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Sicherheit und Gesundheit

„Ich brenne für den humanitären Teil meiner Arbeit“

von Philip Aruna, Katja Dombrowski

Hintergrund

MSF-Ärzte operieren ein sechsjähriges Kind, dessen Gesicht von der Krankheit Noma entstellt wurde, im Krankenhaus im Bundesstaat Sokoto in Nordwest-Nigeria.

MSF-Ärzte operieren ein sechsjähriges Kind, dessen Gesicht von der Krankheit Noma entstellt wurde, im Krankenhaus im Bundesstaat Sokoto in Nordwest-Nigeria.

Philip Aruna arbeitet seit 1996 für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières – MSF). Er war in seinem Heimatland Sierra Leone und in vielen anderen Ländern im Einsatz. Nothilfe beinhaltet viele Risiken für die Helfer, wie Aruna aus eigener Erfahrung weiß.

Sie waren für MSF in vielen Krisengebieten im Einsatz. Ist die Arbeit gefährlich?
Oh ja! Ich habe 1996 bei MSF angefangen, als in Sierra Leone Bürgerkrieg herrschte. Wir sind oft ins Kreuzfeuer geraten. Ich selbst wurde mehrmals direkt angegriffen und musste mich verstecken, um nicht getötet zu werden. Meine Stelle als Landeskoordinator in Afghanistan im Jahr 2015 war auch eine große Herausforderung. Und im Somali-Gebiet in Äthiopien gab es immer wieder Entführungsversuche an der Grenze zu Somalia. Manchmal wurden wir stundenlang an Checkpoints festgehalten, ohne zu wissen, weshalb und was man mit uns vorhatte. Die Situation 2013 im Südsudan nach der politischen Krise zwischen Präsident Salva Kiir und seinem Stellvertreter Riek Machar war ebenfalls sehr brenzlig. Die Gefahren sind also Teil des Jobs.

Wie gehen Sie mit diesen Erfahrungen um?
In der Situation selbst nimmt man die Gefahr gar nicht direkt wahr. Das passiert erst hinterher. Manchmal muss man den Ort verlassen, um damit klarzukommen. MSF arbeitet mit verschiedenen Mechanismen. Zunächst gibt es das Training vor dem Einsatz. Dort lernen wir, wie wir uns in möglichen Gefahrensituationen wie Beschuss, Entführung et cetera. zu verhalten haben. Das ist enorm wichtig, denn das Falsche zu tun kann lebensgefährlich sein. Nach jedem gefährlichen Vorfall ziehen wir die betroffenen Mitarbeiter ab. Sie werden psychologisch betreut und haben immer mehrere Möglichkeiten. Manche Mitarbeiter werden evakuiert, andere erhalten eine Behandlung – zum Beispiel in der Zentrale –, wieder andere brauchen einfach etwas Zeit und Ruhe. Wer sich im Projekt nicht mehr wohlfühlt, kann auf jeden Fall nach Hause zurückkehren.

Hilfsorganisationen ergreifen grundsätzlich keine Partei, sondern verfolgen das Ziel, notleidenden Menschen zu helfen. Gelingt es Ihnen, immer als neutral angesehen zu werden?
Die Nothilfe-Landschaft wird immer unübersichtlicher. Heutzutage geben sogar Täter vor, humanitäre Helfer zu sein. Zugang zu Krisenregionen erhält man über verschiedene Wege, etwa über die Regierung oder örtliche Verwaltung, durch bewaffnete Gruppen oder normale Anwohner. Manchmal sind die Behörden vor Ort selbst in einen Konflikt verwickelt und wollen dich als Verbündeten präsentieren. Deshalb versuchen wir immer, unser Mandat klar zu kommunizieren. Manchmal ist das sehr schwierig, vor allem in Zeiten von sozialen Medien. Die Menschen tendieren dazu, uns als parteiisch zu sehen. Das war früher nicht so.

Was tun Sie denn dafür, als neutral wahrgenommen werden?
Das ist ein kontinuierlicher Kommunika­tionsprozess mit allen am Konflikt Beteiligten, mit allen, die in unsere Arbeit involviert sind, und mit allen Interessenvertretern. Wir sagen ihnen, warum wir hier sind, was wir tun und weshalb. Medizinische Interven­tion richtet sich nach medizinischen Bedürfnissen. Sie ist nicht politisch gesteuert, und wir wollen mit keiner Gruppe in Verbindung gebracht werden, die am Konflikt beteiligt ist. Jeder soll wissen, dass MSF neutral und unabhängig ist. Wir tun wirklich alles, um diesem Mandat gerecht zu werden.

Wir haben über politische Dimensionen und Gewalt gesprochen – aber wie sieht es mit gesundheitlichen Risiken für Nothelfer aus? Wie groß sind diese?
Damit sind wir ständig konfrontiert. Es besteht immer die Gefahr, mit tödlichen Krankheiten wie Ebola oder Lassafieber in Berührung zu kommen. Malaria ist vielerorts verbreitet, so dass man dieser Krankheit häufig ausgesetzt ist. Manche Mitarbeiter müssen aufgrund einer Infektion nach Hause geschickt werden. Wir tun jedoch so viel wir können für die Prävention. Dazu gehört, die Gesundheitssituation an den Orten, an denen wir arbeiten, zu kennen. Aber es ist nicht immer leicht. Die Menschen sind mobil, und eine ansteckende Krankheit kann schnell irgendwo auftauchen, wo sie vorher nicht war. Für dieses Szenarios ist ein ständiges Monitoring nötig.

Es scheint, als müssten Ihre Mitarbeiter auf eine ganze Reihe von Gefahren gefasst sein. Wissen Sie von Fällen, in denen jemand den Job bei MSF aufgrund schlechter Erfahrungen aufgegeben hat?
Ja, natürlich. 2013 wurden zum Beispiel zwei MSF-Mitarbeiterinnen in Kenia entführt und 21 Monate lang in Somalia festgehalten. Nach ihrer Entlassung hatten sie einfach genug. Wir führen oft solche Diskussionen: Können wir weitermachen oder nicht? Ich selbst hatte einen Freund, der in Somalia erschossen wurde. Mir würde es sehr schwerfallen, dort wieder zu arbeiten. Ich sage nicht, dass ich es auf keinen Fall tun würde. Aber es wäre definitiv nicht meine erste Wahl. Nicht wegen der Gefahr. Sondern weil der Mord an meinem Freund mich niemals loslassen würde. Er würde stets zu mir zurückkommen, wie ein Reflex.

Was ist Ihre persönliche Motivation dafür, weiterhin in gefährlichen Gegenden zu arbeiten, um anderen Menschen zu helfen?
Das ist eine gute Frage. Wenn ich nach einem gefährlichen Einsatz nach Hause komme, ist meine erste Reaktion: „Ich muss damit aufhören!“ Aber dann denke ich daran, dass meine Arbeit sehr nützlich ist, dass ich Menschenleben rette. Ich habe in sehr jungen Jahren bei MSF angefangen. Ich habe viele schlimme Situationen erlebt. Aber wissen Sie, wir leisten lebensrettende Arbeit direkt vor Ort, und ich bin Teil davon. Das ist eine große Belohnung. Die Menschen sagen mir „danke, dass du hier bist, danke, dass du uns hilfst“. Das ist meine Motivation. Ich brenne für den humanitären Teil meiner Arbeit.

Nach Einsätzen für MSF in vielen verschiedenen Ländern sind Sie nun Landeskoordinator in Nigeria. Was machen Sie dort?
Wir sind seit zehn Jahren im Nordwesten Nigerias aktiv. Wir intervenieren zum Beispiel, wenn Krankheiten wie Masern, Meningitis oder Cholera ausbrechen. Im Bundesstaat Sokoto unterstützen wir ein öffentliches Krankenhaus für Noma-Patienten. Noma ist eine Krankheit, die das Gesicht extrem entstellt. Viermal im Jahr führen ausländische Ärzte dort im Auftrag von MSF Operationen durch. Außerdem unterstützen wir das Gesundheitsministerium bei der Aufklärungsarbeit für diese Krankheit. In einem Krankenhaus im Bundesstaat Zafara betreiben wir eine Kinderstation. In einem anderen Projekt kümmern wir uns um Bleivergiftungen, die durch sehr primitive Abbauverfahren in den Bundesstaaten Zamfara und Niger auftreten. In Zentralnigeria, wo Landkonflikte häufig zu Vertreibungen führen, sind wir ebenfalls aktiv. Und wir unterstützen fünf Flüchtlingslager für Binnenflüchtlinge im Bundesstaat Benue. Wegen des Konflikts in Kamerun kommen von dort auch Flüchtlinge. Und dann gibt es noch die irreguläre Migration von Nigeria nach Europa. Die meisten dieser Menschen stammen aus dem Bundesstaat Edo, und wir versuchen nun die Gründe zu ermitteln, weshalb sie von dort weggehen und was ihnen fehlt. MSF besteht übrigens aus verschiedenen Sektionen, und unser Programm in Nigeria untersteht dem operationalen Zentrum Amsterdam, das medizinische Nothilfe in mehr als 60 Ländern leistet.

Das klingt nach sehr vielen Projekten in Nigeria. Wie groß ist denn das Team?
Die Anzahl der Mitarbeiter schwankt. Im Moment arbeiten rund 300 nigerianische und 35 ausländische Mitarbeiter in unserem Team.

Wird Ihre Arbeit vor Ort positiv wahrgenommen?
Man muss zwischen den verschiedenen Beteiligten unterscheiden. Die direkte Zielgruppe ist sehr dankbar für unsere Arbeit. Die Bedürfnisse sind enorm groß, und wir sind mehr oder weniger die Einzigen in bestimmten Gegenden, die die Kapazitäten haben, um sich um die Gesundheitsprobleme der Menschen zu kümmern. Die Behörden erkennen unsere Arbeit in der Regel ebenfalls an. Aber immer, wenn es Veränderungen in den Projekten gibt, müssen wir alle Beteiligten informieren. Kommunikation ist sehr wichtig, aber nicht immer einfach. Deshalb kann es da schon mal Defizite geben.

Beeinträchtigt der Terrorismus von Boko Haram Ihre Projekte in Nordnigeria?
Im Nordwesten ist Terrorismus kein Thema. Aber 2016 und 2017 waren wir auch im Nordosten aktiv, und da gab es eine Menge Terroraktivitäten, unter denen die Bevölkerung gelitten hat. Die Armee hat die Menschen in einer Art Enklave untergebracht, in der sie für ihren Schutz gesorgt hat. Nothelfer durften ausschließlich dort arbeiten. Außerhalb musste man ständig mit Landminen oder Überfällen rechnen. Wir haben uns von dort zurückgezogen – aber nicht wegen der Gefahren, sondern weil sehr viele Akteure in der Region aktiv sind. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Projekte anderen Organisationen wie International Medical Corps und Oxfam zu übergeben.


Philip Aruna ist Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières – MSF) in Nigeria.
https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/unsere-arbeit/einsatzlaender/nigeria

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