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Selbstbestimmte Familienplanung

von Renate Bähr

Hintergrund

Stiftung Weltbevölkerung

Stiftung Weltbevölkerung

Jeder Mensch sollte frei darüber entscheiden können, wann und wie viele Kinder er bekommen möchte. Das würde ungewollte Schwangerschaften vermeiden, die Gesundheit von Müttern und Kindern verbessern und die Armut reduzieren. Außerdem ist eine selbstbestimmte Familienplanung für die Entwicklung eines Landes entscheidend.

Die Weltbevölkerung wächst: Nach Prognosen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 voraussichtlich 9,6 Milliarden Menschen auf der Erde leben; heute sind es 7,2 Milliarden. Um die Facetten der weltweiten Bevölkerungsentwicklungen zu beschreiben, ist es nicht sinnvoll, pauschal von Wachstum zu sprechen. Vielmehr sollte der differenziertere Begriff Bevölkerungsdynamiken verwendet werden. Denn in Afrika südlich der Sahara  wächst die Bevölkerung, doch in einigen Ländern – vor allem in Europa – schrumpft sie. Zudem verändert sich die Altersstruktur, und Menschen wandern vom Land in die Städte oder in andere Länder.

Das prozentual stärkste Bevölkerungswachstum verzeichnen ärmere Weltregionen, und hier vor allem Afrika südlich der Sahara. Berechnungen der Vereinten Nationen zufolge wird sich die Bevölkerung dort von heute rund 900 000 Menschen auf voraussichtlich rund zwei Milliarden Menschen im Jahr 2050 mehr als verdoppeln. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau weltweit ist von rund fünf Kindern in den 1960er Jahren auf heute 2,5 Kinder deutlich gesunken, was vor allem auf die Entwicklungen in Asien und Lateinamerika zurückzuführen ist. Die Fertilitätsraten in Afrika  südlich der Sahara gingen im gleichen Zeitraum deutlich langsamer zurück: von 6,6 Kindern pro Frau auf heute 5,1 Kinder. Wie Untersuchungen zeigen, hat sich dieser Rückgang in den vergangenen Jahren teilweise noch verlangsamt.

Ein Hauptgrund dafür ist der Mangel an modernen Verhütungsmitteln in Afrika südlich der Sahara. 2012 hatten dort 60 Prozent der Frauen und Mädchen, die gerne verhüten wollten, keine Möglichkeit dazu. Das ist nur eine minimale Verbesserung gegenüber 2008, als dieser Wert noch bei 62 Prozent lag. Zum Vergleich: In Entwicklungsländern insgesamt mangelt es 26 Prozent der Frauen an Verhütungsmitteln – das sind mehr als 220 Millionen Frauen. Sie sind in der Regel arm, jung sowie wenig gebildet und leben in ländlichen Regionen. In Afrika südlich der Sahara nutzen Frauen aus der obersten Einkommensschicht im Durchschnitt dreimal häufiger Verhütungsmittel als solche aus dem untersten Einkommensbereich. Wohlhabendere Frauen haben einen höheren Bildungsgrad und mehr Einkommen und deshalb einen besseren Zugang zu Informationen und mehr Wahlmöglichkeiten hinsichtlich der Verhütungsmittel.


Ursachen von Bevölkerungswachstum

Drei Faktoren sind im Wesentlichen für eine wachsende Bevölkerung verantwortlich:

  •  eine junge Altersstruktur,
  •  ungewollte Geburten und
  •  der Wunsch nach mehr als zwei Kindern.


Grund für eine junge Bevölkerung ist die hohe Fertilitätsrate in vielen Entwicklungsländern, die zum Teil auf ungewollte Schwangerschaften zurückzuführen ist. Zwei von fünf Menschen in den am wenigsten entwickelten Ländern sind unter 15 Jahre alt. Eine junge Bevölkerung in Kombination mit einer hohen Fertilitätsrate führt zu sehr hohem Bevölkerungswachstum.

Viele Frauen in Entwicklungsländern bekommen mehr Kinder, als sie es sich wünschen, unter anderem weil es ihnen an Verhütungsmitteln mangelt oder ihnen das Wissen darüber fehlt. Viele Frauen können zudem gegenüber ihrem Partner nicht durchsetzen, Verhütungsmittel zu verwenden. In Äthiopien beispielsweise bekommt eine Frau im Durchschnitt 4,8 Kinder, von ihnen gewollt sind jedoch nur drei Kinder.

In Entwicklungsländern wünschen sich Menschen oft deshalb mehr als zwei Kinder, weil es keine ausreichenden Alterssicherungssysteme in ihren Ländern gibt. Daher sind Menschen im Alter auf ihre Kinder angewiesen. Viele Kinder sterben aber immer noch bald nach der Geburt, also bekommen Eltern mehrere Kinder in der Hoffnung, dass wenigstens ein Teil überlebt. Maßnahmen zur Senkung der Kinder- und Säuglingssterblichkeit sowie bessere Bildungs­ und Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen können die gewünschte Kinderzahl deutlich beeinflussen. Auch Familienplanungsprogramme, die über die gesundheitlichen und sozioökonomischen Vorteile kleinerer Familien informieren, wirken sich auf die Einstellung von Eltern aus.


Menschenrechtsbasierter Ansatz

Familienplanung darf nicht als Mittel gesehen werden, um Einfluss auf Bevölkerungsdynamiken zu nehmen. Diese Sichtweise stand noch im Mittelpunkt der ersten beiden UN-Bevölkerungskonferenzen von Bukarest (1974) und Mexiko-Stadt (1984). Die Weltbevölkerungskonferenz von Kairo 1994 markierte einen umfassenden Paradigmenwechsel und setzte auf einen neuen Ansatz, der auf den Menschenrechten basiert. 179 Länder kamen überein, dass die Stärkung von Frauen und ihrer Rechte sowie der Zugang zu Bildung und Gesundheit einschließlich sexueller und reproduktiver Gesundheit sowohl für die Verbesserung des individuellen Fortschritts als auch für die Entwicklung eines Landes entscheidend sind (siehe Kasten).

Wenn Frauen und Mädchen Zugang zu Aufklärung und Verhütung haben, hat das viele Vorteile für die Gesundheit von Müttern und ihren Kindern, wie die Studie „Adding It Up: Costs and Benefits of Contraceptive Services“ in konkreten Zahlen ausdrückt. Wenn der Bedarf an Familienplanung gedeckt würde,

  •  würde die Zahl ungewollter Schwangerschaften um zwei Drittel sinken,
  •  gäbe es 26 Millionen weniger Abtreibungen,
  •  ginge die Zahl der ungewollten Geburten um 21 Millionen zurück,
  •  könnten 79 000 Fälle von Müttersterblichkeit vermieden werden – allein 48 000 in Afrika südlich der Sahara, und
  •  würden 600 000 weniger Neugeborene sterben.

Besonders groß ist der gesundheitliche Nutzen von freiwilliger Familienplanung für Mädchen und junge Frauen. Weil ihr Körper noch nicht reif genug für eine Schwangerschaft ist, haben Mädchen im Alter bis 19 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, infolge von Komplikationen bei Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, wie ältere Frauen. Zudem sind sie eher von Geburtskomplikationen wie Scheidenfisteln betroffen. Wirtschaftliche Entwicklung  durch Familienplanung

Wenn Frauen den Abstand zwischen Geburten kontrollieren können, können sie besser am Erwerbsleben teilnehmen und ihr Haushaltseinkommen steigern. Das hat zum Beispiel das sogenannte Matlab-Programm  in Bangladesch bewiesen, das die Regierung in den späten 1970er Jahren initiiert hat. In dem Programm besuchten Gesundheitsmitarbeiter die Dörfer im Distrikt Matlab, boten verheirateten Frauen eine Auswahl von Verhütungsmitteln an und informierten sie über die korrekte Anwendung. Im Verlauf von zwei Jahrzehnten ging die Fertilität zwischen zehn und 15 Prozent zurück, und die Einkommen der Frauen stiegen um ein Drittel. Auch die Überlebensraten der Kinder, die Schulbesuchsquoten und die Gesundheit von Müttern verbesserten sich. Das durchschnittliche Haushaltsvermögen in den Dörfern, die an dem Programm teilgenommen hatten, lag rund 25 Prozent über dem in vergleichbaren Dörfern, die nicht teilgenommen hatten.

Freiwillige  Familienplanung trägt auch dazu bei, die Entwicklung armer Länder voranzutreiben. Allerdings lässt sich nicht eindeutig feststellen, was zuerst kommt: Rückgang der Geburtenraten oder wirtschaftliche Entwicklung. Vielmehr greifen beide Entwicklungen ineinander. Der Zusammenhang zwischen demografischer und wirtschaftlicher Entwicklung wurde etwa in der Studie „Afrikas demografische Herausforderung“ 2011 erforscht. Ergebnis: Keines der 103 untersuchten Entwicklungsländer hat sich ohne einen gleichzeitigen Rückgang der Geburtenraten sozioökonomisch entwickelt. Eine junge Bevölkerung in Entwicklungsländern kann zu einer Chance für Armutsreduzierung und Entwicklung werden, wenn Staaten die sogenannte demografische Dividende nutzen. Diese kann entstehen, wenn junge Menschen ins erwerbsfähige Alter kommen und zugleich der Anteil der jungen Generation an der Gesamtbevölkerung zurückgeht. Voraussetzung ist, dass die Geburtenrate sinkt. Wenn gleichzeitig der Anteil von alten Menschen gering ist, steigt der Anteil der Bevölkerung, der einer Arbeit nachgehen kann, gegenüber dem Anteil von Kindern und alten Menschen, die versorgt werden müssen.

Wenn die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter menschenwürdige Arbeit findet und die Wirtschaft wächst, erzielt der Staat höhere Einnahmen, die er so einsetzen kann, dass der Lebensstandard der gesamten Bevölkerung steigt. Dass dies funktionieren kann, hat die Entwicklung der asiatischen Tigerstaaten gezeigt. Allerdings sind hierfür politische Weichenstellungen notwendig – etwa durch Investitionen in die Gesundheit und Sexualaufklärung, in eine hochwertige Bildung und in menschenwürdige Arbeitsplätze für junge Menschen. Es ist aufschlussreich, dass diese Grundlagen in asiatischen und lateinamerikanischen Ländern vergleichbare Wirkungen erzielten, obwohl diese Länder von ganz unterschiedlichen Religionen geprägt sind, deren Führungspersönlichkeiten sich oft prinzipiell gegen Familienplanung aussprechen.


Erfahrung aus der Praxis

Die mehr als 20-jährige Erfahrung der Stiftung Weltbevölkerung mit Aufklärungs- und Familienplanungsprojekten in Ostafrika zeigt, dass Aufklärung besonders erfolgreich ist, wenn junge Menschen gleichzeitig neue Perspektiven auf ein besseres, wirtschaftlich unabhängiges Leben erhalten. In rund 400 Jugendklubs in Äthiopien, Kenia, Tansania und Uganda informieren von uns ausgebildete junge Menschen ihre Altersgenossen, wie sie sich vor ungewollten Schwangerschaften und einer Ansteckung mit HIV schützen können. Unsere Aufklärungsarbeit verbinden wir mit Aus- und Weiterbildungsangeboten, und wir beziehen Eltern, Lehrer, Gemeindemitglieder sowie lokale und religiöse Meinungsführer mit ein. Damit sich die Situation Jugendlicher langfristig verbessert, engagiert sich die Stiftung Weltbevölkerung zudem dafür, dass politische Entscheidungsträger in den Projektländern dem Gesundheits­bereich, insbesondere der reproduktiven Gesundheit, mehr Gewicht beimessen und dafür mehr finanzielle Mittel bereitstellen.

Ein unabhängiger Bericht der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat bestätigt, dass wir mit unserer Arbeit die Lebenssituation von Jugendlichen nachhaltig verbessern. Oder um es in den Worten der 20-jährigen Mulu aus Äthiopien auszudrücken: „Wenn ich nicht an dem Projekt der Stiftung teilgenommen hätte, säße ich wohl zu Hause, hätte Kinder und würde meinem Mann gehorchen. Aber erst einmal kümmere ich mich um mein eigenes Einkommen. Ich will nur eine Partnerschaft eingehen, in der mein Partner und ich gleichgestellt sind und wir uns gegenseitig respektieren.“


Kosten der Familienplanung

In dem 1994 in Kairo beschlossenen Aktionsprogramm wurden die internationalen Geber aufgerufen, ein Drittel der Kosten für die sexuelle und reproduktive Gesundheit einschließlich Familienplanung in den Entwicklungsländern zu übernehmen. Die restlichen zwei Drittel sollten von den Empfängerländern selbst aufgebracht werden. Entwicklungs-­ wie Geberländer haben diese Vorgaben nicht erfüllt.

Allen Frauen, die verhüten möchten, die Möglichkeit dazu zu geben, würde 8,1 Milliarden  Dollar jährlich kosten – vor allem für Verhütungsmittel, Personal und Gesundheitssysteme. Das sind 4,1 Milliarden Dollar mehr, als heute investiert werden. Doch diese Investitionen zahlen sich aus – nicht nur menschlich, sondern auch rein finanziell: Wenn zusätzlich 4,1 Milliarden Dollar in moderne Verhütung in Entwicklungsländern investiert würden, könnten ungewollte Schwangerschaften und unsichere Abtreibungen vermieden werden. So ließen sich weltweit schätzungsweise 5,7 Milliarden Dollar an Ausgaben für Mütter und Neugeborene einsparen.

Beim Familienplanungsgipfel in London im Jahr 2012 haben Vertreter von Regierungen aus aller Welt, von internationalen Organisationen, der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft das Thema Familienplanung zurück auf die globale Agenda gebracht. Die Teilnehmer sagten zu, bis zum Jahr 2020 4,6 Milliarden Dollar zusätzlich für Aufklärung, Verhütung, Personal und Gesundheitssysteme zur Verfügung zu stellen. Mit dem Geld sollen weitere 120 Millionen Frauen in den ärmsten Ländern der Welt Zugang zu Familienplanung bekommen. Das ist zwar ein wichtiger Meilenstein, doch es reicht noch lange nicht, um den universellen Zugang zu verwirklichen.


Post-2015-Ziele

Entwicklungs- und Geberländer sollten nicht nur ihr finanzielles, sondern auch ihr politisches Engagement deutlich erhöhen. Die Debatte über die Post-2015-Agenda bietet die Chance, Ziele zu vereinbaren, die weltweit eine nachhaltige und menschenrechtsbasierte Entwicklung fördern. Zu diesen Zielen sollten gehören:

  •  den universellen Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten ermöglichen,
  •  Frauen und Mädchen stärken und Gleichberechtigung fördern,
  •  Bildung für alle Mädchen und Jungen zugänglich machen.


Zugleich muss die demografische Datenlage verbessert werden, um Bevölkerungsdynamiken besser verstehen und gestalten zu können. In der letzten Legislaturperiode hat sich die Bundesregierung mit der „Initiative Selbstbestimmte Familienplanung und Müttergesundheit“ verpflichtet, die Mittel für diesen Bereich auf 400 Millionen Euro für die Jahre 2012 bis 2015 zu erhöhen. Ein richtiger und wichtiger Schritt. Es ist zu hoffen, dass sich auch die neue Bundesregierung entschlossen in diesem Bereich engagiert.

Quellen:
Afrikas demografische Herausforderung. Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann, 2011:
http://www.weltbevoelkerung.de/uploads/tx_aedswpublication/Afrikas_­demografische_Herausforderung.pdf
UNFPA-Weltbevölkerungsbericht 2012: Das Recht auf Entscheidung – Familienplanung, Menschenrechte und Entwicklung, deutsche Kurzfassung:
http://www.weltbevoelkerung.de/uploads/tx_aedswpublication/weltbevoelkerungsbericht_2012.pdf
Susheela Singh and Jacqueline E. Darroc: Adding It Up: Costs and Benefits of Contraceptive Services. Estimates for 2012, Herausgeber: Guttmacher Institut und UNFPA, 2012
http://www.guttmacher.org/pubs/AIU-2012-estimates.pdf
John Bongaarts, John Casterline: Fertility Transition: Is sub-Saharan Africa Different? In: Population and Development Review 38, S. 153–168, 2012
http://www.popcouncil.org/pdfs/PDRSupplements/Vol38_PopPublicPolicy/Bongaarts_pp153-168.pdf
John Bongaarts, et al.: Family Planning Programs for the 21st Century, Herausgeber: The Population Council, 2012
http://popcouncil.org/pdfs/2012_FPfor21stCentury.pdf
Vereinte Nationen: World Population Prospects, the 2012 Revision, 2013
http://esa.un.org/unpd/wpp/index.htm