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Geteilter Wohlstand

„Die Mittelschicht fehlt“

von Rabson Kondowe

Hintergrund

Nur wenige Malawier zählen zur Mittelschicht: Lehrer in Chiradzulu.

Nur wenige Malawier zählen zur Mittelschicht: Lehrer in Chiradzulu.

In Malawi gibt es große Einkommensungleichheit und soziale Ausgrenzung. Viele Menschen haben Mühe, über die Runden zu kommen, und es besteht wenig Hoffnung, dass sich in absehbarer Zeit eine echte Mittelschicht herausbilden wird.

James ist verheiratet und hat zwei Kinder, die beide auf eine Privatschule gehen. Die Familie besitzt ein Auto. James ist ein Malawier, der zur Mittelschicht gehört. Er ist gut ausgebildet und arbeitet als Dozent an einem College in der Stadt Blantyre. Dennoch empfindet er seinen Alltag als hart. „Es ist das Überleben des Stärkeren“, sagt er. „Das Leben ist so teuer, dass man kreativ sein muss, um irgendwo ein paar zusätzliche Euro aufzutreiben, um über die Runden zu kommen.“

Das Gehalt, das James an der Hochschule verdient, reicht nicht aus, um seine Familie zu versorgen und die Ausbildung seiner Kinder zu bezahlen: „Ich muss noch andere Jobs machen, um die Ausgaben wie Schulgeld, Miete, Autounterhalt und andere Kosten zu decken.“ Deshalb arbeitet er auch als Medienberater.

Es gibt zwar keine genauen Statistiken über die Mittelschicht des Landes, aber der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzte 2017, dass mehr als die Hälfe der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt und ein Viertel sogar extrem arm ist. Die wenigen Malawier, die der Kategorie der Mittelschicht entsprechen, sind in der Regel in den drei größten Städten des Landes zu finden: Blantyre, Lilongwe und Mzuzu. Sie arbeiten meist in der Regierung, im Finanzwesen, in der Wirtschaft und im Marketing.

Betcheni Tchereni, Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Malawi, sieht jedoch kaum eine Mittelschicht in Malawi. Viele Menschen haben Mühe, über die Runden zu kommen, sagt er. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, und eine echte Mittelschicht fehlt. Er räumt ein, dass einige Menschen relativ wohlhabend sind, fügt aber hinzu: „Wenn wir sie mit der Mittelschicht in anderen Teilen der Welt vergleichen, sind wir weit davon entfernt, eine Mittelschicht zu sein.“ Er sagt, dass diese Malawier nicht selten „hoch verschuldet“ sind, Schwierigkeiten haben, ihre Kinder auf gute Schulen zu schicken und sich oft keine angemessene Wohnung leisten können.

600 Dollar pro Kopf und Jahr

Nach der Definition der Weltbank haben Volkswirtschaften mit niedrigem mittleren Einkommen ein Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von über 1000 Dollar. Die aktuellste Zahl der Weltbank für Malawi liegt bei etwa 600 Dollar, sodass das Land zu den Ländern mit niedrigem Einkommen gehört.

Malawi wächst nur langsam, was auch an der ungleichen Verteilung von Vermögen und Einkommen liegt. Die Herausforderung, die sozialen Ungleichheiten zu verringern, ist enorm. Korrupte öffentliche Einrichtungen haben die Situation noch verschlimmert.

In einem Oxfam-Bericht aus dem Jahr 2015 heißt es, dass die Kluft zwischen den reichsten 10 Prozent der Malawier und den ärmsten 40 Prozent in den Jahren 2004 bis 2011 um fast ein Drittel zugenommen hat. Als Gründe nannte Oxfam unter anderem eine enorme Staatsverschuldung, geringe Steuereinnahmen und das Misstrauen gegenüber internationalen Entwicklungspartnern, die ihre Hilfe außerhalb des Regierungssystems leisten. Aus diesen Gründen fiel es der Regierung schwer, Ressourcen zu mobilisieren.

Zwischenzeitlich sind die Gerichte damit beschäftigt, die Regierungsführung zu verbessern. Der Oberste Gerichtshof hat eine manipulierte Präsidentschaftswahl für ungültig erklärt. Der neue Präsident Lazarus Chakwera gilt als integer, konnte aber in der Wirtschaft bisher nichts bewegen (siehe Rolf Drescher auf unserer E+Z/D+C-Plattform).

Er trat im Sommer 2020 sein Amt an, und eine der großen Herausforderungen, vor denen er steht, ist, dass die Covid-19-Krise die Lage in Malawi verschlimmert hat. Das gilt auch für viele andere Entwicklungsländer (siehe hierzu Ron Sseggujja Ssekandi auf der E+Z/D+C-Plattform). Die Armut wächst – vor allem in städtischen Gebieten.

Informelle Wirtschaft

Die großen Probleme bestanden jedoch schon vor Covid-19. In Wahrheit arbeiten die meisten Malawier im informellen Sektor, zu dem auch kleinbäuerliche Betriebe gehören. Laut einer malawischen Arbeitskräfteerhebung aus dem Jahr 2013 waren 89 Prozent der Bevölkerung in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig. Wie viele afrikanische Länder braucht Malawi ein Entwicklungsmodell, „das Beschäftigung im formellen Sektor schafft und allen ein gewisses Maß an Einkommenssicherheit bietet“, schrieb Ndongo Samba Sylla auf der E+Z/D+C-Plattform.

Die Unternehmen des informellen Sektors zeichnen sich durch geringe Produktivität, niedrige Einkommen und fehlende soziale Absicherung aus. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Unternehmen in der Landwirtschaft, im verarbeitenden Gewerbe oder im Einzelhandel tätig sind. Auch wenn sie nicht besteuert wird, geht informelle Tätigkeit fast immer mit Armut einher.

Davon betroffen ist Joshua Mkandawire. Er ist 32 Jahre alt und betreibt einen kleinen Friseursalon in einem einkommensschwachen Viertel von Mzuzu. Er hat eine Frau und drei Kinder. „Es ist nicht leicht“, sagt er, „ich verdiene nicht genug, aber ich bin dankbar, denn das ist besser als nichts.“

Seine Frau Catherine verbringt die meiste Zeit mit dem Verkauf von Gemüse auf der Straße, um etwas Geld dazuzuverdienen. Die Wohnkosten und die Miete für den Friseurladen, sagt sie, zehren das Einkommen ihres Mannes auf.

Der Wissenschaftler Tchereni ist der Ansicht, dass die Regierung ein fruchtbareres Umfeld für die formale verarbeitende Industrie schaffen und gleichzeitig dafür sorgen muss, dass die Arbeitsgesetze eingehalten werden. „Die meisten Menschen bekommen weniger als den Mindestlohn, aber wir brauchen eine auskömmliche Bezahlung“, sagt er (siehe auch Ruud Bronkhorst auf der E+Z/D+C-Plattform).

„Um die Einkommensungleichheit zu verringern, brauchen wir Unternehmer im Land. Im Moment haben wir viele Händler und keine Unternehmer.“ Laut Tchereni würde eine progressive Besteuerung dazu beitragen, Einkommen von den Reichen auf die Armen zu verteilen.


Rabson Kondowe ist freier Journalist aus Blantyre im südlichen Malawi.
[email protected]

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