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Sommer-Special

Khalil – im Kopf eines Terroristen

von Dagmar Wolf

In Kürze

So wie in diesem Café am Place des Abesses haben auch am 13. November 2015 viele Menschen in den Straßen von Paris ihren Feierabend genossen.

So wie in diesem Café am Place des Abesses haben auch am 13. November 2015 viele Menschen in den Straßen von Paris ihren Feierabend genossen.

Im November 2015 haben Attentate mitten im Herzen Europas die Welt erschüttert. Doch was bewegt einen jungen Menschen dazu, mit einem Sprengstoffgürtel in einen vollbesetzten Zug zu steigen, um möglichst viele unschuldige Opfer mit sich in den Tod zu reißen? Der algerische Autor Mohammed Moulessehoul, der unter dem Pseudonym Yasmina Khadra schreibt, erzählt aus der Perspektive eines Attentäters. Dieser Beitrag ist der fünfte unseres diesjährigen Sommer-Spezialprogramms mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.

Jubelnde und feiernde Menschen füllen die Straßen von Paris, unter den wachsamen Augen von Sicherheitskräften strömen grölende Fußballfans ins Stade de France, die Cafés sind voll. Unterdessen fahren vier „Brüder“ aus dem belgischen Molenbeek zu ihrem Einsatzort. Einer der jungen Attentäter ist Khalil, der Protagonist des Romans. Zwei der „Brüder“, die Khalil nicht kennt, steigen am Stade de France aus dem Auto und mischen sich unter die Menschenmenge. In wenigen Minuten wird die Welt in der französischen Hautpstadt eine andere sein: Offenheit, Lebensfreude und die Leichtigkeit des Seins werden Angst, Misstrauen und Verschlossenheit weichen.

Khalil und Driss, sein Freund aus Kindheitstagen, sind sich dessen bewusst. Sie reden über das, was gleich passieren wird. Sie sind überzeugt, das Richtige zu tun. „Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich wichtig“, sagt Khalil, als er seinen Freund zum Abschied umarmt. Dann taucht er ab zur S-Bahn-Station, quetscht sich in einen zur Feierabendzeit vollbesetzten Vorstadtzug. Umringt von Menschen tastet er nach dem Auslöser an seinem Sprengstoffgürtel und drückt den Knopf – fest entschlossen, sich in die Luft zu sprengen und möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen.

Doch es passiert nichts. Fassungslos, fast schon panisch drückt Khalil immer wieder auf den Knopf, doch der Zündmechanismus wird nicht ausgelöst. Was nun? Gemeinsam mit Driss war er wochenlang auf diese Mission vorbereitet worden, ein Scheitern war nicht vorgesehen.

Hilflos irrt Khalil durch Paris. Verzweiflung und Selbstzweifel plagen ihn. Es gelingt ihm schließlich, nach Molenbeek zurückzukehren, er versucht Kontakt mit den Brüdern aufzunehmen, um ihnen klarzumachen, dass nicht er versagt hat.

Durch die Ich-Erzählung führt Khadra uns in die Gedankenwelt des 23-jährigen Khalil, der als Sohn von Einwanderern in Molenbeek, einem Stadtteil Brüssels, lebt. Khalil verachtet das Leben seiner Eltern, die aus einem marokkanischen „Kaff“ stammen und es in seinen Augen nie zu etwas bringen werden. Er hat ein schlechtes Verhältnis zu seiner Familie, fühlt sich missverstanden, seinen Vater hasst er regelrecht. Nur seiner Zwillingsschwester Zhara ist er sehr verbunden.

Khalil landet schließlich auf der Straße. Er sieht keinen Sinn in seinem Leben, fühlt sich als Fremdkörper in der Gesellschaft, als Parasit – ein idealer Nährboden für die Ideologien extremistischer Organisationen. Khalils mangelndes Selbstwertgefühl wird von den „Brüdern“ aufgefangen, in der Moschee findet er Geborgenheit und das Gefühl, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein: „Ich irrte lange blind umher, auf der Suche nach dem richtigen Weg“, sagt Khalil, „die Brüder zeigten mir, wo es langgeht, und zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich ernst genommen“.

Der Leser erlebt die Radikalisierung Khalils mit. Khadra sympathisiert nicht mit seinem Protagonisten, er verurteilt ihn aber auch nicht, obwohl er als hoher Offizier der algerischen Armee selbst gegen Islamisten gekämpft hat. Khadra sucht vielmehr den Menschen in Khalil.

Der Autor selbst sieht sein Buch als ein „Antiradikalisierungsbuch“. In einem Interview sagte er, er wünsche sich, dass es zur Pflichtlektüre an Schulen werde, damit es von möglichst vielen Jugendlichen gelesen werde. Für Khadra gibt es nichts Wertvolleres als das Leben. Diese Botschaft hofft er seinen jungen Lesern zu vermitteln, damit diese sich nicht von den verführerischen Reden der vermeintlichen Brüder blenden lassen.

Khalil verliert den Kontakt zu seiner Familie, streitet sich mit seiner Zwillingsschwester, die später bei Attentaten in Brüssel ums Leben kommt. Davon erfährt Khalil allerdings erst zufällig nach der Beerdigung. Wütend auf seine Familie und auf die Gesellschaft sitzt er an ihrem Grab und trauert.

Von den Brüdern bekommt Khalil eine zweite Chance: Die Organisation plant Attentate in Marrakesch, bei denen Khalil eine zentrale Rolle spielen soll. Wird er seine Mission diesmal in die Tat umsetzen?


Buch
Khadra, Y., 2018: Khalil. Paris, Julliard. (Auf Deutsch erschienen bei Reclam, Ditzingen).

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