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Agrarökologie

Nahrung für die Welt

von Barbara Mayrhofer

In Kürze

In Äthiopien haben die Bauern über die Jahrhunderte herausgefunden, wie sie den kargen Boden am besten bewirtschaften können.

In Äthiopien haben die Bauern über die Jahrhunderte herausgefunden, wie sie den kargen Boden am besten bewirtschaften können.

Experten fordern einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft hin zu nachhaltigem Anbau. Nur so könnte die Menschheit in Zukunft mit Nahrung versorgt werden.

Die Frage, wie die Welt ernährt werden kann, wird immer drängender. Die brasilianische Professorin der Agrarökologie, Irene Cardoso, vertritt den Standpunkt, dass „ökologischer und nachhaltiger Landanbau uns versorgen kann". Mit „uns" meint Cardoso „Menschen, Tiere und Mikro- sowie Makroorganismen, die für eine gesunde Erde notwendig sind".

Cardoso arbeitet in ihrem Heimatland mit Kleinbauern zusammen, die diese Art der Versorgung leisten. In Brasilien produzieren Familienfarmen 70 Prozent der Nahrung des Landes – ihnen stehen dafür jedoch nur 24,3 Prozent des Bodens zur Verfügung.

Sie haben einen schweren Stand. Denn der Rest des Ackerlandes gehört, wie Cardoso berichtet, industriellen Großfarmern. Deren Monokulturen liefern Sojabohnen als Tierfutter oder Zuckerrohr für den Export. Wegen des hohen Einsatzes von Maschinen, Pestiziden und Düngemitteln sind laut Cardoso bereits 22 Prozent der Böden in Brasilien degradiert. Das bedeutet, dass sich die Bodenqualität so verschlechtert, dass die agrarische Nutzung schwerer und sogar ganz unmöglich werden kann.

Nachhaltige Landwirtschaft ist für Agrarökologin Cardoso vor allem eine Frage der Politik. Der Verbund brasilianischer Kleinbäuerinnen hat mit Demonstrationen 2011 eine offizielle „policy" für Agrarökologie gefordert und erreicht. Im Oktober dieses Jahres trat ein Plan zur Umsetzung einer solchen Politik in Kraft. Dadurch sichert die Regierung den Kleinbauern mehr Schutz und Rechte. So beziehen die staatlichen Institutionen beispielsweise ihre Nahrungsmittel bei Kleinbauern.

Die Ernährungsfrage kann auch nach Ansicht anderer Wissenschaftler nur beantwortet werden, wenn sich in der Agrarwissenschaft grundlegend etwas ändert. Ulrich Hoffmann von UNCTAD (UN Conference for Trade and Development) plädiert für einen Paradigmenwechsel hin zur „ökologischen Intensivierung", damit mehr Ertrag mit weniger Umweltschäden erzielt wird. Er will:

  • Schadstoffemissionen, die durch Landwirtschaft entstehen, minimieren,
  • organische Dünger optimieren,
  • Abfälle, die in der Nahrungskette entstehen, reduzieren und
  • unseren Nahrungsverbrauch klima­freundlicher gestalten.

Armut, Wasserknappheit und Klimawandel können nur im Zusammenhang mit der Ressource Boden gesehen werden. Das machten viele Experten auf der zweiten Global Soil Week in Berlin Ende Okt­ober deutlich. Diese Konferenz veranstal­tete ein Institut der Universität Potsdam mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und anderer Institutionen.

Erfolgreiche Beispiele für nachhaltige Landwirtschaft gibt es in Äthiopien. Dort stellt die fortschreitende Degradation und der von Natur aus relativ unfruchtbare Boden die Kleinbauern vor viele Herausforderungen, wie Hailu Araya vom Institut für nachhaltige Entwicklung in Äthiopien berichtet. Über die Jahrhunderte hätten die Bauern Anbaumethoden entwickelt, die im trockenen Hochland zuverlässige Erträge bringen. Dieses Wissen würden Wissenschaftler gerne erforschen und weitergeben.

Die Landwirte stehen ihnen und ihren Ratschlägen aber eher skeptisch gegenüber. Araya bedauert, dass diese Haltung Wissenstransfer und Austausch zwischen Theorie und Praxis behindert. Aus seiner Sicht könnten Erkenntnisse aus Äthiopien für Landwirte weltweit nützlich sein, wenn sie der „ökologischen Intensivierung" dienen.

Wer kann also die Welt ernähren? Die Wissenschaft ist sich nicht einig. Während einige Experten sich strikt für ökologische Landwirtschaft aussprechen, befürworten andere eine Verdopplung der Nahrungsmittelproduktion mit industriellen Methoden. Diese Linie vertritt auch die FAO (UN Food and Agriculture Organisation). Einig sind sich alle darin, dass der Handlungsbedarf enorm ist.

Barbara Mayrhofer