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Afrika

Informelle Landwirtschaft in der Stadt

von Irit Ittner

In Kürze

Ungeplante Siedlungen verdrängen den informellen Gemüseanbau in Abidjan.

Ungeplante Siedlungen verdrängen den informellen Gemüseanbau in Abidjan.

Zu den zahlreichen Branchen mit informellen Arbeitsverhältnissen in afrikanischen Städten gehört die gewerbliche urbane Landwirtschaft. Dies lässt sich etwa am Beispiel von Abidjan illustrieren, der Küstenmetropole der Côte d'Ivoire.

Im Süden Abidjans, zwischen der Ebrié-Lagune und dem Atlantischen Ozean, liegen Sumpfgebiete. Deren Böden sind nicht sehr fruchtbar. Sie werden dennoch seit den 1950er-Jahren für den Anbau von Gemüse und zum Gartenbau genutzt, weil sie sich aufgrund des hohen Grundwasserspiegels gut bewässern lassen.

Ein großer Teil der so genutzten Flächen ist seit den 1970er-Jahren von der Stadtplanung ausgenommen. Die ivorische Regierung hält sie als öffentliches Land für eine Erweiterung des internationalen Flughafens von Abidjan vor. Es ist nicht möglich, dort auf rechtlich gesichertem Weg Grundstücke zu erwerben. Der Flughafenbetreiber toleriert die landwirtschaftliche Nutzung auf dem designierten Flughafenland.

Es sind vor allem junge Männer mit geringem Bildungsstand, die als Selbstständige auf den Gemüsefeldern und als Familienmitglieder in den Gartenbaubetrieben arbeiten. Die Frauen kümmern sich vor allem um den Verkauf der Produkte. Von den jungen Männern sind viele in Abidjan aufgewachsen, nachdem ihre Familien vor mehreren Jahrzehnten aus den Nachbarländern der Côte d´Ivoire einwanderten. Oft finden sie auf dem formellen Arbeitsmarkt keine Anstellung.

In der urbanen Landwirtschaft dagegen sind die Zugangshürden niedrig, und es besteht die Möglichkeit, sich ein Stück Land informell anzueignen oder sich für eine Anbausaison eine Parzelle informell zu pachten. Gemüsebauern und -bäuerinnen können die eigene Arbeit selbstbestimmt organisieren und erwerben im Lauf der Zeit gärtnerische Erfahrung und Fachwissen. Sie leisten wichtige Arbeit, indem sie die Stadt mit frischen, lokalen Nahrungsmitteln versorgen.

Ihre Arbeitssituation ist allerdings prekär. Erstens fehlt es an sozialer Absicherung, etwa gegen Einkommensverluste im Krankheitsfall. Zweitens hängt ihr Einkommen direkt von der Produktivität ihrer Parzellen ab, sodass sie Ernteverluste hart treffen können. Drittens müssen sie um die Grundlage ihrer Arbeit fürchten, den Boden: Er kann ihnen zum einen durch die Ausbreitung spontaner Siedlungen geraubt werden. Zum anderen können der Flughafenbetreiber und der Staat die landwirtschaftlichen Flächen jederzeit zurückfordern.

Aus diesen Gründen bauen die jungen Gemüsebauern vor allem Sorten mit kurzen Wachstumszyklen an, die sie mehrmals pro Saison ernten können. Sie setzen dazu reichlich Kunstdünger und Pestizide ein. Unter diesen Umständen ist es kaum möglich, die Flächen nachhaltig zu bewirtschaften und gesündere Lebensmittel zu produzieren. Die prekäre Lage der Flächen hat auch verhindert, dass sich Kooperativen bilden. Diese fungieren in anderen Teilen der Stadt als Ansprechpartner für landwirtschaftliche Unterstützungs- oder Weiterbildungsprogramme.

Auf dem öffentlichen Land in der Nähe des Flughafens befinden sich auch mehr als 100 Gartenbaubetriebe, gegründet vor 40 bis 50 Jahren von Einwanderinnen und Einwandern aus den Nachbarländern der Côte d'Ivoire. Sie produzieren Zierpflanzen für private Gärten, öffentliche Grünflächen und Gewerbeflächen und bieten hunderten Menschen Arbeit, ebenfalls meist Männern. Wie viele dieser Arbeitsverhältnisse informell sind, ist schwer zu sagen, da dies jeder Familienbetrieb auf seine Art geregelt hat. Es ist aber davon auszugehen, dass bei weitem nicht alle Gärtnerinnen und Gärtner formell beschäftigt sind.

Die Eigentümerinnen und Eigentümer der Gartenbaubetriebe sorgen sich um ihre Zukunft: Auch ihre Grundstücke könnten eines Tages geräumt werden, um den Flughafen zu erweitern. Auf Ausgleichsflächen in der Stadt können sie kaum hoffen, da sich Abidjan räumlich immer weiter verdichtet. Um sich Gehör zu verschaffen, haben sich die Eigentümer der Gartenbaubetriebe organisiert und einen Rat ins Leben gerufen, der ihre Interessen nach außen vertritt – insbesondere auch gegenüber dem Flughafenbetreiber und der Stadt.

Unterm Strich nimmt durch die fortschreitende Urbanisierung der Druck auf die Räume in afrikanischen Städten zu – und damit auch das Konfliktpotenzial. Verwaltung und Behörden sind gefordert, informellen Gewerbetreibenden zumindest verlässliche Übergangslösungen vorzuschlagen. Sie sollten ihnen den Weg in formelle und sozial besser abgesicherte Arbeitsverhältnisse erleichtern. Allerdings ist formelle Arbeit vielerorts rar, und zu viele Menschen erfüllen nicht die Voraussetzungen, eingestellt zu werden. So lange sich das Ausbildungsniveau insgesamt nicht hebt, bleibt ihnen weiterhin nur die informelle Beschäftigung.
 

Irit Ittner arbeitet am Geographischen Institut der Universität Bonn sowie am German Institute of Development and Sustainability (IDOS). Sie forscht seit 2017 in Abidjan. Ihre Studie wurde von der Fritz Thyssen Stiftung finanziert (10.20.2.003EL).
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