Oligarchentum
Ein Schritt weiter in Richtung „Muskismus“
Wie Musk zum superreichen, politisch gut vernetzten Oligarchen aufstieg, beschreiben der Historiker Quinn Slobodian und der Technologieexperte Ben Tarnoff in ihrem Buch „Muskismus“. Sie warnen, er könne Wirtschaft und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ähnlich prägen, wie es Henry Ford im 20. Jahrhundert tat, dessen Fließbandproduktion weltweit die Industrie veränderte und zur Basis des „Fordismus“ wurde.
Ob Musks Geschäftsmodell ähnlich dominant wird, steht für die Autoren nicht fest, sie halten ein solches dystopisches Szenario aber für möglich. Musks Versprechen, so schreiben Slobodian und Tarnoff, ist in instabiler Weltlage Autarkie durch Technologie. So sichere er staatliche Souveränität, die dann aber von ihm und seinen Unternehmen abhänge. Wie das Buch ausführt, bemüht sich Musk, Wirtschaftsprozesse so weit wie möglich zu automatisieren und von menschlicher Tätigkeit zu reinigen, damit eine elitäre weiße Minderheit mit dieser Technik verschmelzen und sich zunehmend unangreifbar machen kann.
SpaceX startet die Hälfte aller Raketen
Das klingt wie Science-Fiction. Tatsächlich ist Musk auf diesem Weg mit SpaceX schon weit gekommen. Viele Staaten sind von diesem Konzern abhängig, der Satelliten ins All bringt und dessen Starlink-Netzwerk vielerorts Zugang zum Internet ermöglicht.
In den USA führte SpaceX im vergangenen Jahr circa 85 % aller Raketenstarts in eine Umlaufbahn durch, was etwa der Hälfte aller weltweiten Starts entspricht. Von Starlink hängen unter anderem die Streitkräfte der Ukraine ab. Weil Musk sein KI-Unternehmen xAI und die Social-Media-Plattform X (ehemals Twitter) in SpaceX integriert hat, spielt dieser Konzern auch im Medien- und Wissenssektor eine weltweite Rolle. Diese Sparten schreiben Verluste, haben durch den Börsengang aber eine Kapitalspritze erhalten.
Ungewöhnlich ist, dass Musk die alleinige Kontrolle über den Konzern behält. Seine Aktien haben ein höheres Stimmrecht als die an der Börse gehandelten, was den Einfluss anderer Anteilseigner begrenzt. Anders als normalerweise üblich können sie ihn nicht zur Rechenschaft ziehen.
Aktieneinführung als Schneeballsystem
Der Börsengang vom 12. Juni hat Musk auf einen Schlag sehr viel reicher gemacht – aber Kleinanleger*innen abgezockt. Die Aktieneinführung war nämlich als Schneeballsystem angelegt, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman auf Substack erläuterte. Dafür sorgten Regeländerungen, die wichtige Börsenindizes vollzogen – auf Musks Drängen und zu seinen Gunsten.
Bislang nahmen Indizes neue Aktien erst auf, wenn sich deren Kurs nach einigen Monaten stabilisiert hatte und einigermaßen berechenbar war. Das SpaceX-Papier kam – angeblich wegen seiner großen Bedeutung – aber schnell in den Nasdaq 100 und den FTSE Russell. Das gab der Aktie besonderen Schub, denn große Finanzunternehmen brauchen sie, wenn deren Fonds diese Aktienindizes widerspiegeln. Der so gestützte Kurs lockte Kleinanlegende, die fürchteten, eine Chance zu verpassen. Das werde sich als Irrtum erweisen, warnte Krugman bereits am 17. Juni – und tatsächlich fiel der Kurs bereits am 22. Juni wieder unter das Ausgabeniveau vom Börsengang zehn Tage zuvor.
Von Musk begeisterte Kleinanleger*innen, die eine große Chance witterten, haben also Anlagevermögen verloren. Das gilt zugleich aber auch für risikoscheue Kleinanleger*innen, die auf Index-Fonds setzen, falls diese Fonds SpaceX-Titel erwerben mussten. Der Plutokrat profitierte davon, dass lang etablierte Kapitalmarktregeln ausgesetzt worden waren. Sein Gesamtvermögen beträgt zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels wegen der Kursrückschläge aber knapp unter einer Billiarde Dollar. Weil auch andere Technologie-Aktien nachgaben, erlebten andere Silicon-Valley-Oligarchen ebenfalls Vermögenseinbußen.
Starökonom Krugman hatte gute Argumente für seine Prognose. Er wies zum Beispiel auf das krasse Missverhältnis hin, dass die Börsenkapitalisierung – also der Gesamtwert aller Aktien – von SpaceX wenige Tage nach dem Börsengang schon den von Amazon übertraf. Dabei schrieb SpaceX 2025 einen Verlust von knapp 5 Milliarden Dollar, und sein Umsatz von knapp 19 Milliarden Dollar lag deutlich unter den 78 Milliarden Dollar, die Amazon 2025 als Nettogewinn einfuhr.
Verkaufte Träume
Krugman schreibt, der zeitweilige Billionär Musk verstehe sich darauf, Träume zu verkaufen, obwohl viele seiner Visionen nie wahr würden:
- Musks Boring Company habe keine wirtschaftlich nützlichen Tunnel und kein alternatives Verkehrssystem („Hyperloop“) gebaut,
- es gebe keine vollständig selbstfahrenden Tesla-Taxis und
- Neuralink, die Musk-Firma, die mittels Implantaten Gehirne mit Rechnern vernetzen soll, steckt im Versuchsstadium fest.
Andere halten Musk für ein Genie, weil er die Raumfahrt für die Privatwirtschaft geöffnet habe. Sie übersehen die Rolle der US-Regierung. Der hohe Preis, den diese für seine vielen, vermeintlich billigen Raketendienstleistungen zahlt, ist ihre langfristige Abhängigkeit von ihm.
Angefangen hatte der Trend 2001, als das Verteidigungsministerium unter Präsident George W. Bush hoffte, Rüstungsbeschaffung durch großzügigere Beauftragung privater Unternehmen billiger zu machen. In „Muskismus“ erläutern Slobodian und Tarnoff, wie Musk das nutzte, um sich ein Monopol für Raumfahrtdienste zu schaffen. Ihnen zufolge lässt Musk sich von Science Fiction inspirieren, ist aber auch geprägt von der Festungsmentalität der herrschenden weißen Minderheit im Apartheids-Südafrika, in dem er aufwuchs.
Kein Interesse an Nachhaltigkeit
Musk sieht die Menschheit in einem existenziellen Endkampf, bei dem er sich entweder durchsetzen oder untergehen wird. Was dabei nicht vorkommt, ist Nachhaltigkeit. Musk bietet Aussichten, wie einzelne Menschen oder Staaten die ökologische Weltkatastrophe überstehen könnten, aber nichts, was die Menschheit als Ganze auf sicherere Bahnen lenken kann.
Entsprechend wickelte Musk als Sonderbeauftragter von US-Präsident Donald Trump nach dessen Rückkehr ins Weiße Haus Anfang 2025 sofort die Entwicklungsbehörde USAID ab. Gesundheitsversorgung, Bildung oder auch nur Nahrung für alle im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der UN passen nicht zum Muskismus. Er ist vielmehr das ökonomische Äquivalent der autoritären Vision Donald Trumps, Supermächte dürften unseren Planeten unter sich aufteilen und dann ohne Rücksicht auf andere beherrschen.
Quellen
Slobodian, Q., und Tarnoff, B., 2026: Muskismus – Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Suhrkamp Verlag, Berlin.
Krugman, P., 2026: Substack-Einträge vom 12. und 17. Juni 2026. paulkrugman.substack.com
Hans Dembowski war von 2004 bis 2024 Chefredakteur von E+Z.
dembowski@posteo.de