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Staatlichkeit

Wie Wälder in Zentralindien zu Konfliktherden werden

von Suparna Banerjee

Hintergrund

Paramilitärische Truppen patrouillieren nach einem Schusswechsel mit Linksextremisten in Chhattisgarh.

Paramilitärische Truppen patrouillieren nach einem Schusswechsel mit Linksextremisten in Chhattisgarh.

In Indiens Wäldern leben indigene Adivasi-Völker seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur. Viele haben immer noch kaum Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft. Doch die moderne Welt dringt immer öfter in die entlegensten Wälder vor und das führt zu schweren Konflikten – besonders wenn Unternehmen natürliche Ressourcen ausbeuten wollen. Es gibt zwar Gesetze zum Schutz von Natur und lokalen Gemeinschaften, aber diese helfen kaum, um den Konflikt zu lösen.

Indiens indigene Gemeinschaften werden als „Adivasi“ bezeichnet. Sie genießen als „scheduled tribes“ („registrierte Stammesgemeinschaften“) offiziellen Sonderschutz (siehe Kasten). Dennoch bleiben sie meist marginalisiert. Viele Dörfer haben kaum Kontakt zur Außenwelt. Die Dorfbewohner leben nach Gewohnheitsrechten, die sich über die Jahrhunderte entwickelt haben und es ihnen erlauben, natürliche Ressourcen zu nutzen und zugleich Verwalter der Wälder zu sein.

Der Forest Rights Act von 2006 erkennt die Symbiose der Adivasi mit ihrem natürlichen Lebensraum an. Es räumt den Dorfversammlungen klar eine Rolle bei der Verwaltung der Wälder ein und ermächtigt sie, ihre Kultur zu schützen.

Der Oberste Gerichtshof Indiens hat diese Rechte großzügig interpretiert. In einem Grundsatzurteil verbot er Vedanta Aluminium den weiteren Abbau von Bauxit in den Niayamgiri-Bergen. Das Gericht entschied hier zugunsten der Dongria Kondh, einer Adivasi-Gemeinschaft, die die Berge als religiöse Stätte betrachten.

Bergbau, Ressourcenausbeutung und Wirtschaftswachstum

Leider sind solche Lösungen selten. Die Kluft zwischen dem, was die Regierung als Entwicklung ansieht und der Lebensweise der indigenen Gemeinschaften (etwa auf den Andamanen, siehe Anup Dutta auf www.dandc.eu) ist groß. Die Regierung ist sehr an Bergbau, Ressourcen und Wirtschaftswachstum interessiert und tendiert dazu, sich auf die Seite der Unternehmen zu stellen. Es gibt viele Gründe, warum Gesetze zum Schutz der Adivasi oft nicht durchgesetzt und sogar eklatant gebrochen werden:

Die Rechtslage ist verwirrend, da Gesetzgebung auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene oft uneinheitlich ist.

  • Die Adivasi haben ihre eigenen Sprachen, aber die Gesetze sind in Englisch und Hindi verfasst, was sie oft nicht verstehen. Auch haben die Adivasi keine Anwälte und aus kulturellen Gründen erschwerten Zugang zu den Gerichten.
  • Staatsbeamte verstehen oft keine der Adivasi-Sprachen.
  • In ganz Indien werden Gesetze oft unvollständig umgesetzt, auch, weil die formale Gesetzgebung selten den Gegebenheiten an der Basis entspricht. Kastendenken und die Macht des Geldes setzen sich oft über die Rechtsstaatlichkeit hinweg.
  • Indische Behörden sind für Korruption bekannt.

Besonders drastisch ist die Lage im Distrikt Bastar im Bundesstaat Chhatisgarh, wo Eisenerz abgebaut und Wald abgeholzt wird. Von dem Ressourcenabbau profitieren die lokalen Adivasi-Gemeinschaften wie Gond und Halba nicht.

Sie brauchen den Wald, um Heilkräuter und Nahrung zu sammeln, um ihr Vieh zu weiden und für Brennstoffe, um ihre Toten zu begraben und für religiöse Rituale. Doch der Waldbestand geht stetig zurück, vor allem, weil die gewohnten Waldrechte der lokalen Bevölkerung vernachlässigt werden. Bastar ist eine der rückständigsten Regionen Indiens mit einer geringen Alphabetisierung, unzureichender Gesundheitsversorgung und schlechter Infrastruktur.

Spannungen steigen seit Beginn der Liberalisierung in den 1990er Jahren. Das marktorientierte Entwicklungsparadigma der Regierung hat die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen in den letzten drei Jahrzehnten schnell steigen lassen. Forst- und Bergbausektor sind kaum reguliert. Seit Beginn der Liberalisierung in den frühen 1990er Jahren nehmen die Spannungen in Waldgebieten wie Bastar drastisch zu. Es kommt immer wieder zu Vertreibungen, Umsiedlungen und mageren Entschädigung für Land, das der Staat beansprucht.

Der Forest Rights Act war ein Schritt in die richtige Richtung, stand aber immer im Widerspruch zu einigen staatlichen Vorschriften. Einfache Adivasi können sich in der rechtlichen Komplexität nicht zurechtzufinden.

Diese Umstände haben es Linksextremisten ermöglicht, sich bei den Adivasi zu etablieren und einige, wenn auch nicht alle, schlossen sich ihnen an. Täglich gibt es gewaltsame Zusammenstöße. Neben offiziellen Sicherheitskräften spielen auch rechte Bürgerwehren eine Rolle (siehe Nandini Sundar auf www.dandc.eu).

Die Bekämpfung von Aufständen sind selten mit Rechtsstaatlichkeit vereinbar – überall auf der Welt und auch in Zentralindien nicht. Es gibt unzurechte Verurteilungen und Vorwürfe, extremistischen Gruppen anzugehören. Aktivisten, die auf verankerten Rechten bestehen, werden oft als „Terroristen“ verfolgt.

Spalterische Bildung

In diesem Umfeld haben selbst scheinbar harmlose Eingriffe von außen das Potenzial zu spalten. Ein Beispiel ist die Adivasi-Internatsschule Kalinga Institute of Social Science (KISS) im Bundesstaat Odisha, die mit Unternehmen wie dem Bergbaukonglomerat Adani kooperiert und junge Menschen zu Facharbeitern in diesem Sektor ausbildet.

Dieser Ansatz ist weniger edel als er vielleicht wirkt. Junge Menschen werden ausgebildet, aber sie werden auch vereinnahmt und gegen die Interessen ihrer Gemeinschaften ausgespielt. Bildungseinrichtungen zwingen junge Adivasi oft, ihre Sprache, Essgewohnheiten und ihre typische Kleidung aufzugeben.

Seit 30 Jahren werden die Adivasi von ihrem eigenen Land vertrieben und gezwungen, als Vertragsarbeiter im Bergbausektor zu arbeiten. Das führt zu einer mit großen Opfern verbundenen Abwanderung in andere Bundesstaaten. Sonderrechte für Adivasi gelten oft nur in dem Staat, aus dem sie stammen. In der Diaspora gehen die einheimischen Sprachen und Traditionen schnell verloren.

Jede Adivasi-Gruppe ist einzigartig, mit ihren Traditionen und Jahrhunderte zurückreichender Kultur. Die Gruppen versuchten immer, ihre Lebensweise, Normen und Bräuche zu bewahren. Konflikte gibt es, wenn sich herausstellt, dass ihr Land reich an natürlichen Ressourcen ist, und die Regierung es kommerziell nutzen möchte.

Es muss wieder Frieden hergestellt werden. Es ist fraglich, ob die indigenen Gemeinschaften weiterleben können wie bisher oder ob sie sich der Mehrheitsgesellschaft anpassen müssen. Gegenseitiges Lernen ist wichtig. Dafür müssen die verbürgten Rechte der Adivasi gewahrt werden. Sie müssen das ihnen zustehende Mitspracherecht darüber erhalten, was mit ihrem Land geschieht. Die Idee, die moderne indische Gesellschaft sei zivilisierter, ist ein Irrtum. Das derzeitige Konsumverhalten ist nicht nachhaltig – die Kultur der Adivasi hingegen ist nicht nur mit ökologischer Vielfalt und Klimaschutz vereinbar, sondern sogar förderlich für beides.


Suparna Banerjee hat kürzlich an der Universität Bonn in Entwicklungsstudien promoviert. Ihr Buch über Waldkonflikte in Zentralindien erscheint demnächst bei Routledge.
mail.suparnabanerjee@gmail.com