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Tansania

Plädoyer für soziale Marktwirtschaft

von Lawrence Kilimwiko

In Kürze

Kirchenführer in Tansania haben Vorstellungen über die richtige Wirtschaftsordnung: evangelischer Gottesdienst in Lushoto.

Kirchenführer in Tansania haben Vorstellungen über die richtige Wirtschaftsordnung: evangelischer Gottesdienst in Lushoto.

Hochrangige christliche und muslimische Geistliche drücken gemeinsam ihre Sorge über die wachsende soziale Ungleichheit in Tansania aus. Sie fordern, niemand dürfe zurückgelassen werden.

Spitzenvertreter der christlichen Kirchen und des Islam finden, ihr Land solle eine soziale Marktwirtschaft nach deutschem Vorbild einführen. Die soziale Marktwirtschaft verbindet das kapitalistische Wirtschaftssystem mit Sozialpolitik, die Menschen vor Armut schützt. Die soziale Marktwirtschaft beruht auf sozialer Sicherung für die Bevölkerung und einen rechtlichen Rahmen, der ein Mindestmaß an Chancengleichheit sichert.

Anders als in einem sozialistischen Wirtschaftssystem werden Investitionen, Arbeit, Produktion und Vertrieb weder staatlich geplant noch gesteuert. Der Staat reguliert jedoch die Wirtschaftsaktivitäten und schafft geeignete Rahmenbedingungen. Dafür dienen unter anderem die Steuer-, Wettbewerbs-, Sozial-, Bildungs-, Infrastruktur- und Außenhandelspolitik.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat in Tansania kürzlich ein Buch darüber veröffentlicht. Es wurde unter Leitung der Interfaith Confederation Tansanias von einheimischen Wirtschaftsexperten und einem Experten der Konrad-Adenauer-Stiftung verfasst. Die Interfaith Confederation wird von den drei großen Religionen in Tansania getragen – römisch-katholisch, lutherisch und muslimisch. Sie hat beschlossen, sich mehr um das ökonomische Wohlergehen der Gläubigen zu kümmern.

Bei der Präsentation in Daressalam waren führende Geistliche präsent. Scheich Hassan Kabehe, das Oberhaupt des Muslimischen Rats der Mwanza-Region im Nordwesten des Landes, äußert sein Wohlwollen: „Religionsführer haben die Verantwortung, die Wirtschaft mitzugestalten, da Wirtschaftssysteme Teil der Religion sind.“

Tansania hat seit der Unabhängigkeit in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Wirtschaftsreformen getestet. 1967 setzte die Regierung auf den sogenannten „afrikanischen Sozialismus“, der auf einer staatlichen Kontrolle der Wirtschaft basierte. Die Annahme war, dass staatliche Kontrolle der Produktionsmittel zu Gleichheit und Wohlstand führen würde.

Nach dem Kollaps der Sowjetunion galt das Modell jedoch als offensichtlich gescheitert. Folglich führte Tansania 1992 eine freie Marktwirtschaft ein und liberalisierte den Handel. Das Modell war privatwirtschaftlich, aber die meisten einheimischen Unternehmen konnten weder mit der ausländischen Konkurrenz mithalten noch mit ihr kooperieren. Sie durften auch kein Kapital ausländischer Investoren anwerben.

Auch dieses Modell hat sich nicht bewährt. Sein Ergebnis ist eine große Kluft zwischen Arm und Reich. Das Land mit fast 60 Millionen Einwohnern stand 2018 nur auf Rang 159 (von 189 Ländern) beim Index für menschliche Entwicklung des UNDP (UN Development Programme). Der Index spiegelt Einkommen, Lebenserwartung und Bildungserfolg wider.

Das neue Buch befürwortet die Einführung der sozialen Marktwirtschaft. Sie wird als maßgeblich für das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet. Die Autoren glauben, dass diese – an die lokalen Gegebenheiten angepasst – eine inklusive und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in Tansania möglich machen kann.

Geistliche in Tansania sind sich einig, dass religiöse Führer sich zu lange um wirtschaftliche Fragen nicht gekümmert hätten. Es sei nötig, Religion, soziale Dienste und wirtschaftliche Aktivitäten miteinander zu verbinden. Tatsächlich pflegen alle drei Glaubensrichtungen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, Wohltätigkeit und einem Anspruch aller auf Lebenschancen.

„Mit der sozialen Marktwirtschaft kann Tansania wirtschaftlich stark und auf regionalen und internationalen Märkten wettbewerbsfähig werden“, sagt Pater Charles Kitima, Exekutivsekretär der katholischen Bischofskonferenz Tansanias und einer der Mitwirkenden an dem Buch. Stephen Munga, ein protestantischer Bischof und Vorsitzender der Interfaith Commission, sagt: „Wir wollen nicht, dass irgendjemand zurückgelassen wird.“


Lawrence Kilimwiko ist Journalist, Autor und Medienberater. Er lebt in Daressalam.
[email protected]

Buch
KAS-Tanzania, 2019: Social Market Economy Model for Tanzania: Towards inclusive and sustainable economic development – Smet Model.
 

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