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Landwirtschaft

Pestizide müssen verantwortungsvoll eingesetzt werden

von Patrick Ajwang

Hintergrund

Arbeiter auf einer kenianischen Schnittblumenfarm: Wer Pestizide sprüht, sollte Schutzkleidung tragen.

Arbeiter auf einer kenianischen Schnittblumenfarm: Wer Pestizide sprüht, sollte Schutzkleidung tragen.

Afrika holt zunehmend mit anderen Regionen auf, wenn es um den Einsatz chemischer Pestizide für den Pflanzenschutz geht. Der Kontinent hat noch einen langen Weg vor sich, um sicherzustellen, dass Pestizide sicher und effizient eingesetzt werden.

Im Sommer 2019 fielen Riesenschwärme von Wüstenheuschrecken in Ostafrika ein und zerstörten hunderttausende Hektar Ernte. Das verschärfte in mindestens acht Ländern die Lebensmittelknappheit. Teils waren die Schwärme groß wie ganze Städte und verdunkelten den Himmel. Durch heftige Regenfälle 2020 konnten sich die Schädlinge einnisten und neue Heuschrecken ausbrüten – was die Lebensmittelkrise weiter verschärfte. Hinzu kommt die Klimakrise (siehe Mahwish Gul im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Papers 2020/11).

Ein weiterer Schädling – der Heerwurm – setzt vielen afrikanischen Ländern seit 2016 erheblich zu (siehe die Heutzutage-Kolumne von Humphrey Nkonde im E+Z/D+C e-Paper 2017/04). Diese Raupen treten im „Heer“ auf, fressen alles, was ihnen in den Weg kommt, und zerstören Getreidepflanzen und Weideland. Laut UN hat die Invasion dieser Insekten dem Kontinent bisher einen Ernteschaden in Höhe von drei Milliarden Dollar verursacht. Manche Bauern verloren ihre komplette Ernte. Inzwischen betrifft die Raupenplage zunehmend auch Asien.

Wenn Schädlinge eine Region befallen, versuchen Bauern sie daran zu hindern, auf den Feldern zu landen. Manche legen Feuer oder verbrennen Müll, um Rauch zu erzeugen. Manche werfen Steine, wedeln mit Stöcken oder machen mit den irgendwelchen Gegenständen Lärm, um die Schwärme zu vertreiben.

Das hilft wenig. Was hingegen hilft, ist, Pestizide aus Flugzeugen zu versprühen. Bei der Heuschreckeninvasion am Horn von Afrika geschah dies über einen koordinierten internationalen Einsatz. Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und die regionale Desert Locust Control Organization for Eastern Africa (DLCO-EA) waren aktiv daran beteiligt. Laut einem Artikel im Monatsmagazin Africa Report hat die DLCO-EA hunderte von Mitarbeiter dafür geschult, die Koordinaten der Heuschreckenschwärme zu übermitteln. War ein Schwarm mehr als 500 Hektar groß, setzten die Behörden Leichtflugzeuge ein, um die Schädlinge aus geringer Höhe mit Chemikalien zu vernichten.


Vorsicht ist geboten

Diese Sprüheinsätze sind umstritten. Das Gift, das die Schädlinge vernichtet, kann auch nützliche Insekten wie Bienen und Käfer töten, die für ein funktionierendes Ökosystem gebraucht werden. Werden zu viele Gifte eingesetzt, deren Rückstände die empfohlene Menge überschreiten, kann das die Ernte verunreinigen und Menschen und Tiere krank machen oder sogar töten. Wenn sich zu viele Pestizide im Organismus ansammeln, kann das wissenschaftlichen Studien zufolge je nach Dosis und Gift verheerende Folgen haben wie Geburtsschäden, Tumore, genetische Veränderungen, Blut- und Nervenschäden, Koma oder Tod.

Am Horn von Afrika wurde etwa ein Liter Pestizid pro Hektar Ackerfläche eingesetzt – eine Menge, die angeblich Schädlinge vernichtet, ohne Mensch und Tier zu schädigen. Das mag stimmen, jedoch hat Afrika einen weiten Weg vor sich, bis Pestizide sicher eingesetzt werden. Das Programm der US-Regierung, Feed the Future, dokumentierte einen weitverbreiteten Fehleinsatz von Pestiziden in Afrika. In dem Bericht von 2019 steht: „Ohne Regulierung, gute Schulung und Kompetenzaufbau der Bauern läuft Afrika Gefahr einer weitreichenden Pestizidvergiftung.“ Die Autoren warnen, „zunehmender Einsatz von Pestiziden hat Frischwasserquellen verunreinigt und bedroht die Tierwelt, darunter viele gefährdete Spezies“.

Das sind konkrete Gefahren, obwohl Afrika – verglichen mit anderen Weltregionen – bisher wenig Pestizide einsetzt. Das zeigen auch aktuelle Statistiken der FAO (siehe Grafik: Give pests no chance).


Schnell wachsender Markt

 

So nutzte Afrika 2018 durchschnittlich 0,3 Kilogramm (kg) Pestizide pro Hektar – in Amerika waren es 3,5 kg, wobei in Süd- und Mittelamerika durchschnittlich mehr eingesetzt wurde als in Nordamerika – und 3,7 kg in Asien. Der globale Durchschnitt lag bei 2,7 kg pro Hektar.

Der noch gemäßigte Pestizideinsatz in Afrika ändert sich aber, seit Anbieter von Landwirtschaftschemikalien wie Insektiziden, Fungiziden, Herbiziden und Düngemitteln den Kontinent für sich „entdecken“. Die Beratungsfirma Market Data Forecast schätzt den Markt für Pflanzenschutzmittel im Mittleren Osten und Afrika für 2020 auf 8,7 Milliarden Dollar. Sie geht davon aus, dass die Zahlen bis 2025 auf 10,4 Milliarden Dollar steigen – das wäre in fünf Jahren eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 3,1 Prozent.

Tatsächlich braucht Afrika mehr Pestizide aufgrund der Art seiner Landwirtschaft. Wie in anderen Entwicklungsregionen wird auf dem Kontinent weitgehend auf offenem Feld statt in Gewächshäusern angebaut – was die Ernte anfälliger für Schädlingsbefall macht. Um die Bevölkerung zu ernähren und Exporteinnahmen zu generieren, müssen landwirtschaftliche Erträge gesteigert werden.

Zudem konzentriert sich der immer wichtiger werdende Gartenbausektor in Afrika auf Pflanzen, die relativ schnell nach der Ernte verderben und die der Verbraucher frisch bevorzugt. Ein Schädlingsbefall zur falschen Zeit kann die komplette Ernte zerstören. Neben dem Insektenbefall können die Pflanzen auch durch Krankheiten oder Vogelfraß zerstört werden.


Natürliche Schädlingskontrolle

Nicht nur synthetische Pestizide können Afrikas Ernten schützen. Mancher Käfer ist gut für Nutzpflanzen, weil er ein natürlicher Feind von Raubinsekten ist. Setzt man ihn überlegt und nachhaltig ein, kann das ähnliche Erfolge zeigen wie das Sprühen von Gift.

Wo Pestizide die einzige schnelle und wirksame Lösung sind – zum Beispiel bei einer Schädlingsinvasion –, sollten sie trotzdem gespritzt werden. Das sollte Teil von umfassenderen und vordefinierten integrierten Produktions- und Schutzplänen (IPP) sein. Sie sollten bereits vor einer Krise entworfen werden. Das Sprühen sollte dann unter strikter Einhaltung von Sicherheitsprotokollen bezüglich der Mengen und Verabreichungsmethoden erfolgen.

IPP-Konzepte dienen dazu, Kosten und Folgen für die Umwelt niedrig zu halten und zugleich Erntemengen und Qualität zu maximieren. IPP beginnt mit der Verwendung hochwertigen Saatguts und anderen Pflanzmaterialien wie Zwiebeln und Kartoffelknollen. Zudem beinhaltet es die Verwendung sicherer und effektiver Dünger sowie gute Zucht und Anbau von Nutzpflanzen. Wo möglich, sollte IPP berücksichtigen, ob Gewächshäuser nutzbar wären, um die Umgebung der Pflanzen zu kontrollieren.

Synthetische Pestizide, Herbizide und Dünger können im Zusammenhang mit IPP wertvoll sein und dabei helfen, hochwertige Nutzpflanzen kosteneffizient zu produzieren und zuverlässig an globale Märkte zu liefern. Chemikalien sind jedoch keine Wundermittel. Die Regulierungsbehörden der Importländer müssen außerdem sicherstellen, dass die Sicherheitsstandards auf allen Stufen der Lieferkette bis hin zum Verkauf an den Verbraucher eingehalten werden.

In Erzeugerländern müssen die Regulierungsbehörden die Anlagen inspizieren – von der Farm bis zum Export die ganze Lieferkette entlang. Sie müssen die Produkte dezertifizieren, die den zulässigen Gehalt an Pestizidspuren überschreiten, und so verhindern, dass kontaminierte Pflanzen in Umlauf kommen. Auch die Importländer müssen gewährleisten, dass Sicherheitsstandards an allen Punkten entlang der Lieferkette bis hin zum Konsumenten eingehalten werden.


Lieferketten überprüfen

Für Erzeugerländer bedeutet totale Qualitätskontrolle, dass jeder, der irgendwo in der Lieferkette eine Rolle spielt, sich dieser Rolle bewusst ist. Hilfreich dafür ist besseres Training der Bauern – und auch der Landwirtschaftsberater, die den Bauern bewährte Praktiken zeigen. Zugleich sollten sich Regierungen und andere Organisationen auf die Entwicklung technologischer Alternativen für Pestizide, einschließlich des Einsatzes biologischer Pestizide, konzentrieren.

Wenn Heuschrecken oder Heerwürmer einfallen, müssen Behörden und Landwirte allerdings schnell reagieren können und setzen wahrscheinlich synthetische Pestizide ein. Mit dem richtigen politischen Ansatz und durch Schulungen wird dies auch auf eine sichere und verantwortungsvolle Art möglich.


Link
Feed the Future, 2019: Synthetic pesticides in Africa: The good, the bad and the ugly.
https://www.agrilinks.org/post/synthetic-pesticides-africa-good-bad-and-ugly


Patrick Ajwang ist Dozent für Agrar- und Biosystemtechnik an der Jomo Kenyatta University of Agriculture and Technology (JKUAT) in Juja, Kenia.
[email protected]

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