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Flüchtlinge

Libanon braucht Hilfe mit Flüchtlingen

von Mona Naggar

Hintergrund

Syrische Flüchtlinge arbeiten im Bekaa-Tal häufig als Erntehelfer: Frauen bei der Zwiebelernte.

Syrische Flüchtlinge arbeiten im Bekaa-Tal häufig als Erntehelfer: Frauen bei der Zwiebelernte.

Die Zahl der Flüchtlinge, die der Libanon seit 2011 aufgenommen hat, entspricht etwa einem Viertel seiner eigenen Bevölkerung. Dieser Zustrom bringt willkommene Arbeitskraft, stellt aber auch eine große Herausforderung für die Infrastruktur dar. Internationale Organisationen unterstützen Gastgemeinden und Schutz­suchende gleichermaßen.

Deir El-Ahmar liegt am Libanon-Gebirge, das das Land von Norden nach Südwesten durchzieht. Vom Hang hat man einen atemberaubenden Blick auf die Bekaa-Ebene und das Anti-Libanon-Gebirge, das auch die Grenze zu Syrien bildet. Außerhalb des Dorfes stehen Lager syrischer Flüchtlinge: Hütten aus leichten Holzgerüsten, die mit Plastikplanen überzogen sind. In den vergangenen Jahren haben sich diese Hüttenansammlungen in der Bekaa immer mehr ausgebreitet.

Der östliche Libanon ist die erste Anlaufstelle für viele syrische Flüchtlinge. Mehr als 400 000 Menschen, die dem Krieg in ihrer Heimat entkommen sind, leben nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in der Bekaa; das ist ungefähr ein Drittel aller beim UNHCR registrierten syrischen Flüchtlinge im Libanon. Deir El-Ahmar hat 27 000 Einwohner und 4000 Flüchtlinge. Schon bei der Einfahrt ins Dorf fallen zahlreiche Schilder internationaler Organisation auf: EU, UNHCR, UNDP, Caritas oder USAID.

Subhi Khoury ist – wie die meisten Bewohner von Deir El-Ahmar – Bauer. Er baut Zwiebeln, Kartoffeln, Linsen und Äpfel an. Ohne syrische Arbeitskräfte wäre die Landwirtschaft hier undenkbar. „Es gibt Syrer, die seit 20 Jahren für mich arbeiten. Normalerweise kehren sie nach jeder Saison in ihre Heimat zurück. Jetzt leben sie hier und haben ihre Familien nachgeholt“, erzählt Khoury. Die vielen zusätzlichen Menschen bedeuten aber nicht nur mehr Arbeitskraft, sondern auch eine große Belastung für die ohnehin schwache Infrastruktur des Dorfes. „Wir haben Probleme mit der Müllabfuhr und mit dem Strom“, berichtet Khoury, „und auf unsere Verwaltung kommen höhere Kosten zu.“

Der 70-Jährige leitet auch den Verband der Kooperativen in Deir El-Ahmar und Umgebung. Mit den Organisationen, die am Ortseingang ihre Schilder stehen haben, arbeitete dieser bereits vor der Ankunft der syrischen Flüchtlinge zusammen. Gemeinsame Projekte betrafen etwa den Ausbau von Bewässerungsanlagen oder den Bau von Kühlräumen. Mit der steigenden Zahl an Flüchtlingen kamen Projekte hinzu, die direkt den Bauern von Deir El-Ahmar zugutekamen: „UNDP hat eine Verpackungsanlage für Äpfel finanziert, und das UNHCR hat Tausende von Weinreben verteilt.“

Außerhalb von Deir El-Ahmar lebt Issa Badr mit seiner Familie in einer Hütte. Er stammt aus der Nähe der nordsyrischen Stadt Aleppo. In Syrien war Badr Fabrikarbeiter, hier verdient er seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft und auf dem Bau. Der Tageslohn der syrischen Arbeiter in der Bekaa ist bescheiden. Badr verdient auf dem Feld 15 000 libanesische Pfund (ca. 7,50 Euro). Frauen bekommen ein Drittel weniger. Auf dem Bau ist die Bezahlung etwas besser: Sie liegt bei 30 000 libanesischen Pfund am Tag.

Badr sagt, dass es ihm gut gehe, solange es Arbeit gebe. Die Lebensmittelhilfen des UNHCR reichen kaum zum Überleben. Nur durch Arbeit kommen die syrischen Familien über die Runden. Das Verhältnis zu den Bewohnern von Deir El-Ahmar beschreibt der junge Mann als gut. Khoury bestätigt, was Badr sagt, fügt aber hinzu: „Wir lassen es nicht zu, dass Syrer uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Es ist nicht leicht für Syrer, bei uns Restaurants oder Geschäfte aufzumachen.“

Ein Ende 2014 veröffentlichter Bericht von UNHCR, UNDP und dem libanesischen Sozialministerium stellt große Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen fest. Grund dafür sei die Konkurrenz um Ressourcen und Dienstleistungen. Gewalt sei zwar selten, könne aber jederzeit ausbrechen. Die Lösung liegt laut dem Bericht in der Stärkung der libanesischen Gastgemeinden.

Das UNHCR hilft ihnen zum Beispiel durch die Instandsetzung von Schulen, Krankenhäusern und Sportplätzen oder, wie in Deir El-Ahmar, mit Maßnahmen zur Unterstützung der Bauern. Dafür gibt das Hilfswerk dieses Jahr 30 Prozent seines Budgets für die Syrienkrise im Libanon aus.

Dana Sleiman, die für das UNHCR in Beirut arbeitet, erklärt, warum das wichtig ist. Der Libanon mit 4 Millionen Einwohnern habe in den vergangenen Jahren mehr als eine Million Menschen zusätzlich aufnehmen müssen: „Das ist so, als würden die USA 75 Millionen Menschen aufnehmen.“ Die meisten Flüchtlinge hätten sich im Norden und Osten des Landes niedergelassen, wirtschaftlich schwachen Regionen, die ohnehin Unterstützung brauchten.

Das neuste Projekt der Dorfkooperative von Deir El-Ahmar hat UNDP finanziert: ein Wasserbecken, das von den Bergen herunterkommendes Schmelz- und Regenwasser auffängt. „Das Wasser wird ausreichen, um alle Reben und Obstbäume in unserer Kooperative zweimal im Jahr zu bewässern. Wir sind froh darüber. Der libanesische Staat macht nichts. Von diesen Maßnahmen profitieren wir und die Syrer, die mit uns hier leben“, sagt Khoury.

Nicht überall sind die Erfahrungen jedoch derart positiv. Baalbek, eine ruhige Provinzstadt etwa zwanzig Kilometer östlich von Deir El-Ahmar, hat zusätzlich zu seinen 100 000 Einwohnern rund 20 000 Flüchtlinge aufgenommen. Die Grenze ist nah, es bestehen verwandtschaftliche Beziehungen, und beim Krieg der Hisbollah gegen Israel im Jahr 2006 haben viele Libanesen in Syrien Zuflucht gefunden. Trotzdem überwiegt Missmut, wenn man Libanesen aus Baalbek nach ihrer Meinung zu den Syrern in ihrer Stadt fragt.

Die Studentin Shahnaz Osman drückt aus, was viele Einheimische denken: „Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Es gibt noch weniger Strom und Wasser als sonst. Außerdem sind die Mieten teurer geworden.“ Manch einer beschwere sich dar­über, dass Syrer libanesische Frauen heirateten. Osman erzählt von Streit zwischen syrischen und libanesischen Nachbarn in ihrem Stadtteil, der wegen Kleinigkeiten wie nächtlichem Lärm entbrenne. Auch für den Syrer Yahya Khalaf, der aus der Nähe von Aleppo stammt und jetzt in Baalbek wohnt, läuft nicht alles reibungslos. Der Sportlehrer, der nun als Maler arbeitet, erlebt immer wieder, dass libanesische Auftraggeber seine Preise drücken wollen. Kontakt mit libanesischen Nachbarn habe er keinen.

Weder die Libanesin Osman noch der Syrer Khalaf wollen sich mit den Spannungen abfinden. Beide nehmen daher am Programm „Kommunikationsunterstützung“ der libanesischen Organisation LOST (The Lebanese Organisation for Studies and Training) teil (siehe Kasten). Eine Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat ist nicht in Sicht, ein friedliches Zusammenleben daher die einzige Option.


Mona Naggar ist Journalistin und Medientrainerin. Sie lebt in Beirut.
[email protected]

Link:
UNHCR: Daten über syrische Flüchtlinge (englisch).
http://data.unhcr.org/syrianrefugees/regional.php

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