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Volkswirtschaftslehre

Menschliche Realität

von Hans Dembowski

Blog

Duflo und Banerjee in Stockholm 2019.

Duflo und Banerjee in Stockholm 2019.

Das neue Buch von Abhijit Banerjee und Esther Duflo, den Wirtschaftsnobelpreisträgern von vergangenem Jahr, fordert einen Paradigmenwechsel. Ökonomen sollen sich nicht auf fiktive Modelle konzentrieren, sondern auf die empirische Wirklichkeit. Besonders harsch fällt ihre Kritik an vermeintlichen Experten aus, die verzerrte Plattitüden in den Medien als wissenschaftliche Erkenntnis verkaufen.

Titel und Untertitel des Buchs sind programmatisch: „Good economics for hard times – Better answers to our biggest problems“. Die beiden Entwicklungsökonomen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben es geschrieben, bevor sie den Nobelpreis gewannen. Ihrem Urteil nach sollten Volkswirte arbeiten wie Klempner. Der eigentliche Auftrag sei, gesellschaftliche Probleme zu lösen, werde aber meist nicht erfüllt, weil der Wissenschaftsbetrieb vor allem Wert auf ausgeklügelte Modelle und detaillierte Methodendiskussionen lege. Folglich sei das, was in der Öffentlichkeit als Standarderkenntnis gilt, oft falsch und längst überholt. Tatsächlich widerlegten aktuelle Studien oft, was sogenannte Experten zugunsten spezifischer Interessengruppen in den Medien als gesichertes Wissen präsentierten.

Das gilt beispielsweise für Migration. Das Autorenpaar kritisiert die weit verbreitete Vorstellung, Einwanderer machten ungelernten Einheimischen auf dem Arbeitsmarkt Konkurrenz und drückten Löhne. So werde zwar Ausländerfeindlichkeit erklärt, Realität sei es aber nicht. Ungelernte Migranten verrichteten schließlich meistens Arbeit, für die sich gar keine Einheimischen finden ließen. Es gebe auch kein Nullsummenspiel, bei dem das Geld, das Migranten verdienten, anderen Arbeitnehmern entgehe. Vielmehr steige dank der Einwanderer die gesamtgesellschaftliche Nachfrage, wodurch neue Chancen entstünden. Wenn Migranten im Team mit heimischen Kollegen integriert würden, stiegen zudem Letztere oft in der formalen Hierarchie auf.

Das miteinander verheiratete Autorenpaar stört zudem, dass die konventionelle Volkswirtschaft Arbeit als eine Art Rohstoff behandele, bei dem es nur auf den Preis ankomme. Auch das stimme einfach nicht, weil in Beschäftigungsverhältnissen persönliches Vertrauen wesentlich sei. Obendrein arbeiteten Menschen nicht nur, um Geld zu verdienen, denn Arbeit habe psychologisch für Selbstverständnis, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl große Bedeutung.

Daraus leiten die beiden VWL-Professoren sozialpolitische Konsequenzen ab. Die Vorstellung, dass Arbeitslosengeld und andere Sozialleistungen die Arbeitsbereitschaft minderten, sei empirisch falsch. Menschen wollten vielmehr etwas Sinnvolles tun und Beiträge zum gesellschaftlichen Leben leisten.

Wachstum gilt generell als wichtigstes Politikziel. Auch hier widersprechen die beiden MIT-Gelehrten. Richtig sei, dass kaum entwickelte Länder Wachstum brauchten, weil es ihnen allenthalben an Mitteln fehle. In hochentwickelten Ländern dagegen habe Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren der großen Mehrheit der Bevölkerung nichts gebracht. Nur eine kleine Minderheit habe profitiert. Die Politik solle sich deshalb statt auf Wachstum darauf konzentrieren, die Lebensqualität der Bürger zu verbessern.

Dass der Markt immer bessere Ergebnisse als Staatshandeln liefere, ist ein weiteres Klischee, das Banerjee und Duflo nicht akzeptieren. Tatsächlich gebe es Felder, auf denen der Staat überlegen sei. So sei etwa ein gutes öffentliches Schulsystem unverzichtbar, weil private Bildungseinrichtungen als Zielgruppe vor allem zahlungskräftige, privilegierte Schichten bedienten.

Das Ökonomenpaar lehnt auch die Grundannahme ab, dass Menschen feste und unveränderliche Präferenzen hätten. Das sei eine Fiktion, die nützlich sei, um in ökonomischen Modellen Akteure als vollkommen rational zu konzipieren. Sie habe aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun, denn Menschen änderten Einstellungen ständig. Einflussreich seien dabei nicht nur Personen, mit denen sie regelmäßig zu tun hätten, sondern auch Medien sowie Moden und Trends. Folglich seien persönliche Präferenzen nicht sakrosankt, und die Politik dürfe durchaus versuchen, auf sie Einfluss zu nehmen.

Banerjee stammt aus Indien, Duflo aus Frankreich. Beide arbeiten in den USA. Ihr Werk profitiert davon, dass sie sowohl reiche Nationen als auch Entwicklungsländer gut kennen. Ihr Buch verdient breite öffentliche Beachtung und sollte zur Pflichtlektüre im VWL-Grundstudium werden. Politiker, die Wert auf Ökonomenrat legen, sollten es ebenfalls zur Kenntnis nehmen.


Methodenkritik

Ein Schwachpunkt ist indessen, dass Banerjee und Duflo sich fast ausschließlich auf eine einzige Forschungsmethode stützen: randomisierte Kontrollstudien (randomised controlled trials – RCTs). RCTs zeigen, wie sich eine bestimmte Intervention auf eine soziale Gruppe auswirkt, in dem Daten in zwei Vergleichsgruppen erhoben werden, von denen eine den Eingriff erfährt und die andere nicht. Wenn die Vergleichsgruppen sehr ähnlich sind, lassen sich unterschiedliche Ergebnisse dann kausal auf die Intervention zurückführen.

Das Ehepaar verdankt sein wissenschaftliches Ansehen und den Nobelpreis der Entwicklung und Anwendung von RCTs. Ihr Forschungsinteresse gilt dabei besonders der Armutsbekämpfung. Allerdings beweisen sie mit RCTs auch immer wieder Dinge, die in anderen Sozialwissenschaften längst selbstverständlich sind. Dass Märkte nur auf kaufkräftige Nachfrage, aber nicht auf menschlichen Bedarf reagieren, sagen Soziologen und Politologen schon lange.

Zu einem großen Teil besteht die Leistung von Banerjee und Duflo somit nicht darin, die Schwächen der konventionellen VWL aufzudecken, sondern diese in einer Weise auszuformulieren, die Ökonomen nicht leicht von der Hand weisen können. Angesichts der großen politischen Bedeutung dieser Disziplin ist das sehr wichtig. Leider dürften die beiden aber kaum die Fernseh-Ökonomen überzeugen, die von der Perpetuierung längst widerlegter Plattitüden leben.


Buch
Banerjee, A., and Duflo, E., 2020: Good economics for hard times. Better answers for our biggest problems. London: Allen Lane.

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