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Opferentschädigung

Zurück ins normale Leben

von Gregor Maaß, Mario Pilz

Hintergrund

Die Opfer des Bürgerkriegs sind  meist Kleinbauern.

Die Opfer des Bürgerkriegs sind meist Kleinbauern.

Der Erfolg der kolumbianischen Friedensgespräche hängt auch davon ab, wie der Staat mit den 8 Millionen vom Bürgerkrieg betroffenen Menschen umgeht. Eine Studie zeigt, wie Opfergruppen, Gemeindeverwaltungen und Wirtschaftsakteure gemeinsam lokale Strategien entwickeln können, um Opfer beim Aufbau einer neuen Lebensgrundlage zu unterstützen.

Wie können die Opfer des Bürgerkriegs in Kolumbien sinnvoll bei der Wiedereingliederung in das wirtschaftliche und soziale Leben im ländlichen Raum unterstützt werden? In der Region Caldas, im Zentrum Kolumbiens, hat ein Forschungsteam des Seminars für Ländliche Entwicklung (SLE) der Humboldt-Universität zu Berlin und der kolumbianischen Universidad Autónoma Manizales (UAM) nach Antworten gesucht und Strategien entwickelt. Dazu gehören:

  • die Stärkung lokaler Märkte,
  • die psychosoziale Unterstützung der Opfer und
  • eine bessere Koordination zwischen Produktions- und Opferverbänden.

Die Studie wurde von der GIZ in Koordination mit der Regionalregierung in Auftrag gegeben.

Das in der Arbeit angebotene Vorgehen kann auch in anderen Regionen Kolumbiens angewendet werden. Gemeinden im ganzen Land werden vor der Aufgabe stehen, Opfer bei der Wiedereingliederung zu unterstützen. Patentlösungen sind hier wenig erfolgversprechend. Stattdessen müssen die jeweiligen wirtschaftlichen Potenziale der Regionen ebenso berücksichtigt werden wie die konkrete Situation der von Bürgerkrieg und Vertreibung betroffenen Menschen. Grundvoraussetzung dabei ist der Dialog zwischen lokalen Regierungen, Wirtschaftsakteuren und Opferverbänden.

Diesem Verständnis nach setzt auch das GIZ-Programm CERCAPAZ seit vielen Jahren auf einen Dialog zwischen zivilgesellschaftlichen Gruppen und staatlichen Institutionen. Ziel ist, gemeinsam nachhaltige Friedensstrategien zu gestalten und konkrete Lösungsansätze zu entwickeln. Im Rahmen der nationalen Friedensagenda Kolumbiens stehen die Teilhabe der Opferbevölkerung und deren Entschädigung, die Bürgersicherheit und ein friedliches Zusammenleben sowie die Gestaltung regionaler Ansätze im Fokus.

Doch aufgrund der großen Diversität des ländlichen Raums und einer sehr heterogenen Opferbevölkerung mangelt es oft an verlässlichen Informationen und folglich auch an gezielten Strategien, um den spezifischen Bedürfnissen der betroffenen Bevölkerung gerecht werden zu können. Die Studie analysiert deshalb zum einen die regionale Wirtschaftsstruktur und charakterisiert zum anderen die Opferbevölkerung.

Das Untersuchungsgebiet umfasst vier Gemeinden im Osten der Region Caldas: Marquetalia, Norcasia, Pensilvania und Samaná. Die bewaffneten Auseinandersetzungen gehören hier weitestgehend der Vergangenheit an, so dass die Sicherheitslage die Forschungsarbeit in ländlichen Gebieten ermöglichte.

Caldas gehört zur Kaffeeregion Kolumbiens, und bis heute ist Kaffee eines der wichtigsten Agrarprodukte. In den Untersuchungsgebieten werden darüber hinaus auch Kakao, Avocado, Kochbanane, Zuckerrohr und Kautschuk angebaut. In einigen Gebieten spielen die extensive Viehhaltung sowie die Forstwirtschaft eine Rolle, sonst gibt es kaum Einnahmequellen. Dass zunehmend Nahrungsmittel nach Kolumbien importiert werden, setzt die heimische Landwirtschaft stark unter Druck, was auch in Caldas deutlich zu spüren ist. Der Absatz ist zudem durch die schlechte Infrastruktur und die hohen Transport- und Zwischenhändlerkosten immer weniger rentabel. Die Verzweiflung der Kleinbauernfamilien hat sich 2013 landesweit in einem der größten sozialen Proteste Luft gemacht, die Kolumbien in den vergangenen Jahren erlebt hat.

Die Bürgerkriegsopfer in Caldas befinden sich in einer ähnlich prekären Lage wie die ländliche Bevölkerung allgemein. Speziell ist, dass nur wenige der Vertriebenen über genügend eigene Anbauflächen verfügen, um in der Landwirtschaft wieder Fuß zu fassen. Darüber hinaus ist für die Opfer charakteristisch, dass sie zum Teil eine starke Abhängigkeit von staatlichen Beihilfen entwickelt haben, deren ziellose Verteilung sie letztlich hindert, selbst Initiative zu ergreifen. Da es kaum psychosoziale Unterstützung gibt, haben viele Menschen die traumatischen Kriegserlebnisse nicht verarbeiten können. In dieser Situation ist es sehr schwer, Unternehmergeist zu entwickeln. Die Opferbevölkerung zieht sich zurück und beteiligt sich kaum am gesellschaftlichen Leben.


Wochenmarkt regionaler Erzeuger

Die Frage ist also, was notwendig ist, damit alle Akteure gemeinsam Lösungen finden. Eine funktionierende Landwirtschaft und der Handel auf lokaler und regionaler Ebene sind gerade im ländlichen Raum essenziell. Dies hat die Munizipalregierung in Pensilvania erkannt und gemeinsam mit lokalen Produzenten- und Interessensverbänden die Initiative des Mercado libre campesino ins Leben gerufen: Sie hat einen Raum und den Anreiz für einen Wochenmarkt mit lokalen Produkten inmitten des Stadtzentrums geschaffen.

Über Jahre hinweg dominierten Waren aus Bogotá das Angebot in Pensilvania, obwohl der Bedarf durch die lokale Produktion ausreichend hätte gedeckt werden können. Hohe Produktions- und Transportkosten, mangelnde Qualität und ein stark schwankendes Angebot verhinderten, dass lokale Produkte verkauft und vertrieben wurden. Auch eine gesteigerte Vorsicht und ein allgemeines Misstrauen, was viele Menschen als Überlebensstrategie in Zeiten des Konflikts verinnerlicht hatten, stellten sich als ein Hindernis für einen funktionierenden Markt heraus.

Der Mercado libre campesino ermöglicht nun vielen Kleinbauern einen Direktvertrieb, ohne auf Zwischenhändler angewiesen zu sein. Auch Produkte aus häuslicher Erzeugung finden so erstmals eine geeignete Handelsplattform. Die Konsumenten werden dadurch wieder für lokale Produkte sensibilisiert. Der direkte Kontakt und Austausch zwischen Erzeugern, Konsumenten, Händlern und Verbänden schafft gegenseitiges Vertrauen. Darüber hinaus wird auch Raum für neue Ideen geschaffen. So kann beispielsweise eine junge Familie ihre ausgefallenen Joghurtkreationen nun auch einem größeren Publikum anbieten, anstatt für den Verkauf mühsam von Haus zu Haus ziehen zu müssen.


Psychosoziale Unterstützung

Da die Menschen in Caldas im Krieg traumatische Erlebnisse erfahren haben, leiden sie häufig noch unter psychischen Folgen. Um das Erlebte bewältigen zu können, ist eine professionelle Begleitung notwendig. Psychosoziale Unterstützung sollte daher Teil der Projekte für die Opfer des Bürgerkrieges sein. Dabei sind neben der individuellen Unterstützung auch kollektive Ansätze wichtig, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern.

Eine eindrucksvolle Initiative in diesem Bereich ist die der Stiftung Sol Nasciente. Sie verdeutlicht, worum es bei der psychosozialen Bewältigung von Kriegstraumata geht. Im Zentrum der Arbeit steht die Tanzschule der Bauchtänzerin Layla. Bei insgesamt etwa 300 Anhängern erfreut sich ihr Unterricht einer außergewöhnlich hohen Beliebtheit. Durch Kunst und Kulturarbeit gelingt es den Menschen, Selbstvertrauen zu fassen, Freude zu empfinden und wieder positiv in die Zukunft zu blicken. Layla bietet sowohl im urbanen Raum der Gemeinde Pensilvania Tanzstunden an wie auch in den besonders stark vom Bürgerkrieg betroffenen ländlichen Gebieten. Die Stiftung Sol Naciente gibt dem Tanzunterricht eine explizite psychosoziale Perspektive. Der geschützte Raum des gemeinsamen Tanzunterrichts soll die Menschen unterstützen, ihre Würde zurückzugewinnen. Wer durch den Tanz und die eigene Ausdruckskraft zu sich selbst findet, gewinnt auch die Kraft, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Die Schaffung von lokalen Erzeugermärkten mag banal erscheinen und auch der Grundgedanke psychosozialer Betreuung in Krisen- und (Post-)Konfliktgebieten liegt nahe. Komplexe Bedingungen und soziale Gefüge wie im ländlichen Raum Kolumbiens machen jedoch deutlich, dass beide Dimensionen in enger Wechselwirkung stehen und von Grund auf zusammen betrachtet werden müssen. Eine transparente Partizipation und ein zielgerichteter, aber ergebnisoffener Dialog aller relevanten Interessenvertreter müssen weitere elementare Bestandteile aller Entschädigungsstrategien bilden.

Im Rahmen der Untersuchungen wurde immer wieder deutlich, dass gegenseitiges Misstrauen, fehlendes Wissen über die Kompetenzen und Interessen, aber auch unklare Verantwortlichkeiten jegliche Bemühungen zur Teilhabe schon im Kern ersticken können. Obwohl viele der registrierten Opfer bereits in Verbänden organisiert sind, beteiligen sich nur einige wenige Mitglieder aktiv. Die erfolgreiche Übermittlung der Bedürfnisse der Opferbevölkerung steht und fällt daher meist mit ihren Repräsentanten.

Es fehlt oft an einer wirklichen Teilhabe der Opferbevölkerung an Entscheidungsfindungsprozessen, um ihr sozioökonomisches Umfeld aktiv mitgestalten zu können. So beschränkt sich die Zusammenarbeit lokaler Erzeuger und Produzentenverbände oft auf reine Interessenbekundungen, ohne etwa gemeinsam konkrete Strategien zur Vermarktung umzusetzen. Hier könnte die Lokalregierung vermitteln und förderliche Rahmenbedingungen schaffen. Wenn sozio-ökonomische Potenziale erkannt werden und die Opferbevölkerung sowie relevante Akteure beteiligt werden, rücken Entschädigungsmaßnahmen in greifbarere Nähe.


Gregor Maaß arbeitet als entwicklungspolitischer Gutachter und Trainer mit dem Schwerpunkt Konflikttransformation und Friedensförderung.
[email protected]

Mario Pilz forschte 2013 für das Seminar für Ländliche Entwicklung (SLE) der Berliner Humboldt-Universität und die GIZ in Kolumbien. Er arbeitet derzeit im Programmmanagement der Welthungerhilfe in Pakistan.
[email protected]


Link
Maaß, G., Montens, K., Hurtado Cano, D., Molina Osorio, A., Pilz, M., Stegemann, J., und Guillermo Vieira, J., 2013: Entre reparación y transformación: Estrategias productivas en el marco de la reparación integral a las víctimas del conflicto armado en el Oriente de Caldas, Colombia (in Spanisch). Berlin.
https://www.sle-berlin.de/files/sle/auslandsprojekte/2011/2013_Kolumbien_mit%20Cover.pdf

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