, wie sie Zugang zu Ressourcen, insbesondere zu finanziellen Mitteln, erhalten können. Jemand wie Shukrani verfügt über das Potenzial, die Widerstandsfähigkeit und die Fähigkeiten. Mit der Unterstützung von Mentor*innen und Kapital könnte sie so viel mehr erreichen.“

„Alles begann mit meinem Überlebenswillen“, sagt Shukrani. „Jetzt geht es darum, auch anderen zu helfen, zu überleben.“ An einem Ort, an dem Hilfsleistungen über Nacht verschwinden können, macht ihre Einstellung einen großen Unterschied. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob sich die politischen Rahmenbedingungen endlich so weiterentwickeln werden, dass strukturelle Veränderungen möglich werden und den Realitäten Rechnung getragen wird, mit denen Geflüchtete heute in Kakuma konfrontiert sind.

Rey Bulambo ist ein kongolesischer Geflüchteter in Kenia sowie Multimedia-Produzent und Journalist. Er dokumentiert Geschichten über Widerstandsfähigkeit, Vertreibung und Flüchtlingsgemeinschaften.
reyegidebulambo15@gmail.com

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