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Vielfältige Gesellschaft

Viele Weiße in Südafrika akzeptieren das Mehrheitsprinzip

von Roger Southall

Hintergrund

Enthüllung einer Statue von Nelson Mandela im Rathaus von Kapstadt 2018: Helen Zille (links), Premierministerin der Provinz Westkap, und Patricia de Lille, Bürgermeisterin.

Enthüllung einer Statue von Nelson Mandela im Rathaus von Kapstadt 2018: Helen Zille (links), Premierministerin der Provinz Westkap, und Patricia de Lille, Bürgermeisterin.

Vor einer Generation endete die Apartheid, ein System weißer Vorherrschaft, in Südafrika. Die neue demokratische Ordnung hat bisher weder zu einer starken Wirtschaft noch zu sozialer Gerechtigkeit geführt. Die weiße Minderheit akzeptiert im Allgemeinen das Mehrheitsprinzip. Sie hat ihre politische Vorherrschaft verloren, ist aber in Bezug auf Wohlstand und Chancen immer noch privilegiert.

Nach fast 30 Jahren Demokratie steht es schlecht um die südafrikanische Wirtschaft. Seit der Finanzkrise 2008/09 ist sie kaum gewachsen, während die Bevölkerungszahl weiter steigt. Der Lebensstandard der meisten Bürgerinnen und Bürger stagniert oder sinkt. Rund ein Drittel der Erwerbsfähigen ist arbeitslos. Armut und Ungleichheit sind nach wie vor große Herausforderungen. Schwarze Südafrikanerinnen und Südafrikaner liegen bei allen wichtigen Indikatoren für Wohlstand, Einkommen, Chancen und so weiter auf den hinteren Plätzen.

Die weiße Minderheit hingegen genießt trotz der schwierigen Umstände weiterhin einen hohen Lebensstandard. Sie ist ein leichtes Ziel für diejenigen, die einen Sündenbock für die wirtschaftliche Misere suchen, wie es einige schwarze Linke tun.

Angesichts der Geschichte Südafrikas überrascht das nicht. Vor 1994 wurde Südafrika politisch und wirtschaftlich von der weißen Minderheit beherrscht. Die Unterdrückung war brutal (siehe Jakkie Cilliers auf www.dandc.eu). Schwarze Südafrikanerinnen und Südafrikaner sowie Antiapartheidkräfte lehnten alle Weißen im Land, bis auf eine kleine Minderheit, als rassistisch und reaktionär ab. Eine Einschätzung, der die meisten Historiker zustimmen würden.

Dramatischer Wandel

Der politische Wandel war nach dem Ende der Apartheid dramatisch. Schwarze dominierten jetzt die Exekutive, Legislative und Judikative. Die weiße Minderheit von 4,8 Millionen Menschen (acht Prozent der Bevölkerung) musste sich anpassen. Wie sie das getan hat, ist Thema meines kürzlich erschienen Buches „Whites and Democracy in South Africa“, das sich auf Fokusgruppenforschung und wissenschaftliche Literatur stützt. Es zeigt die beachtenswerte Vielfalt an politischen Einstellungen und Verhaltensweisen innerhalb der weißen Minderheit.

Einerseits sind die meisten recht pessimistisch, was die politische und wirtschaftliche Entwicklung Südafrikas angeht. Sie sind verärgert über politische Maßnahmen wie „Black Economic Empowerment“, mit denen die Chancen von Unternehmen im Besitz von Schwarzen verbessert werden sollen, oder „Employment Equity“, mit dem Stellen für Schwarze reserviert werden (affirmative action).

Andererseits gehen sie pragmatisch mit ihrer Situation um. Tendenziell erkennen sie an, dass es ihnen deutlich besser geht und sie mehr Chancen haben als die Masse der schwarzen Südafrikanerinnen und Südafrikaner. Einige haben vor, auszuwandern, vor allem aus Angst um ihre Sicherheit. Die meisten aber wollen das Beste aus der Situation machen und in Südafrika bleiben. Viele begeistern sich für das Land, das sie als ihre Heimat betrachten.

Vier verschiedene Wege der Anpassung

Allgemein lassen sich vier Wege der Anpassung der Weißen an die Demokratie unterscheiden. Praktisch einhellig erkennen sie an, dass es kein Zurück zur Apartheid gibt. Drei der vier Gruppen sind sich grundsätzlich darüber im Klaren, dass die Apartheid moralisch falsch war.

  • Die erste Gruppe, die ich „bewaffnete Gegner“ nenne, fände allerdings eine Rückkehr zur Apartheid wünschenswert. Während und nach dem Übergang zur Demokratie Anfang der 1990er-Jahre hatten Organisationen wie die Afrikaner Weerstandsbeweging von Eugène Terre’Blanche versucht, Chaos zu stiften und einen antischwarzen Aufstand unter Weißen anzuzetteln. Zum Glück wurden rechtsextreme Milizen stark zurückgedrängt. Es gibt noch Fragmente von ihnen, aber sie werden von Geheimdiensten genau beobachtet und stellen keine ernsthafte Bedrohung für die Demokratie dar. Die Rechtsextremen haben sich ins Internet verlagert, wo sie Behauptungen über einen drohenden Völkermord an weißen Bauern und anderen verbreiten. Die große Mehrheit der Südafrikanerinnen und Südafrikaner, einschließlich der weißen Minderheit, hält solche Behauptungen für absurd. Obwohl die Internetkampagnen international von rechtsextremen Kräften unterstützt werden, darunter auch von einigen US-Republikanerinnen und -Republikanern, haben sie in der „Regenbogennation“, wie Erzbischof Desmond Tutu das Post-Apartheid-Land nannte, keinen Erfolg.
  • Die zweite Gruppe sind die „passiven Widerständler“. Sie verstehen, dass sie keine andere Wahl haben, als die Demokratie zu akzeptieren. Dennoch fühlen sie sich angesichts der unerfüllten demokratischen Vision von Gleichheit unwohl. Einige dieser Menschen erwägen, das Land zu verlassen. Die häufigere Reaktion ist die „interne Migration“ in Enklaven. In Kleinstädten und Vorstädten entstehen und wachsen Gated Communities für Weiße. Außerdem ziehen sich Afrikaaner tendenziell in kulturelle Räume zurück, die durch ihre Sprache, ihren calvinistischen Protestantismus und ihre florierende Literatur- und Filmindustrie definiert sind. Als Afrikaaner werden weißen Südafrikanerinnen und Südafrikaner niederländischer Abstammung bezeichnet. In den mehrheitlich von Afrikaanern bewohnten Gebieten bleibt die Segregation bestehen.
  • Die dritte Gruppe sind die „Integrationsbefürworter“ – weiße Menschen, die die Demokratie befürworten. Dazu zählen Menschen mit britischem, niederländischem und anderem ethnisch europäischem Hintergrund. Eine wichtige Gruppe sind Familien, die gegen die Apartheid waren. Einige unterstützten die Befreiungsbewegung direkt, andere indirekt als Gewerkschaftsaktivisten oder Menschenrechtsaktivisten. Heute zählen dazu akademisch Ausgebildete aus Medizin, Jura, Theologie, Journalismus und anderen Bereichen. Viele von ihnen kritisieren den ANC für seine unerfüllten Versprechen, das Leben für alle zu verbessern. Zu dieser Gruppe gehören auch junge Weiße, für die Vielfalt in Schule und Universität die Norm war. Viele sind verzweifelt, weil sie ihre Ablehnung der Apartheid nicht mit der Verbundenheit zu ihren Eltern und Großeltern vereinbaren können, die von der Apartheid profitiert haben. Ihre Erfahrungen ähneln denen junger Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie trugen maßgeblich dazu bei, die demokratischen Grundsätze in der jungen Bundesrepublik zu verankern.
  • Die vierte Gruppe der „aktiven Befürworter“ verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Sie sind entschlossen, ihre spezifischen Interessen mit demokratischen Mitteln zu schützen und zu verfolgen. Sie akzeptieren die Mehrheitsherrschaft, sind aber bestrebt, Korruption und das, was sie als weißenfeindliche Hetze wahrnehmen, zu bekämpfen. Viele von ihnen sind Afrikaaner. Sie konzentrieren sich darauf, ihre Gemeinschaft wieder in das öffentliche Leben einzubinden und stützen sich auf Organisationen wie Solidarity, die aus der weißen Bergarbeitergewerkschaft entstanden ist. Eine andere Organisation ist Afriforum, die vor allem bestrebt ist, weiße Interessen juristisch zu verteidigen. Sie ist mit Rechtspopulisten wie der AfD in Deutschland und den von Trump beeinflussten Republikanern in den USA verbündet und bestreitet, dass die Apartheid ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war.
     

Politische Parteien

Keine dieser Verhaltensweisen ist isoliert zu betrachten. Sie überschneiden sich und beeinflussen sich gegenseitig. Dennoch führen sie zu unterschiedlichen Wahlmustern. Südafrikanerinnen und Südafrikaner jeder Hautfarbe wählen nach ihren sozialen und wirtschaftlichen Interessen. Weiße wählen eher Parteien, die etablierte Interessen vertreten. Diese Parteien sind aus ehemaligen Apartheid-Parteien hervorgegangen, die politisch für weiße Dominanz standen.

Weiße Wähler wählen heute meist die Democratic Alliance (DA), die auf die liberale Progressive Party von Helen Suzman und Helen Zille zurückgeht – beide prominente Gegnerinnen der Apartheid. Jedoch absorbierte die DA auch Überreste der ehemals regierenden National Party. Auf der anderen Seite profitiert die Freedom Front Plus, eine Wiederbelebung der rechtsextremen Conservative Party, von der Unzufriedenheit mit der Wirtschaft und der Dysfunktion des ANC, der ehemaligen Befreiungsbewegung, die 1994 stärkste Kraft wurde.

Dass Weiße konservativer wählen als Schwarze, überrascht nicht. Zwei Aspekte ihres Wahlverhaltens sind wichtig:

  • Weiße wählen verhältnismäßig öfter als Schwarze, weil sie sehen, wie sie die verfassungsmäßigen Mittel zur Verteidigung ihrer materiellen Interessen einsetzen können.
  • Trotzdem nimmt bei ihnen, wie auch bei schwarzen Südafrikanerinnen und Südafrikanern, die Wahlbegeisterung aufgrund des schwindenden Vertrauens in die Politiker des Landes ab.

Letztlich steckt Südafrika in ernsten Schwierigkeiten, wenn auch nicht aufgrund einer „Rassen“-getriebenen Identitätspolitik. Was das Land dringend braucht, ist eine dynamischere und integrativere Wirtschaft (siehe Jakkie Cilliers auf www.dandc.eu). Am Ende resultiert die Unzufriedenheit, die auf allen Seiten zu spüren ist, aus der weitverbreiteten Armut und einem allgemeinen Mangel an Chancen.


Buch
Southall, R., 2022: Whites and Democracy in South Africa. Woodbridge, Suffolk, James Currey.


Roger Southall ist emeritierter Professor für Soziologie an der University of the Witwatersrand.
roger.southall@wits.ac.za