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Bildung

Spiegel der Gesellschaft

von Patricia Galicia

Hintergrund

Nicht jede Schule auf dem Land ist so gut ausgestattet: indigene Grundschüler mit Schreibpulten in Guatemala.

Nicht jede Schule auf dem Land ist so gut ausgestattet: indigene Grundschüler mit Schreibpulten in Guatemala.

In Guatemala ist die 6-jährige Grundschule Pflicht und der Schulbesuch gratis. Die staatlichen Bildungsprogramme haben zudem gute Ziele: Schulessen, Inklusion, interkulturelle Bildung und didaktisches Lehrmaterial gehören dazu. An der Umsetzung aber hapert es gewaltig, und auch landesweite Probleme wie Armut, Korruption, Gewalt und Rassismus hinterlassen Spuren.

In Guatemala ist das Recht auf Bildung in der Verfassung festgehalten. Der Besuch der 6-jährigen Grundschule ist Pflicht, und es ist die einzige Schulform, die der Staat umsonst für alle Kinder anbieten muss. Dennoch besuchen rund 245 000 Mädchen und Jungen zwischen 7 und 12 Jahren keine Schule. Der Prozentsatz der Schulpflichtigen, die nicht zur Schule gehen, ist in den letzten Jahren leider deutlich gestiegen: von 5,5 Prozent 2006 auf 19 Prozent 2015. Einer aktuellen Studie zufolge bleiben besonders Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern, aus ländlichen Regionen und mit indigener Abstammung dem Unterricht fern.

Im Gegensatz zu den weiterführenden Schulen ist der Großteil der Grundschulen in Guatemala in öffentlicher Hand. Seit 2005 sind mehr als 1 500 neue staatliche Grundschulen registriert worden. Dennoch nimmt der Anteil der Privatschulen langsam zu und liegt mittlerweile bei 14,7 Prozent (siehe Kasten).

Während sich private Schulen meist in den Städten niederlassen, sind öffentliche Schulen im ländlichen Raum oft die einzigen Grundbildungseinrichtungen. Hier ist der Anteil der indigenen Bevölkerung groß, und die Armuts- und Mangelernährungsraten sind hoch. Jeder vierte Junge und jedes dritte Mädchen müssen neben der Schule arbeiten.


Kostenlos – aber dennoch zu teuer

In den Friedensverträgen von 1996, die dem 36-jährigen Bürgerkrieg in Guatemala ein Ende setzten, verpflichtete sich der Staat, mehr in Bildung zu investieren. Entsprechend gab die Regierung im Jahr 2013 auch rund 2,8 Prozent des Haushaltsbudgets für Bildung aus. Die Hälfte davon floss in Grundschulen: in die Unterrichtskosten, die Subventionierung von Schulessen und in Lehrmaterial.

Doch die Bürokratie und die weit verbreitete Korruption machten viele gute Pläne zunichte. Schulbücher und Unterrichtsmaterial kommen oft erst Ende des Schuljahres an – wenn überhaupt. Das Programm für Schulessen ist ein anderes Beispiel. Jedes Kind sollte ein ausgewogenes Frühstück und Mittagessen bekommen, um Mangelernährung vorzubeugen und die Konzentration zu fördern. Dies ist besonders für arme Kinder sehr wichtig. Die Gelder wurden aber viel zu spät ausgezahlt, und oft war die Summe zu gering. Viele Schulen konnten nur sporadisch Essen austeilen. In anderen Fällen erfüllte das gelieferte Essen nicht die vereinbarten Qualitätsstandards.

Trotz des Programms zur kostenlosen Bildung ist der Schulbesuch für arme Kinder teuer. Bis vor einigen Jahren mussten die Eltern eine jährliche Einschreibungsgebühr zahlen. Diese wurde zwar mittlerweile abgeschafft, die Schulen bitten aber dennoch um „freiwillige Beiträge“ für Reparaturen, Trinkwasser, Computer sowie zur Aufstockung der Lehrergehälter und für Sicherheitsdienste zum Schutz des Gebäudes. Dazu kommen noch die Ausgaben für Schuluniformen und Material.

Viele kinderreiche Familien müssen deshalb eines ihrer Kinder aussuchen, das die Schule besuchen darf. Einige schicken sie auch abwechselnd für einige Zeit, damit mehrere von ihnen zumindest lesen und schreiben sowie die Grundrechenarten lernen, denn diese Fähigkeiten sind auch für die Subsistenzlandwirtschaft wichtig.

Tausende von Kindern müssen lange Strecken laufen, um zur Schule zu kommen, oder die unsicheren öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, die zudem oft durch gefährliche Gegenden fahren.


Überlastung, Kriminalität und Naturkatastrophen

Besonders im ländlichen Raum sind die Lehrer oft überlastet. Lehrer an privaten Schulen unterrichteten 2014 im Schnitt je 15 Schüler. Auf jeden Lehrer an öffentlichen Schulen hingegen kamen 26, in den Vorstädten auch mal über 40 Schüler. In einigen Schulen auf dem Land muss ein einziger Lehrer drei unterschiedliche Altersklassen gleichzeitig unterrichten und zudem die Schule leiten. Es gibt auch nicht genug didaktisches Material, besonders nicht für Sport- oder Kunstunterricht. Im Laufe der letzten Jahre hat die Regierung das Bildungsbudget gekürzt und Zeitarbeitsverträge bei Lehrern eingeführt. Dadurch ziehen sich die Auswahl- und Einstellungsprozesse nun viel länger hin, und Schulklassen wird zum Teil über längere Zeit hinweg einfach kein Lehrer zugeteilt.

Auch die Gebäude sind häufig in schlechtem Zustand. In armen Gegenden werden Klassenräume oft nur aus Wellblechwänden gebaut, und das Lehrerpult besteht aus ein paar aufgeschichteten Ziegelsteinen. In anderen Fällen muss jeder Schüler einen Eimer Wasser für die Toilettenspülung mitbringen. Erdbeben, Erdrutsche und Überschwemmungen haben große und unwiderrufliche Schäden an vielen Schulgebäuden hinterlassen, und die betroffenen Schüler haben für unbestimmte Zeit keine Unterrichtsräume.

Noch haben auch nicht alle Schulen Computerräume – vor allem nicht in Gebieten, in denen es nicht einmal elektrischen Strom gibt. Aber auch dort, wo es Computer gibt, fehlen oft die Mittel für Instandhaltung, Internet­anschluss und ausgebildete Informatiklehrer.

Ein weiteres Problem ist Unterrichtsausfall. Wegen der Instabilität ihrer Arbeitsverhältnisse und verspäteter Lohnauszahlungen streiken die Lehrer häufig. Zudem werden die Schulgebäude zeitweise als Wahllokale oder als Notunterkünfte für Opfer von Naturkatastrophen genutzt. Dadurch finden die vorgeschriebenen 180 Unterrichtstage im Jahr de facto nicht statt.


Gute Ziele, schlechte Umsetzung

Immer wieder schließen Schulen auch, weil Kriminelle Schutzgeld fordern. Sie drohen, Schülern und Lehrern sonst etwas anzutun. Gewalt ist in Guatemala allgegenwärtig. Es sind schon Schüler in der Schule ermordet worden. Auch in diesen Fällen fällt zunächst einmal der Unterricht aus. Einige Schüler bleiben der Schule danach ganz fern, weil sie sich nicht mehr zum Unterricht trauen.

Laut dem nationalen Lehrplan soll der Schulunterricht Geschlechtergleichstellung, Inklusion und Respekt vor der indigenen Bevölkerung fördern, die Schüler zu mündigen Bürger erziehen und eine Kultur des Friedens schaffen. Rund 10 Jahre nach Genehmigung des Lehrplans haben die Lehrer aber immer noch keine entsprechende Weiterbildung bekommen und wissen nicht, wie sie diese Ziele im Unterricht umsetzen können.

Kinder aus indigenen Familien müssen sich in ein Schulsystem eingliedern, das nicht auf ihrem Weltbild aufbaut. Es pflegt nicht ihre kulturellen Werte, geht wenig auf ihre geschichtlichen Vorfahren ein und berücksichtigt ihre sozioökonomische Situation nicht. Auch der Beitrag indigener Völker zur Gesellschaft wird im Unterricht oft unterschlagen. Es gibt zwar das nationale Ziel, bilinguale und interkulturelle Bildung anzubieten. Noch ist der Anteil der Lehrkräfte, die auf Spanisch und in einer der 24 indigenen Sprachen unterrichten können, jedoch sehr gering.

„Es gibt viele Lehrer, die zwar selber Indigene sind, ihre Sprache aber nicht richtig schreiben und auch nicht darin unterrichten können“, erklärt Zoila Tot, eine Q’eqchi-Indigene, deren Kinder die staatliche Schule ihres Dorfes besuchen. „Sie unterrichten lieber auf Spanisch aus Sorge, diskriminiert zu werden. Es gibt viel Rassismus. Die Leute denken, dass es minderwertig ist, wenn man in einer Maya-Sprache lernt. Die Leidtragenden sind die Kinder: Viele müssen die erste Klasse wiederholen oder verlassen sogar die Schule. Ihre Familien sehen die Schule dann als Zeit- und Geldverschwendung an.“

All diese Faktoren beeinträchtigen den Unterrichtserfolg. Einer Studie von 2014 zufolge konnten die Schüler der sechsten Klasse in Lesen nur 40 Prozent der Fähigkeiten vorweisen, die sie zu diesem Zeitpunkt erreicht haben sollten. In Mathematik waren es 44 Prozent. Die richtigen Gesetze sind da, aber es gibt noch viel zu tun.

 

Patricia Galicia ist Journalistin und Radioredakteurin in Guatemala-Stadt.
[email protected]

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