D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Pädagogik

Gemeinsam selbständig werden

von Rabiaa Ouerimi

Hintergrund

The Tunisian pupils of El May school visiting Berlin

The Tunisian pupils of El May school visiting Berlin

Weltweit gibt es unzählige Schulpartnerschaften, aber wohl kaum eine wie diese: Deutsche und tune­sische Schüler mit Behinderung zeigen sich auf Austauschreisen ihre Heimatländer. Rund zehn Jahre arbeiten die El-May-Schule auf Djerba und die Bonner Christophorusschule nun schon zusammen, berichtet Rabiaa Ouerimi, Vizepräsidentin der tunesischen Behindertenorganisation UTAIM. ENGAGEMENT GLOBAL unterstützt den Austausch. Interview mit Rabiaa Ouerimi

Sie begleiten diese Schulpartnerschaft schon seit ihren Anfängen im Jahr 2002. Weshalb ist sie so außergewöhnlich?
Es ist ein Austausch, bei dem Schüler mit Behinderung ihre Landes- und Kulturgrenzen überschreiten. Die deutschen Schüler haben vor allem körperliche Behinderungen, wohingegen die Schule in Djerba auf geistig Behinderte spezialisiert ist.

Die Partnerschaft entstand, als eine Gruppe deutscher Schüler nach Djerba reiste. Mit körperlich behinderten Schülern so weit zu fahren ist mutig!
Aber es ist wahr: Die Schüler der Christophorusschule suchten sich Djerba für ihre Abschlussfahrt aus, und die Lehrer waren einverstanden. Als die Schüler nach Jugendlichen mit Behinderung in Tunesien fragten, organisierten sie einen Besuch in der El-May-Schule. Das war 2002. Seitdem verbindet uns eine sehr intensive Partnerschaft. Wir haben schon mehrere Lehrer- und Schüleraustausche organisiert, wir waren zusammen in Tunis und in Berlin.

Wie haben die tunesischen Eltern reagiert, als Sie ihnen erstmals von den Reiseplänen erzählt haben?
Sie waren besorgt. Die meisten Schüler kommen aus armen Familien, und kein Familienmitglied ist je im Ausland gewesen. Es haben auch nicht alle Eltern eingesehen, weshalb ausgerechnet ihr behindertes Kind als erstes so weit verreisen sollte. Aber nun wissen sie, was die Reise bei ihren Kindern bewirkt, und sind sehr froh darüber.

Die Schüler haben also viel gelernt?
Mehr, als wir ihnen in einem Schuljahr beibringen könnten! Sie sind viel unabhängiger geworden: Sie mussten alleine ins Bett gehen, sich die Zähne putzen und anziehen. Eine besondere Herausforderung war die Pünktlichkeit: Wir mussten früh genug aufstehen, um den Bus zu bekommen. Es ist sehr schwer, den Schülern solche praktischen Dinge in der Schule zu vermitteln. Aber nach einer Woche in Deutschland werden sie sie sicher nie wieder vergessen. Außerdem haben sie gelernt, mit Menschen aus einer anderen Kultur in Kontakt zu treten.

Konnten sie denn überhaupt mit­einander kommunizieren? Sie haben doch nie die Sprache ihrer Partner gelernt, oder?
Diese Jugendlichen denken nicht so komplex wie die meisten Erwachsenen und kommen auch mit Gesten gut klar. Außerdem haben wir ihnen ein Sprachbuch entworfen. Die wichtigsten Begriffe sind hier in Bildern dargestellt. Darunter stehen jeweils das deutsche und das arabische Wort dafür, auch in Lautschrift.

Während des Austauschs haben die Jugendlichen gemeinsamen Unterricht. Worin kann man Schüler mit so unterschiedlichen Behinderungen unterrichten?
Das geht nur in handwerklichen und künstlerischen Fächern. Ein deutscher Lehrer hat uns zum Beispiel die in Bonn sehr beliebte AG „Circus Halli Galli“ gezeigt. Unsere Schüler waren anfangs sehr skeptisch – Zirkus ist wirklich nicht Teil der tunesischen Kultur –, aber nun lieben sie es. In den Pausen sieht man immer ein paar Kinder jonglieren oder Einrad fahren. Die Deutschen wiederum finden unsere Töpferkurse toll.

Profitieren auch die Lehrer von der Schulpartnerschaft?
Natürlich, wir tauschen Erfahrungen aus. Die Deutschen wissen beispielsweise sehr gut mit Autismus umzugehen, womit wir bisher nur sehr wenig Erfahrung haben. Deshalb wollen wir jetzt auch ein Austauschprojekt speziell für Lehrer starten. Außerdem nehmen die Lehrer der Christophorusschule immer an unserem pädagogischen Kongress teil. Jedes Jahr tauschen sich hier rund 200 Experten aus aller Welt – vor allem aus den arabischen Ländern, Europa und den USA – über Sonderpädagogik aus.

Was sind die größten Unterschiede zwischen den beiden Schulen?
Bei unserem ersten Besuch in der deutschen Schule kam uns alles anders vor: die Gebäude, die Ausstattung, die Geräte. Auch sind unsere Schulsysteme sehr unterschiedlich. Wir können unseren Schülern zum Beispiel kein akademisches Wissen beibringen, wie die deutschen Lehrer, weil unsere Schüler geistige Behinderungen haben. Außerdem ist unsere Schule größtenteils auf Spenden angewiesen. Die deutsche Schule hingegen ist öffentlich finanziert. Dennoch ist das Ziel beider Schulen dasselbe: Wir tun unser Bestes, um Jugendliche mit Behinderung zu unterstützen.

Wenn Sie an der El-May-Schule kein klassisches Schulwissen vermitteln können – was unterrichten Ihre Lehrer dann?
Sie bringen den Schülern bei, selbständig zu werden, sich in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu integrieren. Dafür geben sie unter anderem Töpfer-, Web- und Schreinerkurse. Unsere jüngsten Schüler sind fünf Jahre alt und bleiben bei uns, bis sie eine Anstellung haben. Fünf unserer ehemaligen Schüler haben bereits einen festen Job, 20 einen Ausbildungsplatz.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen?
Wir hatten oft Probleme mit der Mentalität der Familien. Viele Eltern sind arm und Analphabeten. Häufig haben mehrere ihrer Kinder Behinderungen, weil sie innerhalb der Familie heiraten. Statt zum Arzt zu gehen und die Ursache herauszufinden, vernachlässigen sie die Kinder. Wir als Schule sind aber auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. Ein Beispiel: Wir bringen allen Schülern bei, auf dem Markt einzukaufen. Wenn sie danach aber nie wieder auf den Markt geschickt werden, vergessen sie es wieder. Glücklicherweise ist das Bildungsniveau der Eltern in den letzten Jahren gestiegen und sie kümmern sich besser um ihre Kinder.

Die tunesische Revolution letztes Jahr hat im Land alles verändert. Ist auch Ihre Arbeit betroffen?
Dieser Zustand der Transition ist für alle schwierig, auch für uns. Die Regierung muss so viele Probleme lösen, dass sie sich bisher kaum um die Belange von Behinderten kümmern konnte. Außerdem hat uns ein politischer Skandal schwer getroffen. Nach der Revolution wurde bekannt, dass die Frau des Präsidenten, die während der letzten Jahre die größte Behindertenorganisation Tunesiens geleitet hat, Gelder in großem Stil unterschlagen hat. Seitdem respektieren die Menschen die Arbeit der Behindertenorganisationen nicht mehr und spenden deutlich weniger. Dabei haben wir mit der Sache gar nichts zu tun.

Ist Politik auch in der Schulpartnerschaft ein Thema?
Wir sprechen darüber, ja. In Berlin zum Beispiel ist uns aufgefallen, dass es Parallelen zwischen dem Fall der Berliner Mauer und den Umbrüchen in Tunesien gibt. Auch die tunesische Revolution war – verglichen mit den anderen arabischen Ländern – nicht sonderlich blutig. Wir hoffen nun, dass sich unser Land ebenso positiv entwickeln wird.

Haben Sie schon neue Projekte für die Partnerschaft?
Wir arbeiten zurzeit an einem Projekt gegen Umweltverschmutzung, Djerbas größtem Problem. Wir sammeln Müll und finden heraus, wie man ihn recyclen kann. Ziel ist, eine Wiederverwertungsanlage zu eröffnen, die von Behinderten betrieben wird. Dafür möchten wir auf die Expertise der Deutschen zurückgreifen, die damit viel Erfahrung haben.

Was denken Sie, wo sind die Lebensbedingungen für Behinderte besser: in Deutschland oder in Tunesien?
Das ist die falsche Frage. Kein Kind mit Behinderung will seine Wurzeln verlieren. Für jedes ist das Heimatland das beste. Deshalb müssen wir versuchen, ihnen dort ein gutes Leben zu bieten.

Das Interview führte Eva-Maria Verfürth.