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Gesunde Ernährung

Die Mischung macht’s

von Simone Welte

Hintergrund

Eine Gruppe Frauen hat die Ernte eines Bauern in Haiti gekauft. Sie ernten die Karotten und verkaufen sie auf den umliegenden Märkten weiter.

Eine Gruppe Frauen hat die Ernte eines Bauern in Haiti gekauft. Sie ernten die Karotten und verkaufen sie auf den umliegenden Märkten weiter.

Eine gute Ernährung ist die Grundlage für ein gesundes und aktives Leben. Doch Hunger und Mangelernährung sind nach wie vor weit verbreitet. Als Gegenmaßnahme hat es sich als sinnvoll erwiesen, sektorübergreifend zu arbeiten und auf die Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter abzuzielen.

Die Karibikinsel Hispaniola beherbergte einst eine reichhaltige Flora und Fauna. Das heutige Haiti, das die Osthälfte dieser Insel einnimmt, war im 18. Jahrhundert Frankreichs reichste Kolonie. Doch die Kolonisatoren beuteten Menschen und natürliche Ressourcen brutal aus, was zum Verlust von Biodiversität führte. Durch den Raubbau kam es zu langfristigen Fehlentwicklungen, die Haiti zu einem der ärmsten Länder der Welt gemacht haben.

Durch Abholzung der Wälder und die darauffolgende Erosion sind rund die Hälfte der fruchtbaren Böden verlorengegangen und nicht mehr für die landwirtschaftliche Produktion nutzbar. Das verheerende Erdbeben von 2010 sowie zahlreiche tropische Wirbelstürme haben Verwüstungen hinterlassen. Die ohnehin geringen Ernten der Bauern und Bäuerinnen wurden zerstört.

Zu den Gründen dafür, dass Menschen in Haiti und anderen Ländern hungern, gehören Naturkatastrophen, degradierte Böden, zerstörte Infrastruktur und nicht funktionsfähige Märkte, Korruption, gewalttätige Auseinandersetzungen sowie mangelnde Bildung. Ungleichheiten zwischen Stadt und Land, Frauen und Männern gehören ebenfalls dazu. Diese komplexen und miteinander verknüpften Ursachen zu überwinden ist eine gewaltige Herausforderung.


Recht auf Nahrung gilt für alle weltweit

Die Bekämpfung der Ursachen von Hunger und Mangelernährung ist ein zentrales Ziel der Weltgemeinschaft. Bereits in den 1960er Jahren verankerte sie das Recht auf eine angemessene Ernährung in der Charta der Menschenrechte. Die weltweiten Anstrengungen, dieses Recht umzusetzen, haben durchaus Erfolge erzielt. Dennoch hungern heute laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (Food and Agriculture Organization – FAO) 690 Millionen Menschen, und rund 2 Milliarden leiden unter Mikronährstoffmangel (siehe Hintergrundkasten). Ob das zweite UN-Ziel für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goal – SDG), bis 2030 die Welt von Hunger und Unterernährung zu befreien, erreicht wird, ist sehr fraglich.

Eine gesunde Ernährung ist die Grundlage für ein gesundes und aktives Leben. Wir brauchen Energie, Fette, Kohlenhydrate, Eiweiß, Mineralstoffe und Vitamine aus der Nahrung, um zu wachsen, die Körperfunktionen aufrechtzuerhalten, ein starkes Immunsystem zu unterhalten und dem Körper Material zur Regeneration zu liefern.

Eine gesunde Ernährung ist das ganze Leben lang wichtig. Babys kommen gesund zur Welt, wenn sie schon während der Schwangerschaft mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt waren. Junge Frauen sollten sich hochwertig ernähren, damit sie, falls sie schwanger werden und anschließend ein Baby stillen, sich und den Körper des Kindes bestmöglich versorgen. Während der Schwangerschaft brauchen sie zusätzliche Mikronährstoffe wie etwa Folsäure und Jod. Eine gute Ernährung ist die Voraussetzung dafür, dass Frauen und Männer, Mädchen und Jungen Leistung erbringen können und gesund bleiben.

Die ersten 1000 Tage des Lebens, gerechnet von der Empfängnis bis zum 2. Geburtstag, sind entscheidend für die Entwicklung von körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Defizite in diesem Zeitraum können zu irreversiblen Schäden führen. Mangelernährte Babys und Kinder können niemals ihre gesamte kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit entwickeln. Die Folge ist ein Teufelskreis aus Hunger, Fehl­ernährung, schlechter schulischer Leistung und minderen Chancen auf dem Arbeitsmarkt, was wiederum zu Armut führt – eine Hauptursache für Mangelernährung.


Gesunde Ernährung ist vielseitig

Für eine gesunde Ernährung ist von zentraler Bedeutung, welche Lebensmittel verfügbar sind und in welchen Mengen sie die wichtigen Nährstoffe enthalten. Die optimale Kombination ist entscheidend, um eine ausgewogene Nährstoffversorgung sicherzustellen. Je nach Region, Klimazone und kulturellen Gepflogenheiten kann diese Mischung sehr unterschiedlich aussehen. Lebensmittel müssen frei sein von Kontaminationen aus Anbau, Lagerung und Verarbeitung und zugänglich und bezahlbar auch für ärmere Menschen.

Große Ungleichheit zwischen einzelnen Ländern und innerhalb der Bevölkerung machen es schwer, die Empfehlungen umzusetzen. Unterernährung und Übergewicht existieren inzwischen gleichzeitig in den meisten Ländern weltweit. Unterschiedlich ist nur die Anzahl der Betroffenen. In Europa, Ozeanien und weiten Teilen Amerikas gibt es vornehmlich Übergewicht und Fettleibigkeit. In anderen Ländern sind weite Teile der Bevölkerung unterernährt, während gleichzeitig in den Städten Menschen mit Übergewicht leben. Mangel an wichtigen Mikronährstoffen wie Jod und Eisen sind überall verbreitet. All diese Formen von Fehlernährung belasten die Betroffenen, Volkswirtschaften und Gesundheitssysteme stark.

Langfristige Programme, die auf Ernährungsbildung und Verhaltensänderung abzielen, können zu einer Verbesserung der Ernährung beitragen. Als erfolgreich hat sich zum Beispiel erwiesen, bei der Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter anzusetzen. In den ländlichen Gebieten Haitis wissen nur wenige Menschen, dass die schlechte Gesundheit eines sehr dünnen Kindes unter anderem auf zu frühes Abstillen sowie eine mangelhafte und einseitige Ernährungsweise zurückzuführen ist. Diesen Kindern wird ein traditionelles Amulett um den Hals gehängt, um sie vor dem „Geist“ zu beschützen, der die Unterernährung auslöst. Da die Ursache im übernatürlichen Bereich vermutet wird, bekommen die Kinder kein besseres Essen und die Familie holt auch keinen Rat im Gesundheitszentrum ein. In solchen Fällen kann Aufklärung helfen.

Das Wissen um eine gute Ernährung alleine reicht jedoch nicht aus. Kulturelle Vorlieben und Tabus, der persönliche Geschmack, zeitliche Zwänge bei der Zubereitung von Mahlzeiten sowie die Kosten, der Anbau und die saisonale Verfügbarkeit von Lebensmitteln bestimmen den Konsum und den Abwechslungsreichtum auf dem Teller entscheidend mit.

Für viele Menschen in Entwicklungsländern geht es im täglichen Leben vorrangig darum, satt zu werden. Wenn das Familieneinkommen zum größten Teil für die Beschaffung von Nahrungsmitteln verwendet wird, wollen viele Menschen möglichst viel Essen für möglichst wenig Geld bekommen. Frisches Obst, Gemüse und tierische Lebensmittel sind für sie oft unerschwinglich. Stattdessen greifen sie zu kohlenhydratreichen Grundnahrungsmitteln oder günstigen Fertigprodukten. Dies führt langfristig zu Fehlernährung.

 

Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz

Bei akutem und chronischem Mangel an Mineralstoffen und Vitaminen, aber auch in besonderen Lebenssituationen wie Schwangerschaft und Stillzeit können Nahrungsergänzungsmittel durchaus helfen. Angereicherte oder fortifizierte Grundnahrungsmittel sorgen für eine breite Verteilung von Mikronährstoffen in der Bevölkerung. Allerdings ersetzen sie keine abwechslungsreiche Kost. Ein Lebensmittel ist mehr als die Summe seiner Nährstoffe. Es gibt eine Vielzahl an sekundären Pflanzenstoffen, die positive Wirkungen auf den Stoffwechsel und präventive Eigenschaften haben und die nur in natürlichen Lebensmitteln enthalten sind. Mineralstoffe und Vitamine sind in echten Nahrungsmitteln oft so „verpackt“, dass der Körper sie langsam aufnehmen kann. Dagegen werden falsche Dosen an Nahrungsergänzungsmitteln rasch ausgeschieden und erzielen keinen Effekt im Menschen.

Mikronährstoffgaben bekämpfen außerdem nicht die strukturellen Ursachen von Mangelernährung. Dafür braucht es vor allem wirkungsvolle politische Strategien, die auf eine gesunde Ernährung ausgerichtet sind. Langfristig angelegte Aufklärungs- und Schulungskampagnen im Bereich der Ernährungsbildung können eingeschliffene Verhaltensweisen verbessern. Die Kosten für gesundes Essen sind maßgeblich für die Abwechslung auf dem Teller. Hier tragen Regierungen sowie Nahrungsmittelproduzenten große Verantwortung: Sie müssen dafür sorgen, dass das, was eine gesunde Ernährung ermöglicht, auch im letzten Winkel der Erde verfügbar und erschwinglich ist.

In Haiti zeigen sektorübergreifende Ansätze, die nachhaltige Landwirtschaft, verbesserte Hygiene, sauberes Trinkwasser und Ernährungsbildung miteinander verknüpfen, gute Erfolge. Ziel ist es, lokale und regionale Autoritäten stärker in die Planung und Umsetzung dieser Maßnahmen einzubeziehen. Doch erst wenn die Politik und die Menschen gute Ernährung als wichtiges Thema ansehen, verbessert sich die Ernährungssituation dauerhaft.


Simone Welte ist Nutrition Advisor bei der Welthungerhilfe.
[email protected]

e-Paper no. 11 2020, 2020/11

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