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Schulqualität

Nepals große Bildungsunterschiede

von Abishek Thapa

Hintergrund

Immer zu heiß oder zu kalt: provisorisches Klassenzimmer nach dem Erdbeben.

Immer zu heiß oder zu kalt: provisorisches Klassenzimmer nach dem Erdbeben.

Dass Nepal sozial gespalten ist, zeigt sich an seinen Schulen. Kinder auf dem Land und aus niedrigeren Kasten sind schlechter ausgebildet als jene in Städten und aus höheren Kasten. Qualität und Ressourcen der Lehrer an staatlichen Schulen sind, verglichen mit Privatschulen, schlecht. Die enormen Bildungsunterschiede sind keine gute Voraussetzung für die Zukunft Nepals.

Es ist 6 Uhr morgens in Daduwa, einem abgelegenen Dorf im Bezirk Ramechhap, und der 10-jährige Laxman arbeitet bereits hart. Jeden Morgen vor der Schule, die eine Stunde zu Fuß von seinem Haus entfernt ist, melkt Laxman die Kühe, sammelt Futter für die Tiere und Brennholz für seine Familie.

Laxman gehört zur armen und marginalisierten Thami-Gemeinschaft. Thami-Männer arbeiten normalerweise in Steinbrüchen und an Ziegelöfen, Frauen in Bauernhöfen und Haushalten. Kinder arbeiten routinemäßig mit. Dies gilt im größten Teil des ländlichen Nepals, wo Kinder ab fünf Jahren Hausarbeiten erledigen, sich um jüngere Geschwister kümmern und kochen – alles vor dem Schulunterricht.

Das wirkt sich auf die Bildung aus. Etwa ein Drittel der Bevölkerung Nepals sind Analphabeten, auf dem Land und bei den Älteren sind die Raten höher. Im UN Human Development Index 2019 belegte Nepal in Bezug auf Gesundheit, Bildung und Lebensstandard den 142. Platz von 189 Ländern.

Schulbesuch und Alphabetisierung haben sich in Nepal in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert. Laut einem Bericht von 2014 des Borgen-Projekts, einer gemeinnützigen Organisation zur Armutsbekämpfung, stieg der Grundschulbesuch von 1971 bis 2001 von 400 000 auf 3,9 Millionen Schüler und der Sekundarschulbesuch von 120 000 auf 1,5 Millionen Schüler. Die Alphabetisierungsrate verbesserte sich von 23 Prozent im Jahr 1981 auf 54 Prozent 2001.

Die positiven allgemeinen Trends verschleiern aber die großen Bildungsunterschiede innerhalb der Bevölkerung. Die Kluft befindet sich zwischen Kindern auf dem Land und in der Stadt, zwischen staatlichen und privaten Schulen sowie niedrigeren und höheren Kasten.


Land gegen Stadt

Die Bedingungen in Nepals ländlichen Schulen sind katastrophal. Laut Borgen-Projekt zeigen Studien, dass in staatlichen Schulen kaum gelernt wird. Zudem halten sie nur wenige Prüfungen ab und bieten keine Hilfe für Schüler mit Lernschwierigkeiten.

Die Ungleichheit zwischen städtischen und ländlichen Schulen wurde nach den Erdbeben in Nepal 2015 deutlich, bei denen fast 9000 Menschen getötet und mehr als 22 000 verletzt wurden. Die Erdbeben zerstörten über 35 000 Klassenzimmer in Schulen von einer Million Kindern.

Als Reaktion darauf baute die Regierung temporäre Lernzentren – provisorische Klassenzimmer aus Wellblech mit einigen Holzstützen – für die Zeit, in der die Schulgebäude repariert oder wieder aufgebaut wurden. Die Räume waren dunkel, zu heiß oder zu kalt und es regnete hinein. Lernen war fast unmöglich.

Die meisten städtischen Schulen sind inzwischen wieder aufgebaut, viele Schulen auf dem Land aber noch nicht. Letztere kämpfen generell mit schlechter Ausstattung und niedriger Lehrer-Schüler-Quote. Bei den Eltern und Gemeindevorstehern fehlt häufig das Wissen über die Zustände in den Schulen, es mangelt an Sachkenntnis der öffentlich bestellten Schulaufseher und schlechter allgemeiner Rechenschaftspflicht und Aufsicht.


Öffentliche gegen private Schulen

Ähnlich gegensätzlich ist die Ausbildungsqualität von öffentlichen und privaten Schulen. Öffentliche Schulen sind schlechter ausgestattet. Die Zahl der voll qualifizierten Lehrer an staatlichen Schulen ist weiterhin zu niedrig. Die ungleiche Bildungsqualität von öffentlichen und privaten Schulen zeigt sich deutlich in den sehr ungleichen Leistungen ihrer Schüler bei den nationalen Abschlussprüfungen (School Leaving Certificate).

Auch die Abbrecherquote ist an staatlichen Schulen höher. Obwohl sie staatlich finanziert werden, sind sie oft auf zusätzliche Unterstützung durch die Familien angewiesen. Eltern müssen in der Regel für Bücher und Lernmaterialien, Schuluniformen sowie Aufnahme- und Prüfungsgebühren aufkommen. Deshalb nehmen viele verarmte Eltern auf dem Land ihre Kinder aus der Schule – oder ermutigen sie, freiwillig die Schule zu verlassen und stattdessen Arbeit zu finden.


Kasten-, Ethnien- und  Geschlechterunterschiede

Schulen spiegeln auch die ethnische Spaltung Nepals wider: Benachteiligte Gruppen erhalten schlechte Dienstleistungen. Das Land ist in eine Vielzahl ethnischer Gruppen zersplittert, jede mit ihrer eigenen Kultur und Sprache. Außerdem ist es nach Klassen und Kasten geschichtet.

Nepal ist in hohem Maß politisch instabil und fragmentiert. Dies bestätigt ein Bericht von 2018 von World Education Services (WES), einer gemeinnützigen Gruppe, die Zeugnisbewertungen für internationale Studenten anbietet. „Die nepalesische Gesellschaft ist immer noch weitgehend landwirtschaftlich geprägt und stark stratifiziert, wobei die Hindu-Eliten der oberen Kaste eine multikulturelle Gesellschaft mit 125 ethnischen Gruppen/Kasten, die 123 Sprachen sprechen, dominieren“, heißt es im Bericht. „Nur 45 Prozent der Bevölkerung spricht die Landessprache Nepali als Muttersprache.“

Wer Nepals Bildungsprobleme lösen will, muss dieses breitere soziologische Bild berücksichtigen. Schlechte Schulbildung für Kinder auf dem Land, aus niedrigeren Kasten und an öffentlichen Schulen wird die Ungleichheiten sehr wahrscheinlich vertiefen und aufrechterhalten.

Geschlechterunterschiede sind eine weitere Herausforderung. Mädchen gehen in Nepal seltener zur Schule als Jungen, und junge Frauen haben weniger Zugang zu Berufsausbildung und höherer Bildung als junge Männer. Auch dies dürfte langfristige Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben.

Durch die Covid-19-Pandemie werden die Herausforderungen immer gewaltiger. Der wirtschaftliche Druck führt dazu, dass immer mehr Kinder die Schule abbrechen. Je ärmer die Eltern, umso eher müssen auch kleine Kinder zum Lebensunterhalt der Familie beitragen (siehe Kasten).


Die Arbeit von Childaid

Nichtregierungsorganisationen wie die in Deutschland ansässige Stiftung Childaid Network versuchen, die Bildungslücken in Nepal zu schließen. Childaid ist seit 2012 im Distrikt Ramechhap in Ost-Zentral-Nepal aktiv. Nach den Erdbeben 2015 unterstützte die Organisation den Wiederaufbau von Schulen in betroffenen Gebieten.

Childaids aktueller Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung von Lehrern und Beamten. Außerdem bauen wir Kapazitäten bei den Mitgliedern von Schulaufsichtsgremien auf und stellen Schülern Lernmaterialien zur Verfügung. In von Childaid gesponserten Programmen wird Grundschullehrern vermittelt, wie spielerische Lernansätze funktionieren. Außerdem lernen sie, wie sie lokal verfügbare Materialien als Lernhilfen einsetzen können. Grundschullehrer werden in der Leitung von Klassenräumen und in kindgerechten Unterrichtsmethoden geschult.

Gleichzeitig werden die Lehrer über Lücken im Bildungssystem aufgeklärt – und über ihre Handlungsmöglichkeiten. Lehrer können zum Beispiel das Bewusstsein von Eltern und Gemeindeleitern für die Bedeutung von Bildung stärken. Sie können helfen, Eltern zu motivieren, sich mehr in das Schulleben ihrer Kinder einzubringen. Die Idee ist, jedem Kind eine gute Bildung zu ermöglichen – unabhängig von Ethnie, Kaste, Geschlecht und geografischer Lage.


Links

Dilas, D. B., et al., 2018: Education in Nepal. In: World Education News & Reviews, World Education Services.
https://wenr.wes.org/wp-content/uploads/2018/04/Apr18_TrinesCP-1.png

Moore, C., 2014: Seven facts about education in Nepal. In: The Borgen Project.
https://borgenproject.org/facts-about-education-in-nepal/


Abishek Thapa ist Projektkoordinator in Nepal für die Childaid Network Foundation, eine Hilfsorganisation mit Sitz in Deutschland.
[email protected]
https://www.childaid.net/

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