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Guatemala

Heutzutage: Von der Hebamme zur Politikerin

von Patricia Galicia

Heutzutage

Patricia Galicia

Patricia Galicia

Eine salzige Brise streift das Gesicht von Olivia Nuñez Allen. Die 50-Jährige gehört zu den Garífuna, einem afro-karibischen Volk von der Atlantikküste Guatemalas. Auf der einstündigen Bootsüberfahrt zwischen den Küstenstädten Puerto Barrios und Livingston schaut sie auf ihre Heimatstadt und erinnert sich: Hier in Livingston war es, wo damals alles begann – als sie anfing, als Hebamme zu arbeiten.

Damals verkaufte Olivia Kokosbrot, wie die meisten Frauen in dieser Gegend. Oft müssen sie für den Lebensunterhalt der Familie sorgen, denn die Armut ist groß, und viele Männer wandern in die USA aus. Weil Olivia aber zudem anderen helfen wollte, wurde sie ­Hebamme.


Traditionelle Hebammen sind wichtig, wenn ärztliche Versorgung schlecht ist. „Die Frauen vertrauen uns Hebammen, weil wir vom selben Volk sind“, erklärt Olivia. „Wir heilen mit Pflanzen, wir besuchen sie zu Hause, und wir zeigen ihnen, wie sie ihre Babys pflegen müssen.“ Die Behandlungsmethoden lernten sie von ihren Großmüttern, führt sie fort, die zwar weder schreiben noch lesen konnten, aber sehr weise waren. „Diese Arbeit erfüllt mich. Die Geburt ist immer ein schwieriger Moment, denn die Mütter stehen mit einem Fuß im Diesseits und mit einem im Jenseits.“

Dennoch wollte Olivia noch mehr erreichen, mehr Leuten helfen. Sie machte an einer Erwachsenenschule das Abitur nach, zog in die Hauptstadt, machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und begann, in Puerto Barrios im Krankenhaus zu arbeiten. „Das Schöne an der Arbeit im Krankenhaus war, dass ich allen Menschen gleich helfen konnte“, sagt sie rückblickend. „Ich behandelte sie alle, ohne zu wissen, wo sie herkommen.“

Nach 18 Jahren als Krankenschwester konnte sie sich sogar ein Studium leisten: Jura und Sozialwissenschaften. Damit begann Olivias Karriere: Sie wurde Dozentin an der Univer­sität und Regionaldirektorin der Anti-Rassismus-Kommission (Comisión Presidencial contra el Racismo), wurde Staatsanwältin und gründete mit anderen Frauen zusammen die Ver­einigung der Garífuna-Frauen Guatemalas (Asociación de Mujeres Garífunas de Guatemala, ASOMUGAGUA). Seitdem ent­wickelt sie Sexualkundeprojekte für die Dörfer ihres Departments, tritt als Repräsentantin der Garífunas vor den lokalen Entwicklungsrat (Consejo Departamental de Desarrollo) und vernetzt sich mit anderen afro-karibischen Frauennetzwerken aus ganz Zentralamerika.

Im Jahr 2011 war Olivia die erste Garífuna-Frau, die sich als Par­laments­abgeordnete für ihr De­partement zur Wahl stellte. Während des Wahlkampfs erhielt sie Unterstützung von Garífunas aus den USA, wo fast ein Fünftel der 5000 Garífunas Guatemalas leben. Sie erreichte den 6. Platz von 16 Kandidaten.

Das ist gut, doch Olivia hatte sich mehr erhofft: „Ich hätte sicher gewonnen, wenn die Stimmen aus dem Ausland auch gezählt hätten. Außerdem war ich neu in der Politik und hatte kein Geld.“ Dennoch ist Olivia überzeugt, dass sie diesen Weg weitergehen muss. Zunächst arbeitet sie weiter im Krankenhaus, aber bei den nächsten Wahlen wird sie wieder antreten. „Ich habe viel gelernt und kann politische Verhandlungen jetzt besser führen“, erklärt sie. „Auch andere Frauen sollten in der Politik mitwirken. Wir können das, und es ist unser Recht!“

Patricia Galicia ist Journalistin und Radioredakteurin aus Guatemala-Stadt, Guatemala. [email protected]