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Wachstumskritik

Glücklich wie ein Kind mit Eis

von Petra Pinzler

Hintergrund

Indonesian children

Indonesian children

Die Entwicklungspolitik setzt traditionell auf Wirtschaftswachstum. Aber wie wäre es mit „Glück“ als Ziel? Von Petra Pinzler

Größer, schneller, mehr. Die Menschen jagen dem Wohlstand hinterher, es müssen immer größere Autos her, immer schnellere Computer, immer
schickere Kleidung. Die Wirtschaft muss wachsen, damit alle mehr Geld haben. Der Westen lebt das Maximum an Konsum vor und verschreibt dieses Rezept allen an­deren Ländern.

Gründe für Skepsis

Geht es wirklich nur darum, so viel zu haben wie möglich? Schaut man genauer hin, gibt es gleich zwei Gründe, dieser Lehre zu misstrauen. Der erste und hinreichend bekannte: Das Wachstum der westlichen Welt wird so dauerhaft nicht weitergehen können. Es ist trotz aller Erfolge im Umweltschutz weit von jeder Nachhaltigkeit entfernt. Der Westen verbraucht trotz aller technischen Innovation und Umweltschutz durch seine Art zu wirtschaften immer noch viel zu viel von der Welt. Und weil die nun mal endlich ist, wird das nicht unendlich so weitergehen können. Die Menschheit wächst quasi in den Ruin, ökologisch gesehen. Unser vermeintlicher Erfolg steht also auf tönernen Füßen und wenn alle so werden wie wir, ereilt uns der Umwelt-GAU noch schneller.

Dazu kommt aber zweitens, und das sickert erst langsam ins breitere Bewusstsein: Trotz Wachstum nimmt die Lebensqualität in den vergangenen Jahrzehnten in den Industrieländern kaum zu. Eine ganze Reihe von Untersuchungen und Umfragen kommt immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen: Materiell werden wir zwar reicher. Aber glücklicher macht uns das mitnichten. Der Westen wächst sich also ökologisch arm, ohne dass dadurch das Leben der Menschen erfüllter würde. Besonders nachahmenswert klingt die vermeintliche Erfolgsgeschichte nun nicht mehr.

Doch was ist die Alternative? Genau darüber ist in jüngerer Vergangenheit eine interessante Debatte unter Experten aus aller Welt entbrannt: Wie kann man die Gesellschaften so entwickeln, dass sie ihren Bürgern ein „gutes Leben“ ermöglichen und die Umwelt erhalten? Was sind die richtigen Kriterien für mehr Lebensqualität? Wie misst man sie?

Catherine Austin Fitts misst Lebensqualität an einem Kinderlächeln. Ein warmer Sommertag, ein Gesicht mit strahlenden Augen, die Zunge leckt am Eis. Man braucht nicht lange nach Klischees vom Glück zu suchen: Dieses Bild zeigt eines. Für die Präsidentin der Investmentfirma Solari aber ist es mehr, sie hat daraus den „Pop­sicle-Index“ entwickelt, benannt nach dem in den USA so beliebten Wassereis. Sie fragt die Einwohner von Stadtvierteln: Glauben Sie, dass ein Kind hier gefahrlos allein ein Eis kaufen kann? Je mehr Nachbarn das positiv sehen, desto höher ist der Index – und desto lebenswerter die Gegend.

Der Popsicle-Index ist eine Spielerei, und doch hat er einen ernsten Kern. Damit Kinder allein zur Eisdiele spazieren können, muss in einem Viertel vieles stimmen. Es muss einen Laden geben. Man muss zu Fuß hinlaufen können, ohne überfahren zu werden. Die Gegend sollte sicher sein. Und Familien müssen sich das Wohnen dort überhaupt leisten können.

Ein kleines Eis lässt also erstaunliche Rückschlüsse auf die Lebensqualität zu. So wie es gute und schlechte Viertel gibt, gibt es auch glücklichere Nationen und weniger glückliche. Denn Lebensqualität, Wohlgefühl oder das, was schon die alten Griechen als „gutes Leben“ verstanden, ist mitnichten nur vom Zufall oder von den Genen abhängig. Es gibt quer durch alle Gesellschaften messbare Grundbedingungen: Man braucht dafür einen gewissen Wohlstand, aber viel weniger, als viele meinen. Es hat mit Chancen, Bildung, Gesundheit und einer heilen Umwelt zu tun. Und es kommt auf die Verteilung an: Gleichere Gesellschaften sind ganz offensichtlich glücklicher als sehr ungleiche. Politik spielt also eine viel umfassendere Rolle für das Glück der Menschen als bislang angenommen.

Vor allem in den angelsächsischen Ländern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Forschungsrichtung entwickelt, die so genannte „happiness economics“, die ökonomische Glücks- oder Lebensqualitätsforschung. Die sucht nach den Grundbedingungen für Wohlbefinden. Mit immer ausgefeilteren Befragungen und Vergleichen zwischen den Ländern kommen die Forscher den Faktoren für Zufriedenheit inzwischen immer stärker auf die Spur. Seit Anfang der 80er Jahre untersucht beispielsweise der World Value Survey, wo es den Menschen wie geht. Und dessen Erkenntnisse sind ausgerechnet für den Westen – Vorbild für viele arme Länder – ernüchternd.

Die Menschen sind in den meisten Industrieländern mit ihrem Leben heute nicht zufriedener als ihre Eltern. Und das, obwohl die Wirtschaft seit Jahrzehnten kräftig gewachsen ist, es einem größeren Teil der Bevölkerung also rein materiell heute so gut geht wie noch nie zuvor. Trotzdem geht das Glücksgefühl in Großbritannien, Belgien, Österreich und in Deutschland sogar zurück.

Gestiegen ist die Lebenszufriedenheit hingegen in vielen Entwicklungsländern. Die Erklärung dafür ist relativ einfach. Viele der untersuchten Länder waren noch vor nicht allzu langer Zeit bitterarm. In den vergangenen Jahrzehnten ist jedoch deren Volkswirtschaft gewachsen. Steigt aber das Volkseinkommen von fast nichts auf ein bisschen, steigt auch die Lebenszufriedenheit der Bürger.

Ganz offensichtlich sickert nämlich selbst bei einer enorm ungleichen Verteilung des Wohlstands und schreiender Ungerechtigkeit in einem armen Land, dessen Wirtschaft boomt, ein wenig Reichtum nach unten durch. Dann können sich mehr Menschen genug zu essen kaufen, sich neu einkleiden und den Besuch beim Arzt bezahlen. Kein Wunder, dass deren Lebensgefühl besser wird. Ein bisschen mehr Wachstum erhöht also durchaus das Glück – bis man ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht hat.

Danach stimmt die Regel leider nicht mehr: Haben sie erst einmal das Nötigste, macht das Wirtschaftswunder die Menschen eben nicht automatisch zufriedener. Ab einem bestimmten Wohlstandsniveau beginnen andere Dinge wichtiger zu werden. Sicherheit, Freiheit, Umweltschutz und anderes mehr.

Konsequenzen für die Entwicklungspolitik

Bisher beugten sich auch Entwicklungspolitiker dem globalen Konsens, der da lautet: Je mehr die Weltwirtschaft wächst, desto besser. Sicher, inzwischen sagt fast jeder mehr oder weniger verschämt „nachhaltig“ dazu. Aber im Grunde gilt das Land als erfolgreich, in dem die Wirtschaft stark boomt.

Leider stimmt das so nicht. Denn wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst, bedeutet das nur: Es steigt der Umsatz der Unternehmen, es werden mehr Waren verarbeitet, verkauft und verbraucht. Das BIP sagt nichts über das Leben in einem Land aus. Es ist blind, wenn es um die Verteilung geht. Es verrät nicht, ob eine Wirtschaft solide und krisenresistent ist. Und es sagt nichts darüber aus, ob ein Land sich in die richtige Richtung entwickelt oder ob es einfach Raubbau an Mensch und Umwelt betreibt – es zählt Umweltzerstörung sogar als Gewinn.

Die meisten Experten wissen das natürlich. Nur, welche Alternativen zu einer Wachstumsstrategie können sie bisher empfehlen? Bisher brauchen die Regierungen Wachstumsraten so wie Ertrinkende den Rettungsring – weil es an Alternativen fehlt.

Die „Kommission über die Messung der wirtschaftlichen Leistung und des
gesellschaftlichen Fortschritts“ versuchte 2009 eine zu formulieren. An deren Spitze standen Experten im Andersdenken: die nobelpreisbewährten Ökonomen Joseph Stiglitz und Amartya Sen sowie deren französischer Kollege Jean-Paul Fitoussi. Sie empfehlen nichts weniger, als neue statistische Instrumente zur Messung des Wohlstands der Nationen einzuführen.

„Die Welt ist reif, von der Messung der Produktion zur Messung des Wohlergehens der Menschen zu wechseln“, schreiben die Forscher. Und sie sagen ganz explizit: „Diejenigen, die unsere Gesellschaften mithilfe des BIP lenken wollen, sind wie Piloten ohne einen verlässlichen Kompass.“

In Großbritannien berechnet die zivilgesellschaftliche New Economics Foundation mittlerweile den Happy Planet Index (http://www.happyplanetindex.org). Selbst der Club der reichen Industrieländer, die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development), experimentiert mit anderen Maßzahlen. Immer fließen dabei Umweltzerstörung und Fragen der Lebensqualität mit ein. All diese Indizes wachsen nur, wenn es den Menschen besser- und die Umwelt nicht kaputtgeht.

Auch der deutsche Bundestag ist aktiv. Auf Drängen von SPD und Grünen richtete er vor einem Jahr eine Enquête-Kommis­sion mit dem Titel: „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ein. Wenn diese gut läuft, soll sie sich am Ende auf einen neuen Indikator für Lebensqualität geeinigt haben. Und der soll dann indirekt mithelfen, dass Politiker nicht mehr Wachstum mit Entwicklung verwechseln, sondern Entwicklung das „gute Leben“ der Bevölkerung zum Ziel hat.

Ein Index allein wird sicher die Welt nicht verändern, möglicherweise nicht einmal die Politik oder die Entwicklungspolitik dieses Landes. Aber sicher ist: Die Suche nach neue Formen für Lebensqualität und umweltschonendere Wirtschaftsmodelle wird in dem Maße zunehmen, in dem die ökologischen Reserven zur Neige gehen. Zudem: Hat nicht das meiste Neue so begonnen? Mit einem Unbehagen an der Gegenwart.