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Wasserkrise

Privatisiert und ausgetrocknet

von Katie Cashman

Hintergrund

Wasserfälle im Queulat-Nationalpark in Chile: Wenn die Gletscher schmelzen, leiden ganze Wassereinzugsgebiete stromabwärts unter den Auswirkungen.

Wasserfälle im Queulat-Nationalpark in Chile: Wenn die Gletscher schmelzen, leiden ganze Wassereinzugsgebiete stromabwärts unter den Auswirkungen.

Trotz vieler Flüsse und Seen und seiner Lage am Pazifik herrscht in Chile wegen der Klimakrise dramatische Wasserknappheit.

Zehn Jahre dauert die Dürre schon an, von der mehr als drei Viertel der Fläche Chiles betroffen sind. Die Bürger bekommen das zu spüren: durch Knappheit und steigende Wasserpreise. Auch die Landwirtschaft – Hauptwirtschaftszweig des Landes – leidet. Massenweise sterben Tiere, einst fruchtbare Regionen werden zu Wüsten.

Hauptgrund für diese Katastrophe ist der Klimawandel. Die Temperaturen steigen stetig, während Regen- und Schneefälle abnehmen und Gletscher schmelzen. Chile hat in sechs seiner 16 Regionen landwirtschaftliche Notstandszonen erklärt.

Ein politisches Problem verschärft die Naturkatastrophe: Chiles Wasservergabesystem ist marktorientiert und kaum staatlich reguliert; Privatunternehmen haben die Kontrolle. Folglich zahlen Verbraucher viel Geld für Wasser. Es gibt hitzige Debatten darüber, ob diese wichtige Ressource in privater Hand sein sollte. Chile muss sich mit seinen Klimaproblemen und seinem Wasservergabesystem befassen, sonst wird die lange andauernde Wasserkrise fortbestehen.

Der chilenische Wasserkodex von 1981 wurde während der Diktatur des damaligen Präsidenten Augusto Pinochet eingeführt. Demnach dürfen Wasserrechte als Eigentum besessen und gehandelt werden. Heute gehören die chilenischen Wasserversorger großen multinationalen Unternehmen wie der Suez Group (französisch), Aguas de Barcelona (spanisch) und Marubeni (japanisch).

Ein Ziel der Privatisierung war es, Investitionen und Expertise globaler Unternehmen zu gewinnen, was gelungen ist. Aber der Preis für die Bevölkerung ist hoch. Die Vermarktung von Wasser hat die Preise in die Höhe getrieben und den Grundsatz untergraben, dass Zugang zu Wasser ein grundlegendes, nicht verhandelbares Menschenrecht ist.

Aktuell sind mehr als 40 Regierungsbehörden an der Bewirtschaftung der Wasserressourcen beteiligt, was die Aufsicht schwächt und zerfranst. Hauptregulator ist die Generaldirektion Wasser im Ministerium für öffentliche Arbeiten. Diese:

  • unterhält das Informationssystem, das „Wasserkataster“,
  • setzt die nationale Politik um und
  • verleiht über ein Auktionssystem Wasserrechte.

Der Schwerpunkt liegt auf der Marktversorgung. Es ist weder sichergestellt, dass die Menschen Zugang zu Wasser haben, noch dass die Ökosysteme um die Wasserbecken herum gesund gehalten werden.

Diese Systemmängel haben Bürger zum Protest veranlasst. Sie kämpfen gegen hohe Wasserpreise und Knappheit. Seit 30 Jahren bemühen sich einige Politiker um eine Reform des Wasserkodex. 2014 versuchten Senatoren erfolglos, Wasserressourcen zu renationalisieren. Derzeit kämpfen Aktivisten dafür, dass Bergbauunternehmen keine weiteren Wasserrechte erwerben können.

Die Wasserdebatte ist Teil einer breiteren Diskussion zur Reform des marktorientierten Wirtschaftsmodells des Landes. Die Chilenen diskutieren über eine neue Verfassung (siehe Javier Cisterna Figueroa in der Debatte des E+Z/D+C e-Paper 2020/02). Die Idee ist, die seit Ende der Pinochet-Diktatur 1990 geltenden Regeln zu erneuern. Viele Befürworter einer neuen Verfassung wollen die private Kontrolle der Wasserrechte abschaffen.


Schmerzhafte Folgen

Während die Debatte läuft, zeigen sich negative Folgen des zunehmenden Wassermangels in Chile. Sie betreffen Umwelt, Landwirtschaft, Fischerei und Bergbau – und vor allem die Menschen. Laut World Resources Institute (WRI), einer nichtstaatlichen Denkfabrik mit Sitz in Washington, wird Chile bis 2040 zu den Ländern mit den größten Wasserproblemen weltweit gehören. Die WRI prognostiziert einen starken Wettbewerb um Oberflächenwasser, berechnet als Verhältnis von lokaler Wasserentnahme und erneuerbarem Vorrat.

Am unmittelbarsten werden die Bürger die Folgen zu spüren bekommen. Da der Fluss Maipo Wasser verliert, wird in der Hauptstadt Santiago bis 2070 voraussichtlich circa 40 Prozent weniger frisches Trinkwasser verfügbar sein. Das wird vor allem die in der Metropolregion lebenden 40 Prozent der Gesamtbevölkerung treffen. Für ärmere Stadtbezirke hat der Mangel schon jetzt herbe Folgen: Sie können sich das teure Wasser nicht leisten.

Wegen der hohen Preise sind sie auf ihre eigenen Grundwasserquellen angewiesen, doch die werden immer unzugänglicher. Zwischen 1969 und 2001 sank der Grundwasserspiegel in Santiago von 12 auf 26 Meter unter der Erde. Die anhaltende Dürre verschlimmert die Lage.

Auch Landwirtschafts- und Bergbauunternehmen kämpfen um die knapper werdende Ressource. Chiles Wirtschaft hängt wesentlich vom Export von Avocados, Wein und Kupfer ab. In der Metropolregion Santiago verbraucht allein die Landwirtschaft 74 Prozent des Wassers. Mit Kupfer und Früchten exportiert Chile derzeit 1900 Millionen virtuelle Kubikmeter Wasser pro Jahr und damit das 1,4-Fache der für die Chilenen jährlich verfügbaren Trinkwassermenge.

Auch die Umwelt trifft der Wassermangel hart. In den Anden schrumpfen die Gletscher, die Schneegrenze weicht zurück. Gletscher sind jedoch ein wichtiger Wasserspeicher. Sie füllen Flüsse, Seen und Grundwasserquellen auf. Wenn die Gletscher schmelzen, leiden ganze Wassereinzugsgebiete stromabwärts unter den Auswirkungen.

Flussläufe mit weniger Wasser beeinflussen andere Ökosysteme. In Zentral- und Südchile führen Flüsse im Herbst und Winter 25 bis 75 Prozent weniger Nährstoffe wie Nitrate und Phosphate in den Pazifik ab als vor der Dürre, denn das ist abhängig von der Menge des Süßwassers, das die Küste erreicht. Diese Nährstoffe sind essenziell für das Wachstum von Phytoplankton (das erste Glied in der Meeresnahrungskette), das wiederum beim Laichen, der Larvenentwicklung und als Nahrung von Fischen und Krebstieren essenziell ist. Einige dieser Fische, Sardellen und Sardinen etwa, sind wirtschaftlich sehr bedeutsam für Chile.

Chile gilt eigentlich als wasserreich, besonders im Süden. Die Klimakrise jedoch lässt die Wasserressourcen schwinden. Zwischen 2010 und 2014 lagen die durchschnittlichen und maximalen Temperaturen in Chile ein halbes bis 1,5 Grad höher als von 1970 bis 2000. Mehr Hitze bedeutet auch mehr Verdunstung. Forscher glauben, dass der Rückgang von Regen und Schnee in Chile mindestens zu einem Viertel dem vom Menschen verursachten Klimawandel anzulasten ist. Stetig ansteigende Temperaturen und starke Änderungen der Wettermuster verändern Landschaften und Ökosysteme nachteilig.


Mögliche Lösungen

Chiles Regierung und ausländische Investoren suchen Lösungen für diese Probleme. Als Präsident Sebastián Piñera vergangenen Herbst seinen Haushaltsvorschlag für 2020 vorstellte, verkündete er Pläne für den Bau von 26 neuen Wasserreservoirs, Entsalzungsanlagen und innovativen Bewässerungsprojekten.

Einige Projekte sehen den Bau von Entsalzungsanlagen längs der Küste und den Transport von Wasser in Städte vor. Ein Testlauf in der Hafenstadt Antofagasta im Norden Chiles erwies sich als teuer und potenziell umweltschädlich, da schädliche Abwässer zurück ins Meer gepumpt wurden.

Eine weitere Idee ist, Süßwasser aus dem Süden, wo es etliche Fjorde und Buchten gibt, über eine „Wasserstraße“ in die trockenen zentralen und nördlichen Städte Chiles zu bringen. Der Süden sieht jedoch keinen Nutzen darin, Wasser aus seinen Flüssen und Seen zu entnehmen, vielmehr würde das Fischpopulationen und Fischereiwirtschaft schädigen. Auch die Indigenen lehnen die Ableitung von Wasser aus der Region ab.

Es gibt auch umweltfreundlichere Lösungen. Mögliche Schritte zur Anpassung an den Klimawandel sind: Wasser aus Nebel zu gewinnen, Regenwassereinzugsgebiete einzurichten und einheimische Bäume zu pflanzen, die trotz knapper Niederschläge gedeihen und den Bodenrückhalt verbessern. Die Bäume würden zudem Kohlenstoff speichern und so zur Anpassung an den Klimaschutz beitragen. Experten erwägen auch, landwirtschaftliche Praktiken zu ändern, um Wasserverbrauch und Treibhausgasemissionen zu reduzieren (siehe Susanne Neubert im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Papers 2019/11).

Nicht zuletzt plädieren die Reformer dafür, das Wasservergabesystem des Landes grundlegend zu ändern, letztlich also die Wasserressourcen zu renationalisieren. Da Wasserverteilung ein Geschäftsmodell ist, schauen Unternehmen mehr auf Erzeugung und Transport von Wasser als auf Nachhaltigkeit durch Schutz der Ökosysteme. Es braucht einen politischen Diskurs darüber, wie Wasserversorgungsfragen in die umfassendere Diskussion über den Umgang mit dem Klimawandel einzubeziehen sind. Wasser ist nicht nur ein lebenswichtiges Gut – es ist zentraler Bestandteil von Ökosystemen und spielt in der gesamten natürlichen Umwelt eine Rolle.

Chiles Nationaler Plan zur Anpassung an den Klimawandel betont immerhin, wie wichtig es ist, Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Anpassung daran landesweit zu stärken. Er zielt auf eine effizientere Wassernutzung in Industrie und Landwirtschaft ab sowie darauf, Wassereinzugsgebiete, Flüsse, Seen und Grundwasserspeicher besser zu schützen. Angesichts zunehmenden Wassermangels in Chile ist das nur ein Anfang. Umfassende und entschiedene Maßnahmen sind nötig, sonst wird das Land in den kommenden Jahrzehnten austrocknen.

Katie Cashman ist Beraterin für nachhaltige Entwicklung und soziale Innovation. Sie hat unter anderem für UN-Habitat (UN-Siedlungsprogramm) gearbeitet.
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