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Soziale Kohäsion

Verbesserungsbedarf trotz solidem Fortschritt

von Roli Mahajan

In Kürze

Breite soziale Gräben: Rikshaw-Walla in Kolkata.

Breite soziale Gräben: Rikshaw-Walla in Kolkata.

Indien ist auf gutem Weg, die extreme Armut zu beenden. Zugleich hat sich aber die soziale Schere in den vergangenen Jahrzehnten weiter geöffnet.

Im Mai 2018 wurde gemeldet, dass Indien nicht mehr das Land mit der größten Zahl extrem armer Menschen weltweit ist. Das ist ein Rekord, den kein Land anstrebt, den Indien aber lange, nicht zuletzt wegen seiner riesigen Bevölkerung von heute rund 1,3 Milliarden Menschen, innehatte.

Laut Brookings Institution lebten im Mai in Nigeria 87 Millionen Menschen in extremer Armut, in Indien aber nur 73 Millionen. Der Thinktank hielt zudem fest, in Nigeria wachse die Zahl jede Minute um sechs Personen, wohingegen sie in Indien kontinuierlich abnehme.

Diese Brookings-Einschätzung beruhte auf den Daten verschiedener internationaler Organisationen. Sie nutzt die Weltbank-Definition, der zufolge Menschen dann extrem arm sind, wenn ihre Kaufkraft weniger als 1,90 Dollar pro Kopf und Tag beträgt.

Indische Untersuchungen deuten in dieselbe Richtung. Die Indian National Sample Survey Organisation wird bald neue Daten veröffentlichen, aber der Ökonom Surjit Bhalla, der die Regierung berät, hat bereits mitgeteilt, der Anteil der extrem armen Menschen an der Bevölkerung sei von etwa 21 Prozent im Finanzjahr 2011/12 auf nur noch rund 5 Prozent 2017/18 zurückgegangen.

Der Trend sieht gut aus, aber viele Fachleute bezweifeln, dass er Anlass zum Feiern gibt. Eine Reihe anderer Entwicklungsindikatoren wirkt nämlich düster. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen weist darauf hin, dass Indien mit Blick auf viele sozioökonomische Parameter hinter Nachbarländern (mit der Ausnahme Pakistans) hinterherhängt. Das gilt besonders für Gesundheit und Bildung. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen ist in Bangladesch mit rund 1550 Dollar und in Nepal mit 840 Dollar niedriger als in Indien (1950 Dollar). Dennoch ist die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren in beiden Ländern niedriger. In Indien starben 2017 pro 1000 Lebendgeburten 39 Kinder. Die Vergleichszahl für Bangladesch war 32 und für Nepal 34.

Zeichen ländlicher Armut trüben ebenfalls das Bild einer prosperierenden Nation. Die Selbstmordraten von Bauern sind sehr hoch, und die Ursache ist typischerweise Überschuldung.

Armut präzise zu definieren ist schwierig und sorgt in Indien schon lange für hitzige Diskussionen. Ob eine Regierung Erfolg hat, wird gern an Fortschritten bei der Armutsbekämpfung gemessen. Früher wurde dafür nur der Geldwert des täglichen Kalorienbedarfs herangezogen. Doch 2009 verabschiedete die Tendulkar Commission eine mehrdimensionale Methode zur Abschätzung der Armut (siehe E+Z/D+C 2010/12, S. 464). Sie berücksichtigt neben dem Nahrungsmittelbedarf auch Dinge wie Kleidung, Schuhe, langlebige Verbrauchsgüter, Bildung und Gesundheit. Die neue Methode zeigte, dass die Armut in Indien schlimmer war als vermutet.

Die Weltbank hat kürzlich für Länder mit niedrigen mittleren Einkommen eine neue Armutsdefinition vorgelegt. Demnach gilt als arm, wer höchstens auf eine Kaufkraft von 3,20 Dollar pro Tag und Kopf kommt. Bhalla schätzt, nach diesem Maßstab sei ein Drittel der Bevölkerung arm. Vielleicht sollte sich die Nation angesichts der neuen Weltbankdefinition abermals darüber Gedanken machen, was Armut bedeutet.

Neben Armut ist auch Ungleichheit wichtig. Die multinationale Bank Credit Suisse schätzt, das reichste Prozent der indischen Bevölkerung besitze 58,4 % des Wohlstands, wohingegen das Vermögen der unteren 70 Prozent nur sieben Prozent betrage. Dieser Anteil habe sich innerhalb von acht Jahren halbiert, denn 2010 habe er noch bei 13,9 % gelegen. Zum Gesamtbild gehört also, dass Millionen von Menschen der extremen Armut entkommen sind, aber noch längst nicht in Wohlstand leben, während die Superreichen ihren Wohlstand rasant vermehren konnten.

Wirtschaftsliberalisierung wurde 1991 im Verlauf einer Finanzkrise zum politischen Paradigma in Indien (siehe E+Z/D+C e-Paper 2018/08, S. 27). Das Wachstum legte zu, aber soziale Gräben wurden tiefer. Satellitenbilder, die zur Ergründung von Ungleichheit in Indien genutzt werden, bestätigen diese Einschätzung. Volkswirte behaupten, die Wachstumsstrategie habe die Ungleichheit zugespitzt. Sie warnen, dass Länder, die mit hoher Ungleichheit ihre Entwicklung begännen, später größere Schwierigkeiten hätten, dies zu korrigieren.

In absehbarer Zeit dürfte es extreme Armut in Indien nicht mehr geben. Das ist eine ausgesprochen gute Nachricht. Es muss aber noch mehr getan werden.


Roli Mahajan ist freie Journalistin und lebt in Delhi.
[email protected]

 

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