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Hochschulen

Aufschwung und Fall

von Karim Okanla, Hans Dembowski

Hintergrund

Ein Screenshot aus besseren Tagen: HNAUB-Homepage im Jahr 2012.

Ein Screenshot aus besseren Tagen: HNAUB-Homepage im Jahr 2012.

Die Houdegbe North American University Benin (HNAUB) war einmal eine vielversprechende neue Privathochschule mit Standorten in Cotonou und Dekanmey. Wegen Finanzproblemen ruht mittlerweile der Betrieb. Karim Okanla, ein ehemaliger Dozent, erläutert Hans Dembowski im Interview die Geschichte von HNAUB. Aus seiner Sicht bleiben private Hochschulen für Afrika wichtig.

Welche Bedeutung haben Privatuniversitäten in Benin?
Sie spielen durchaus eine Rolle. Rund 20 Prozent aller Hochschulstudenten sind dort eingeschrieben. Die Branche wächst schnell, was unter anderem daran liegt, dass staatliche Universitäten überfüllt und unattraktiv sind. Wer dort eine Vorlesung besuchen will, muss beispielsweise Stunden vorher im Hörsaal sein, um einen Platz zu bekommen. Leider finden auch Unternehmer die Kenntnisse der Absolventen wenig beeindruckend, staatliche Abschlusszeugnisse helfen nicht immer bei der Arbeitssuche.

Sind private Institutionen besser?
Manche sind ziemlich gut, etwa die African School of Economics in Abomey-Calavi, die von Wissenschaftlern der amerikanischen Princeton University etabliert wurde. Die kürzlich gegründete IRGIB-Afrika-Universität hat auch einen guten Ruf. Das Kürzel steht für Institut Régional du Génie Industriel des Biotechnologies et Sciences Appliques (Regionales Institut für Industrietechnik, Biotechnik und angewandte Wissenschaften). Ich selbst habe zur Zeit Lehraufträge an der ESGIS, der Ecole Supérieure de Gestion d‘Informatique et des Sciences (Hochschule für Daten- und Wissenschaftsmanagement), die recht gute Arbeit in Benin, Togo und Gabun leistet. Ich könnte weitere Institutionen mit gutem Niveau nennen. Die Szene ist aber unübersichtlich, weil es viele verschiedene Einrichtungen gibt und manche vermutlich nicht einmal zugelassen sind. Ein College ist nicht gut, nur weil es privat ist.

Sie arbeiten nicht mehr wie früher an der HNAUB. Was ist passiert?
Ich habe dort sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Als ich im März 2010 anfing, liefen die Dinge gut. Leider war das Management schlecht, sodass es später Finanzprobleme gab. 2016 zahlte HNAUB nur noch sporadisch Gehälter. Insolvenzgerüchte verbreiteten sich schnell, die Lage verschlechterte sich, und als die Studiengebühren plötzlich bar bezahlt werden sollten, weckte das zusätzliches Misstrauen, denn Bargeldzahlungen machen es leichter, Verantwortung zu umgehen. Anfang 2018 gab es nur noch einige hundert Studenten und im zweiten Halbjahr stand der Lehrbetrieb dann still. Mindestens zwei Dozenten starben, weil sie ärztliche Behandlung nicht bezahlen konnten. Wir hofften damals, die Situation werde sich wieder bessern, doch das geschah nicht.

Sie haben den Aufstieg und Fall von HNAUB miterlebt. Wie beurteilen Sie die Geschichte der Hochschule?
Die Geschäftsidee war brillant, aber manche Studiengänge hatten leider kein gutes Niveau. Der Hintergrund ist, dass unser Nachbarland Nigeria eine riesige Bevölkerung hat und relativ wohlhabend ist. Doch für Millionen junger Menschen, die dort einen Hochschulabschluss anstreben, gibt es zu wenig Universitäten. Octave Houdegbe, der Gründer von HNAUB, kam auf die Idee, jungen Nigerianern aus Mittelschicht-Familien Studiengänge anzubieten. Im Schnitt zahlten sie pro Semester 1000 Dollar Studiengebühren, was in Benin sehr viel Geld ist. Wer sich für Wirtschaftsstudiengänge einschrieb, musste noch mehr berappen und erst recht, wer voll versorgt in Wohnheimen unterkam. Nigeria ist anglophon und Benin frankophon. HNAUB war bilingual, aber die meisten Veranstaltungen liefen auf Englisch. Die Hochschule wuchs schnell. Zeitweilig hatte sie etwa 15 000 Studenten. Nicht alle, aber die meisten kamen aus Nigeria. Zum Jahrtausendwechsel wuchs die Wirtschaft dort schnell. Wegen des Irak-Kriegs stiegen damals die Ölpreise. Die Buchhaltung von HNAUB war nie transparent, aber es ist bestimmt kein Zufall, dass die Finanzprobleme begannen, als die nigerianische Volkswirtschaft 2016 in Schwierigkeiten geriet. Klar ist, dass Houdegbe die Universität wie einen Familienbetrieb führte, aber zunehmend mit anderen Dingen beschäftigt war. So ist er zum Beispiel traditioneller Voodoo-Meister und wurde ins Parlament gewählt. Bekanntlich kosten Wahlkämpfe viel Geld.

Was entsprach nicht akademischen Standards?
Es gab viele Schwachstellen:

  • HNAUB hatte kein ordentliches Zulassungsverfahren. Eingeschrieben wurde, wer die Studiengebühren zahlte.
  • Die Einrichtungen waren mangelhaft, der Bibliotheksbestand nicht aktuell, wir hatten keine Lehrbücher. Ich brachte welche aus dem Senegal, Europa und Nordamerika mit oder bestellte sie im Ausland. Manchmal empfahl ich meinen Studenten, online E-Bücher zu kaufen.
  • Ich arbeitete für die Fakultäten für Massenmedien und für internationale Beziehungen, aber es gab weder eine Hochschulzeitung noch ein Campus-Radio. So konnten wir angehenden Journalisten keine Praxiserfahrung vermitteln. Es gab nicht einmal Computer, Multimedia-Arbeit war dadurch unmöglich. Ich riet Studenten, statt der HNAUB Summer School lieber Praktika in Medienhäusern oder PR- und Werbeagenturen zu machen.
  • Die Lehr- und Hörsäle waren zunehmend überfüllt. Besonders anstrengend war, wenn in unserem schwülen Klima der Strom ausfiel.
  • Wer den Journalismus-Studiengang abschloss, musste im Abschlussjahr nicht einmal forschen. Nach 120 Credit hours bekamen unsere Absolventen ihren Bachelor.

Diese Zeugnisse waren vermutlich wertlos. Haben sie Absolventen geholfen, gute Jobs zu finden?
Völlig wertlos waren sie nicht. Das Feedback, das mich erreicht, ist durchwachsen. Manche Absolventen tun sich auf dem Arbeitsmarkt eindeutig schwer. Anderen geht es gut, und ich denke, oft spielt da der familiäre Hintergrund eine Rolle, wenn jemand beispielsweise im Familienbetrieb anfangen kann oder aufgrund von Kontakten eine Stelle bekommt.

Warum blieben so viele Studenten trotz der vielen Schwachpunkte, warum blieben Sie selbst?
Ich sagte ja schon, dass die Nachfrage nach höheren Bildungsabschlüssen riesig ist und staatliche Institutionen der Aufgabe nicht gewachsen sind. HNAUB hatte anfangs richtig Schwung. Lange schien Geld kein Problem zu sein. Einmal bekamen Dozenten wie ich auf einen Schlag eine Gehaltserhöhung von 50 Prozent, was uns natürlich gefiel. Wir wollten die Universität stärker machen, nicht nur was die Studentenzahlen betraf, sondern auch die Qualität der Lehre, und wir hatten allen Grund, auf Verbesserung zu hoffen. HNAUB war generell anerkannt. Einmal kam der deutsche Botschafter zu Besuch, um mit Studierenden der Fakultät für internationale Beziehungen zu diskutieren. Die Studierenden waren auch beeindruckt, dass einige Dozenten weiße US-Bürger waren.

Was wurde aus denen, die ihr Studium nicht abschließen konnten, weil der Lehrbetrieb eingestellt wurde?
Sie hatten nur ihre Augen zum Weinen … In der Tat blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre Sachen zu packen und nach Hause zu fahren. HNAUB zu verklagen, hat keinen Sinn. Wir haben keinen starken Rechtsstaat, und weder ehemalige Studierende noch Lehrende würden Geld sehen, wenn sie Houdegbe vor Gericht ziehen. Als Abgeordneter genießt er Immunität, und er hat enge Verbindungen zu den Parteien, die unseren Präsidenten unterstützen. In der Tendenz gibt es hierzulande keine starken Institutionen, Anwälte können einem da kaum helfen.

Welche Lehren sollte Benin aus der HNAUB-Geschichte ziehen?
Lassen Sie mich zuerst sagen, dass dies eine versäumte Chance war. Wenn HNAUB die Erwartungen erfüllt hätte – und es wäre möglich gewesen –, dann hätten wir einen Teil der künftigen Elite Nigerias ausgebildet. Stattdessen hat das Ansehen unseres Landes gelitten – zumindest bei den betroffenen Studierenden und ihren Familien. Generell denke ich, die Hauptlehre muss sein, dass Bildung echtes Engagement erfordert. Universitäten sollten nicht gewinnmaximierende Unternehmen sein. Sie müssen jedenfalls Regeln unterliegen, die sicherstellen, dass Studierende einen echten Gegenwert für ihr Geld bekommen. Studiengebühren müssen in die Einrichtungen, den Lehrkörper und die Forschung investiert werden.

Benins Hochschulwesen braucht also Reformen?
Ja, und die staatliche Aufsicht muss besser werden. Reformen sollten schrittweise umgesetzt werden, denn wir müssen nun mal mit begrenzten Kapazitäten auskommen. Vor ein paar Jahren wollte die Regierung vorschreiben, dass sämtliche Hochschuldozenten promoviert haben. Das war unrealistisch, denn es gibt hierzulande nicht genügend potenzielle Hochschuldozenten mit Doktortitel. Wie ich haben viele Lehrende einen Masterabschluss und eine lange Praxiserfahrung. Ich habe unter anderem für die UN und die Weltbank gearbeitet. Die Politik muss die gegebenen Kapazitäten berücksichtigen. Reformen dürfen diesen wichtigen Sektor nicht lähmen. Es wäre aber sinnvoll, die Steuerlast für private Hochschulen zu senken und ihnen die zollfreie Einfuhr von Lehrmaterial zu gestatten. Benin braucht einen Rechtsrahmen, der private wie staatliche Hochschulen befähigt, nach und nach den internationalen Standards zu entsprechen. In vielen anderen afrikanischen Ländern ist das ganz ähnlich.


Karim Okanla ist Medientrainer und freier Autor. Er war HNAUB-Angestellter und lehrt nun an anderen Einrichtungen wie etwa dem ESGIS-Campus in Benin.
[email protected]

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