D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

- keine -

Pakistan

Müllsammelnde Familien in Islamabad leiden unter Armut

von Imran Mukhtar

Hintergrund

Vater und Tochter beim Müllsammeln.

Vater und Tochter beim Müllsammeln.

Vater und Tochter beim Müllsammeln.

Vater und Tochter beim Müllsammeln.

Formell registrierte Institutionen entsorgen in Pakistan nur etwa 50 Prozent der Siedlungsabfälle. Die andere Hälfte übernehmen informell Erwerbstätige. Sie verdienen ihr Geld mit Sammeln, Sortieren und Weiterverkaufen von Weiterverwertbarem. Ihre Arbeit ist ökologisch wertvoll, gefährdet aber oft ihre eigene Gesundheit.

Am Morgen läuft Khushhal Khan mit seinen minderjährigen Kindern zu Fuß eine Stunde in die Innenstadt von Islamabad, um in wohlhabenden Wohngegenden Abfälle zu sammeln. Zusammen mit seiner 13-jährigen Tochter durchkämmt er die Container der städtischen Müllabfuhr. Sie sammeln Plastikflaschen, Papiere, Kartons and andere verwertbare Dinge in einer großen Tasche. Zeitgleich durchsuchen Khans Söhne, neun und zehn Jahre alt, in Nachbarstraßen Container und tragen so zum Lebensunterhalt bei. Kinderarbeit ist im informellen Sektor üblich und wird von den Behörden geduldet.

Typischerweise haben die Menschen, die diese ökologisch nötige Arbeit leisten, keinerlei Schutzkleidung. Oft laufen Kinder barfuß über Müllhalden. Ganze Familien sind Gesundheitsrisiken ausgesetzt, die sie kaum einschätzen können.


In den Städten gleichen viele Freiflächen und Flussufer Müllhalden, und es gibt auch viele ungeplant entstandene Deponien. Die Lage wäre schlimmer, würden nicht arme Familien erhebliche Anteile sammeln und verwerten. Auch von Lebensmittelmärkten „verschwinden“ organische Abfälle auf diese Wiese. Selbst auf kommunalen Deponien suchen Menschen nach Wertstoffen, was die Kapazität der Anlagen entlastet.

Aus Sicht von Ahmad Rafay Alam, einem auf Umweltrecht spezialisierten Anwalt, ist die informell organisierte Müllverwertung sehr nützlich: „Eine große Menge an Materialien wie Metall, Glas, Papier und Plastik werden so aus der Umwelt entfernt.“

Futter für die Kühe

Khan und seine Kinder arbeiten den ganzen Tag. Am späten Nachmittag trennen sie den gesammelten Müll und verteilen ihn auf unterschiedliche Beutel. Auch organischen Müll – übrig gebliebenes Essen und Küchenabfälle – verwerten sie. Sie brauchen Futter für ihre drei Kühe. „Sie produzieren nicht nur Milch für meine Familie“, sagt Khan, „ich verkaufe auch Milch auf dem Markt.“

Mit dem Verkauf von anorganischen Wertstoffen verdient er laut eigenen Angaben durchschnittlich nur 500 pakistanische Rupien (ungerechnet ungefähr 2,30 Euro) pro Tag. „Das Einkommen ist zu niedrig, um über die Runden zu kommen“, resümiert er. Er schimpft, Angestellte der kommunalen Müllentsorgung behielten die wertvollsten Materialien und verdienten damit neben ihrem Monatslohn Geld. „Ich habe aber keine andere Wahl als dieser Arbeit nachzugehen, weil ich Analphabet bin“, so Khan. Er wolle aber lieber hart arbeiten als betteln.

Einer aktuellen Studie der multilateralen Asiatischen Entwicklungsbank (ADB – Asian Development Bank) zufolge generiert Pakistan jährlich 30 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle („municipal waste“),  von denen formelle Institutionen etwa 50 Prozent entsorgen. Entsprechend spielt der informelle Sektor eine wichtige Rolle dabei, organische und anorganische Abfälle aus der Umwelt zu entfernen und dem Wirtschaftskreislauf wieder zuzuführen. Die ADB-Autoren beklagen den Mangel an zuverlässigen Daten, schätzen aber, dass aus dem Müll „mehr als 80 Prozent der Wertstoffe (Papier, Plastik, Glas, Metall und Gummi) vor der Deponierung von informellen Erwerbstätigen herausgeholt werden“.

Bekannt ist auch, dass eine hohe Zahl der informell Abfallverwertenden aus dem benachbarten Afghanistan geflohen ist. Seit Jahrzehnten leben Geflüchtete in Pakistan. Sie wohnen in offiziellen Lagern und städtischen Slums. Ihre Einkommen sind niedrig und reichen meist nicht. Die Khans sind Binnenvertriebene aus der Prozinz Khyber Pakhtunkhwa an der afghanischen Grenze, die in den vergangenen Jahrzehnten von massiver politischer Gewalt gekennzeichnet wurde. Sie leben in einem informellen Lager in Islamabad, wo sich auch viele Menschen aus Afghanistan eingerichtet haben

Komplexe Lieferketten

Es gibt komplexe Lieferketten für Altpapier, Altmetalle und Lumpen. Auch der Zwischenhandel ist weitgehend amtlich nicht erfasst. Zeeshan Ali ist Zwischenhändler und wird von Leuten wie Khan und seinen Kindern beliefert. Ali hat einen Laden in der Innenstadt, wo er Kunden empfängt und den angekauften Müll weiter sortiert.

Er schätzt seine Tageseinnahmen auf durchschnittlich 1500 pakistanischen Rupien (sieben Euro) und klagt, er komme damit kaum auf seine Kosten. Zudem sei sein Geschäft risikoreich. „Was wir kaufen, könnte auch gestohlen sein“, erzählt Ali. „Wir werden jedes Mal von der Polizei befragt, wenn ein Diebstahl in dem Gebiet gemeldet wird.“

Dennoch würde Ali sein Geschäft gern vergrößern. Dafür bräuchte er aber Platz und Geld für Investitionen. Beides fehlt ihm. Die Gewinnmargen sind gering und die volkswirtschaftliche Lage ist schwierig. Die Inflation macht kleinen Betrieben – ob formell oder informell – schwer zu schaffen. Pakistan steht vor einer Staatspleite und die neue Regierung verhandelt derzeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über ein 6-Milliarden-Dollar-Kreditprogramm.

Den Wert der informellen Abfallentsorgung erkannte 2020 auch ein Aufsatz in der wissenschaftlichen Zeitschrift Journal of Cleaner Production (Yousafzai et al). Vorteile gebe es für Lebensmittelsicherheit, Gesundheitswesen und Umwelt. Zugleich hält die Studie fest, die informell tätigen Menschen hätten kein Verständnis davon, was sie zum gesellschaftlichen Leben beitragen. „Eine enorme Mehrheit von 99 Prozent tut so, als gebe es sie gar nicht. Sie haben dualistische Identitäten.“ Viele seien zudem wegen ihres Fluchthintergrunds stigmatisiert.

Ungesehene Helden

Für diejenigen, die sich so ihr Geld verdienen, gibt es drei riesige Nachteile – die niedrigen Einkommen, der fehlende Arbeitsschutz und die mangelnde soziale Sicherung. Sie sind Wind und Wetter – und diversen Schadstoffe – ausgesetzt. Die Hygienebedingen sind sehr schlecht. Im Krankheitsfall sind sie auf ihre Familien angewiesen.

Sie leben in Armut und werden verachtet, obwohl ihre Arbeit in hohem Maße Umwelt und Gesellschaft dient. „Unsere Städte profitieren von diesen ungesehenen Helden, aber sie bekommen nichts zurück“, urteilt Umweltanwalt Alam.

Imran Mukhtar ist Journalist in Islamabad.
imranmukhtar@live.com
Twitter: @imranmukhtar

Links:

ADB, 2022: Solid waste management sector in Pakistan: A reform road map for policy makers. Manila, Asian Development Bank.  https://www.adb.org/sites/default/files/publication/784421/solid-waste-management-pakistan-road-map.pdf

Yousafzi, M.T.,  Nawaz, M., Chunlin, X., Sang-Bing, T., and Chien-Hung, L., 2020: Sustainability of waste picker sustainopreneurs in Pakistan’s informal solid waste management system for cleaner production. In: Journal of Cleaner Production, Vol. 267.

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0959652620319600

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren