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Gender

Frauenmangel wegen abgetriebener Föten

von Nilanjana Ray

Hintergrund

Ultraschalluntersuchung in Jamshedpur.

Ultraschalluntersuchung in Jamshedpur.

Zwischen dem strahlenden Glück einer Braut und dem Schmerz eines Mädchens, das in die sexuelle Sklaverei verkauft wird, liegen Welten. Für viele junge Frauen in Asien bedeutet ihre Hochzeit jedoch Letzteres, nicht Ersteres.
„Es ist profitabler, Gänse großzuziehen als Mädchen“ (Chinesisches Sprichwort) - „Ein Tochter ist ihrem Vater eine Last“ (Hindi-Sprichwort)

Das Kaufen und Verkaufen von jungen Mädchen als „Ehefrauen“ an Männer, die in ihrer eigenen sozialen Gruppe als nicht heiratsfähig gelten, wird als Brauthandel bezeichnet. Die Männer sind meist alt, arbeitslos, verwitwet, von niedrigem Stand oder in anderer Weise benachteiligt – etwa wegen körperlicher oder geistiger Behinderungen. Sie wünschen sich eine Kombination aus Sexsklavin und Haushaltssklavin. Das Wort „Ehe“ ist ein Euphemismus, da die Gemeinschaften, in denen die Männer leben, diese Beziehungen normalerweise nicht anerkennen.

Warum kaufen Männer „Bräute“ aus weit entfernten Regionen? In westlichen Ländern handeln vor allem Männer so, die aus Schüchternheit oder anderen Gründen unfähig sind, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen. In Asien gibt es einen anderen Grund. Weil viele weibliche Föten abgetrieben und neugeborene Mädchen getötet werden, gibt es mittlerweile vielerorts weniger Frauen als Männer. Männer, die als Ehepartner vergleichsweise unattraktiv sind, finden keine Frauen mehr. Auf dem Land ist das oft besonders ausgeprägt, weil Frauen auf der Suche nach Arbeit in die Städte abwandern.  

Absurderweise führt der offensichtliche Mädchenmangel in patriarchalen Gesellschaften wie Indien und China nicht dazu, dass die Präferenz für Söhne überdacht wird. Söhne stehen für Wohlstand und Glück. In bestimmten Regionen Chinas und Indiens werden weibliche Babys abgetrieben, nach der Geburt umgebracht oder ausgesetzt. Soziologen erklären dieses Verhalten mit der patriarchalen Tradition, Landbesitz nur an Söhne zu vererben. Söhne führen die Erblinie fort und kümmern sich um die Eltern. Töchter dagegen werden später Mitglieder anderer Familien, also lohnt es sich nicht, in ihre Zukunft zu investieren. Sie werden sich eines Tages um ihre Schwiegereltern kümmern, nicht um ihre eigenen Eltern. Während Söhne also soziale Sicherheit bedeuten, sind Töchter eine Last.    

Mädchen, die als Bräute verkauft werden, sind Opfer des unausgeglichenen Geschlechterverhältnisses. Sie sind ungewollte Kinder armer Familien in männerdominierten Kulturen. Sie dürfen leben, lernen aber früh, dass ihre Existenz ein Fluch für die Familie ist. Aus verinnerlichter Angst vor Stigmatisierung willigen sie später in ihren Verkauf ein. Die Menschenhändler werden als Retter der Familienehre gesehen und nicht als Kriminelle. Es gibt verschiedene Ebenen des Missbrauchs. Manche Mädchen erfahren wegen der hohen Nachfrage eine gewisse Wertschätzung, sodass ihre Eltern finanziell entschädigt werden. Es gibt aber immer wieder Entführungen. Fälle von „Braut-Gruppenkäufen“ durch Mittelsmänner sind ebenfalls bekannt. In jedem Fall werden die Mädchen zu profitablen Handelsobjekten. Es kommt auch vor, dass Frauen aus dem Ausland herbeigeholt werden. Zu den „Importländern“ zählen Indien, China, Südkorea, Japan und Taiwan.


„Ein Tochter ist ihrem Vater eine Last“ (Hindi-Sprichwort)

In Indien werden Töchter als Gäste erzogen, die später Teil der Familie ihres Mannes werden. Da ihre Eltern für die Hochzeit eine Mitgift entrichten müssen, sind Mädchen eine finanzielle Bürde. Väter, die sich die Mitgift nicht leisten können, schicken ihre Töchter lieber fort, als mit dem Stigma einer erwachsenen, unverheirateten Tochter im Haushalt zu leben. Arme Familien bringen neugeborene Mädchen oft um, um nicht noch weiter zu verarmen. Unter denen, die sich einen Geschlechtsbestimmungstest leisten können, ist die gezielte Abtreibung weiblicher Föten gängig.

In der indischen Gesellschaft ist Frauenmangel seit Langem bekannt. Ein unausgeglichenes Geschlechterverhältnis stellte die britische Kolonialmacht bereits 1881 bei der Volkszählung in den Provinzen Punjab, Haryana und Rajasthan fest. Schon damals verübten die höheren Kasten und Landbesitzer Kindestötung. In den vergangenen 20 Jahren sind in Indien derweil laut Schätzungen rund 10 Millionen weibliche Föten abgetrieben worden. In den Provinzen Haryana und Punjab kommen heute pro 800 Mädchen rund 1000 Jungen zur Welt.

Nordindische Männer „importieren“ Bräute aus anderen Regionen des Landes. Dieser Markt ist inzwischen so profitabel, dass Menschenhändler ihr Beschaffungsgebiet auf Nepal und Bangladesch ausgeweitet haben. Die Mädchen werden an den Höchstbietenden verkauft. Sie werden dazu gezwungen, in Regionen zu leben, deren Sprache sie nicht beherrschen und deren Gebräuche sie nicht kennen. Sie können sich, wenn sie Probleme haben, an niemanden wenden. Im schlimmsten Fall werden sie weiterverkauft, wenn ihre „Ehemänner“ nicht mit ihren Diensten zufrieden sind.


„Es ist profitabler, Gänse großzuziehen als Mädchen“ (Chinesisches Sprichwort)

In China ist die Ein-Kind-Politik eng mit der Abtreibung weiblicher Föten verbunden. Aus der Ein-Kind-Politik ist eine Ein-Sohn-Politik geworden. Obwohl Familien in ländlichen Regionen zwei Kinder haben dürfen, treiben Paare mit einer Tochter alle weiteren Föten ab, bis sie einen Sohn bekommen. Weltweit liegt das Geschlechterverhältnis bei 103 bis 107 Jungen pro 100 Mädchen. In manchen Regionen Chinas liegt es aber bei 140 Jungen pro 100 Mädchen.

Millionen weiblicher Föten in China werden abgetrieben. Heute übersteigt die Zahl der Männer die der Frauen um 37 Millionen. Männer, die Singles blieben, wurden früher in China abwertend als „kahle Zweige“ betitelt. Keine Familie zu haben ist in einer Gesellschaft, in der die Familie das Höchste ist, eine Schande.

In China gibt es „Heirats-Druck“, weil es nicht genug Frauen für alle heiratswilligen Männer gibt. Der Anteil alleinstehender Männer ist besonders in den armen Provinzen hoch. Der Wettbewerb hat die Brautpreise in die Höhe getrieben. Damit ihr Sohn eine Braut aus der eigenen sozialen Schicht finden kann, müssen die Eltern eine Mitgift stellen und ein Haus bauen. Da ist es oft billiger, einfach eine Braut zu kaufen.

Folglich steigen sowohl die Anzahl der Ehen mit gekauften Frauen als auch die der Entführungen kleiner Mädchen. Sogenannte Heiratsvermittler reisen durch das ländliche China. Sie verschleppen Menschen und überreden Familien, weibliche Angehörige zu verkaufen. Eine Braut ist beim Verkauf angeblich bis zu 600 Dollar wert. Selbst kleine Mädchen werden geraubt und bei Familien mit mehreren Söhne aufgezogen, um später einem davon als Braut zu dienen. Es gibt auch einen Markt für entführte Frauen aus Nordkorea und Vietnam.

Ob verkauft oder entführt, der Frau steht ein Leben als Opfer bevor. Sie ist es, die leiden muss –  unter anderem unter Diskriminierung und oft auch häuslicher Gewalt. Einige Familien entscheiden sich für eine Braut aus dem Ausland, weil diese nicht in der Lage sein wird zu flüchten. Allein dieses Kalkül zeigt, welch grausames Leben vielen Bräuten bevorsteht.


Was kann getan werden?

Obwohl der Nobelpreisträger Amartya Sen und andere schon seit 20 Jahren den Brauthandel anprangern, hat die indische Regierung noch nicht viel dagegen getan. Das Verbot pränataler Geschlechtsbestimmung war 1994 ein erster Erfolg. Allerdings werden diese Tests weiterhin illegal durchgeführt. Zivilgesellschaftliche Organisationen machen auf das Thema aufmerksam und gewinnen an Bedeutung; sie haben sich aber noch nicht durchgesetzt.

Die chinesische Regierung kündigte kürzlich an, die Ein-Kind-Politik langsam auslaufen zu lassen. Dies könnte ein Schritt in Richtung Einschränkung des Brauthandels sein. Es ist aber in beiden Ländern ein kultureller Wertewandel nötig, damit sich Eltern eines Tages über Töchter genauso freuen wie über Söhne.