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Unabhängige Medien

Schändliche braune Umschläge

von Hans Dembowski

Hintergrund

Brasiliens Präsident interessiert sich nicht für eine wissenschaftlich akkurate Bestandsaufnahmen der Forstschäden.

Brasiliens Präsident interessiert sich nicht für eine wissenschaftlich akkurate Bestandsaufnahmen der Forstschäden.

Die Digitalisierung hat die Geschäftsmodelle vieler etablierter Medien durcheinandergewirbelt. Sie beflügelt zudem Lügenpropaganda. Positiv ist dagegen, dass heute mehr Menschen zu mehr Informationsquellen Zugang haben als jemals zuvor. Von der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle hängt die Zukunft des hochwertigen Journalismus ab.

Manche Regierungen seien dabei, die Demokratie zu unterhöhlen, warnt Gilberto Scofield Jr. von Agencia Lupa, einem Fakten-Check-Nachrichtendienst aus Rio de Janeiro. Außer für sein Heimatland Brasilien gelte das auch für die USA, Venezuela, die Türkei oder Ungarn. Ökosysteme der Desinformation gingen einher mit „extremer Polarisierung“ und „geringer Medienkompetenz“ der Bevölkerung.

Waldbrände im Amazonasbecken sind ein Beispiel dafür, wie Fakten verzerrt werden. Es empört Scofield, dass Präsident Jair Bolsonaro, weil ihm die Bestandsaufnahmen der bestehenden staatlichen Stellen nicht gefallen, eine neue Behörde gefordert hat, die über Frostschäden berichten soll. Bislang galten brasilianische Daten diesbezüglich international als zuverlässig. Die Bolsonaro-Regierung leugnet aber die wissenschaftlich erwiesene Klimakrise.

In solch einem Umfeld müssten Medien nicht einfach für ausbalancierte Berichterstattung sorgen, indem sie beide Seiten zu Wort kommen ließen, sagt Scofield. Vielmehr müssten Qualitätsmedien nach Wahrheit streben. Er verwendet ein Bild: „Wenn jemand sagt, es regne, und jemand anders widerspricht, reicht es nicht, beide zu zitieren. Journalisten und Faktenprüfer müssen den Kopf aus dem verdammten Fenster stecken, um zu sehen, was wirklich los ist.“

Seiner Einschätzung nach haben sich zu viele brasilianische Medienhäuser in der Vergangenheit nicht ausreichend um Wahrheit gekümmert und sich damit zufriedengegeben, „beide Seiten“ zu erwähnen. Das habe sie viel Vertrauen gekostet. Im Zuge des Aufstiegs der sozialen Medien und angesichts der großen Menge der dort geteilten Informationen hätten immer mehr Menschen erkannt, dass Überparteilichkeit meist nur postuliert, aber nicht praktiziert werde. Ein Mittel, mit dem Journalisten ihre Voreingenommenheit kaschierten, sei es, in einem langen Artikel ein oder zwei kurze Absätze mit einer abweichenden Sicht unterzubringen.


Finanzschwache Unternehmen

Die Unabhängigkeit von Medien war schon immer ein Thema, und zwar besonders in armen Gesellschaften. Ein wichtiges Qualitätskriterium ist, ob sie gründlich recherchieren, wobei sie nicht nur mehr als eine Quelle zitieren sollten, sondern auch tatsächlich relevante Fachleute zurate ziehen müssen. Finanzschwache Radiosender oder Zeitungen werden sich offensichtlich immer schwer damit tun, hochwertige journalistische Produkte zu liefern.

Südlich der Sahara gibt es leider die Praxis „brauner Umschläge“, wie Sulemana Braimah von der nichtstaatlichen Media Foundation for West Africa berichtet. Der Begriff steht dafür, dass Journalisten nicht von den Medien bezahlt werden, die ihre Beiträge verbreiten. Ihr Geld bekommen die Autoren vielmehr von den Behörden oder Unternehmen, über deren Veranstaltungen sie berichten. Unabhängig kann ihre Arbeit also nicht sein.

Ein weiteres typisches Problem ist laut Braimah, dass Regierungen typischerweise in seiner Weltgegend bis zu 70 Prozent der Anzeigeneinnahmen von Medienhäusern finanzieren. Auf Kritik reagieren sie dann gern mit Werbungsreduktion. „Das ist ein echtes Problem“, sagt Braimah. Er wünscht sich, dass Medien sich mehr um ihr Publikum kümmern und dessen Interessen in der Berichterstattung bedienen, anstatt vor allem die Informationen zu verbreiten, die reiche und mächtige Personen wichtig finden.

Über die Rolle der sogenannten vierten Gewalt wurde schon immer heftig debattiert. Klagen über einseitige Medien sind nichts Neues. In fortgeschrittenen Nationen haben aber bislang professionelle Standards einen gewissen Schutz bewirkt. Diese Normen entstanden im heftigen Wettbewerb von kommerziellen Medien und öffentlich-rechtlichen Sendern wie etwa der britischen BBC. Vielen Bürgern ist klar, dass publizistische Einheiten, die diese Standards nicht erfüllen, weniger vertrauenswürdig sind – weshalb Boulevardzeitungen auch ein geringeres Ansehen genießen.

In den vergangenen Jahren hat aber die digitale Revolution viele Institutionen und Konventionen erschüttert. Das ist auch in reichen Weltgegenden so. An vielen Orten gibt es heute nur noch eine einzige Lokalzeitung – wenn es denn überhaupt noch eine gibt. Nachrichten gibt es gratis im Internet, und Fake News verbreiten sich rasend schnell. Je weniger den Bürgern klar ist, wie Journalisten arbeiten und was Qualitätsjournalismus von bloßer Propaganda unterscheidet, desto leichter ist es, die Öffentlichkeit zu manipulieren. Je ärmer eine Gesellschaft ist, desto größer sind tendenziell die Probleme.

Carsten von Nahmen, der Leiter der Deutschen Welle Akademie, urteilt, die Digitalisierung habe die Medien für immer verändert. Die Schattenseiten seien Desinformation und der Kollaps etablierter Geschäftsmodelle. Positiv sei dagegen, dass heute mehr Menschen Zugang zu mehr Informationsquellen hätten als je zuvor und dass mehr Stimmen als je zuvor die Chance hätten, gehört zu werden.

Erfreulicherweise entstehen auch neue Geschäftsmodelle im Online-Journalismus (siehe Kasten). Einige der interessantesten Beispiele gibt es in Schwellen- und Entwicklungsländern. Selbst unter extrem widrigen Umständen gelingt es manchen Websites, sich mit zuverlässiger Berichterstattung eine Marke zu schaffen und ein treues Publikum um sich zu scharen.


Link
Agencia Lupa:
https://piaui.folha.uol.com.br/lupa/

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