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Urbanisierung

Armut macht depressiv, Depressionen machen arm

von Katja Dombrowski

In Kürze

Slumbewohner sind eher von psychischen Störungen betroffen als andere Menschen. Favela in Rio de Janeiro.

Slumbewohner sind eher von psychischen Störungen betroffen als andere Menschen. Favela in Rio de Janeiro.

Wer in der Stadt lebt, wird eher psychisch krank als Menschen in ländlichen Gebieten. Das ergab die Auswertung einer Reihe von Studien zu diesem Thema. Der Trend zur Urbanisierung lässt daher weltweit das Risiko für psychische Belastungen steigen: Verstädterung ist eine der wesentlichen gesundheitsrelevanten Veränderungen unserer Zeit.

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, Tendenz steigend. Dort sind die Menschen mehr Stressfaktoren ausgesetzt als auf dem Land, was sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt. Stress entsteht zum Beispiel durch Armut, Leben auf engem Raum, Verkehrslärm oder Umweltverschmutzung. Andererseits ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung, aber auch zum Arbeitsmarkt und zu Bildungseinrichtungen in urbanen Zentren besser, was positive Auswirkungen hat.

Eine im Ärzteblatt erschienene Übersichtsarbeit zum Thema „Risiko für psychische Erkrankungen in Städten“ weist darauf hin, dass einige der bedeutsamsten psychischen Erkrankungen wie Angst, psychotische, affektive oder Suchterkrankungen in Städten generell häufiger auftreten. So kamen Angststörungen – einschließlich posttraumatischer Belastungsstörungen –, Wut und Paranoia in verschiedenen Ländern Asiens und Lateinamerikas in urbanen Gegenden häufiger vor als in ländlichen. Das Gleiche gilt für psychotische Störungen wie zum Beispiel Schizophrenie in China, Deutschland und Dänemark.

Die Autoren weisen aber auch darauf hin, dass Korrelationen keine Kausalerklärungen sind. So kann das Leben in Armut psychisch krank machen, aber umgekehrt können auch psychische Probleme zur Verarmung beitragen. Bezogen auf den Zusammenhang von psychischen Erkrankungen und dem Leben in der Stadt, heißt es in der Studie: „Erstens wirkt sich das Aufwachsen in Städten auf das Krankheitsrisiko aus, und zweitens ziehen mehr Menschen mit gesundheitlichen Problemen in städtische Gebiete.“

Zu den sozialen Risikofaktoren für psychische Erkrankungen in Städten gehören demnach:

  • das gehäufte Auftreten eines niedrigen sozioökonomischen Status, zum Beispiel bezüglich Bildungsniveau und Einkommen,
  • ein niedriges Sozialkapital, beispielsweise im Hinblick auf soziale Unterstützung und soziale Wirksamkeit, und
  • soziale Segregation, etwa bezogen auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Minderheit oder ethnischen Gruppe.

Der Armutsfaktor führt dazu, dass Krankheiten wie Depressionen und Schizophrenie eher in benachteiligten Stadtteilen auftreten als in reichen. Das zeigten unter anderem Studien in Indien. Dass soziale Ausgrenzung und Diskriminierung eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer Schizophrenie spielen können, lässt sich daran ablesen, dass diese Krankheit häufig bei Migranten vorkommt. Besonders hoch sind die Raten bei Einwanderern, die sichtbar einer Minderheit angehören, zum Beispiel bei Westafrikanern in London und Marokkanern in Den Haag. Der Auswertung zufolge gibt es auch Belege dafür, dass Menschen, die einer Minderheit angehören oder einen Migrationshintergrund haben, ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Psychosen haben.

Nicht nur soziale, sondern auch physische Umweltfaktoren in Städten erhöhen im Vergleich zum Landleben den Stress, etwa durch:

  • höhere Verschmutzungsraten von Luft und Wasser et cetera
  • Lärmbelästigung, unter anderem durch Verkehr
  • städtebauliche Effekte wie hohe Gebäude, die als bedrückend empfunden werden, und
  • körperliche Bedrohungen etwa durch Unfälle oder Gewalt.

Untersuchungen ergaben beispielsweise, dass das Leben in der Nähe großer Straßen oder Flughäfen aufgrund der Belastung durch Lärm und Luftverschmutzung mit Aggressionen verbunden ist. Umgekehrt ging einigen Studien zufolge ein besserer Zugang zu Grünflächen und fußgängerfreundlichen Wegen mit weniger Depressionen einher.

Die Autoren sehen noch großen Forschungsbedarf, um die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Mechanismen zu identifizieren, die urbane Umwelten mit der psychischen Gesundheit der Stadtbevölkerung verbinden. Letztlich könnte die Stadt-, Verkehrs- und Raumplanung dazu beitragen, die Risiken für psychische Krankheiten zu verringern.


Link
Gruebner, O., Rapp, M.A., Adli, M., Kluge, U., Galea, S., Heinz, A, 2017: Cities and mental health. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 121–7.
https://www.aerzteblatt.de/archiv/186401/Risiko-fuer-psychische-Erkrankungen-in-Staedten

Katja Dombrowski ist Redakteurin von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit / D+C Development and Cooperation.
[email protected]

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