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Nicht-übertragbare Krankheiten

Ein globales Problem

von Hedwig Diekwisch

Hintergrund

Arbeiterinnen in einer Reis-Mühle in Bangladesch: Das Einatmen des Staubes verursacht häufig Lungenkrankheiten.

Arbeiterinnen in einer Reis-Mühle in Bangladesch: Das Einatmen des Staubes verursacht häufig Lungenkrankheiten.

Jedes Jahr sterben weltweit mehr als 40 Millionen Menschen an den Folgen nichtübertragbarer Krankheiten. Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen, Krebs und Diabetes sind für 70 Prozent dieser Todesfälle ursächlich. Etwa 80 Prozent der vom vorzeitigen Tod betroffenen Menschen leben in armen Ländern. Internationale Strategien und Programme sollen Abhilfe schaffen, doch häufig sitzt die Pharmaindustrie mit im Boot, die ihre eigenen Interessen vertritt.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts starben die meisten Menschen an Infektionskrankheiten wie etwa Durchfall oder Tuberkulose. Heute führen nichtübertragbare Krankheiten die Todesfall-Statistik an. Herz-Kreislauf-Erkrankungen belegen weltweit den ersten Platz. Dieser Trend ist zunehmend auch in armen Ländern zu beobachten. Dazu tragen maßgeblich die ständig fortschreitende Urbanisierung und eine Veränderung des Lebensstils bei.

Wie bei Infektionskrankheiten spielt Armut auch bei der Ausbreitung von nichtübertragbaren Krankheiten (non-communicable diseases – NCDs) eine entscheidende Rolle. Menschen mit niedrigem Einkommen erkranken nicht nur häufiger an NCDs, sondern sterben auch überproportional häufiger daran als Menschen mit hohem Einkommen. Auch regional sind Ungleichheiten zu beobachten. So schwankt die Lebenserwartung etwa in der verhältnismäßig wohlhabenden euro­päischen WHO-Region (insgesamt 53 Länder gehören hierzu) zwischen 72 und 81 Jahren. 2012 lag laut WHO die Sterblichkeitsrate in den ärmeren osteuropäischen Ländern wie Russland, Moldawien oder Kasachstan mehr als doppelt so hoch wie in reichen westeuropäischen Ländern wie Deutschland oder der Schweiz.

Eine chronische Erkrankung wie etwa Diabetes verschlimmert gleichzeitig die Armut. Denn wer krank ist, kann gar nicht oder weniger arbeiten und trägt somit weniger zum Haushaltseinkommen bei. Und ohne Krankenversicherung wird eine (medikamentöse) Therapie oft zur Überlebensfrage.


Globale Aktionen

Die steigenden Zahlen von chronischen Krankheiten sorgen seit dem Jahr 2000 weltweit für mehr Aufmerksamkeit. So nimmt sich die WHO seitdem mit Konzepten und Aktionsplänen explizit des Themas an. Neben regelmäßigen Berichten zur globalen Lage bietet der aktuelle Aktionsplan 2013–2020 (WHO, 2013) zahlreiche Handlungsoptionen für nationale Regierungen, wie etwa:

  • die Erhebung von Steuern auf ungesunde Lebensmittel,
  • die Durchsetzung des Verbotes von Alkoholwerbung,
  • die Einführung von Programmen zur günstigen Versorgung mit generischen Arzneimitteln,
  • die Einrichtung von raucherfreien Zonen und vieles andere mehr.

2018 wird es zum dritten Mal ein UN-Sondertreffen zu dem Thema geben. Dies ist auch nötig, denn die bisherigen Fortschritte sind nicht ausreichend, um die Nachhaltigkeits-Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals – SDGs) zu erreichen. Diese sehen vor, dass bis zum Jahr 2030 die Anzahl frühzeitiger Todesfälle um ein Drittel gesenkt wird. Nötig wären unbedingt konkrete finanzielle Zusagen für die Eindämmung nichtübertragbarer Krankheiten in ärmeren Ländern.


Rollen klar verteilen

Um Partnerschaften und Bündnisse wie die NCD-Alliance oder die Access Accelerated Initiative (siehe E+Z/D+C e-Paper 2018/02, S. 4) erfolgreich zu machen, ist es wichtig, eine strikte Rollenverteilung durchzusetzen und so Interessenkonflikte zu vermeiden. Das Geld sollte von bi- oder multilateralen Organisationen kommen, die Zivilgesellschaft die Rolle der Anwaltschaft übernehmen und sich um die Umsetzung kümmern. Die pharmazeutische Industrie hat die Aufgabe, sinnvolle Produkte zu entwickeln und existierende Medikamente zu einem fairen Preis zur Verfügung zu stellen. Beim Zugang zu Medikamenten sollte die Verantwortung bei der WHO, den Regierungen, Geldgebern und der Zivilgesellschaft liegen. Die Rolle der Pharmaindustrie sollte diese Aufgaben ergänzen – aber aufgrund der inhärenten Interessenkonflikte keinesfalls ersetzen.

Diese strikte Rollenverteilung sollte nicht nur für die pharmazeutische, sondern auch für die Alkohol-, Tabak- und Lebensmittelindustrie aufrechterhalten werden. Denn die transnationalen Konzerne tragen durch den Verkauf und die massive Vermarktung ihrer Produkte zur Entstehung nichtübertragbarer Erkrankungen bei (siehe dazu auch Beitrag von Dagmar Wolf in E+Z/D+C e-Paper 2018/02, S. 6). Beispiel Brasilien: 2016 waren rund 19 Prozent der Bevölkerung stark übergewichtig – im Vergleich zu 2006 eine Steigerung um 60 Prozent. Übergewicht ist wiederum ein Risikofaktor für das Entstehen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs.

Renommierte Wissenschaftler fordern in einer Artikelserie in der Medizinzeitschrift The Lancet zu nichtübertragbaren Krankheiten, die Industrie in Regulierungsprozessen ganz außen vor zu lassen. Trotz des allgemeinen Vertrauens auf die Selbstregulierung der Industrie oder in Public-Private-Partnerships, die die öffentliche Gesundheit verbessern sollen, gebe es keinen Beweis, dass die Einbeziehung von Wirtschaftsakteuren nützlich oder mindestens ungefährlich sei. Staatliche Regulierung und Marktinterventionen seien die einzigen evidenzbasierten Maßnahmen, um Schaden von der Bevölkerung durch die Praktiken der Alkohol-, Tabak- und Lebensmittelindustrie abzuwenden.


Was ist zu tun?

Den Schlüssel zur Eindämmung von nichtübertragbaren Krankheiten sieht die WHO in einem breiten politischen Ansatz: Health in All Policies (HiAP), so der Name des vielversprechenden Konzepts, soll alle krankmachenden Faktoren beeinflussen. Auch solche, die außerhalb der direkten Kontrolle des Gesundheitssektors liegen. Dazu gehören etwa Bildung, Umwelt, Arbeitsbedingungen, Wohnen, Transportsysteme, Lebensmittel, landwirtschaftliche Produktion, Wasser, Hygiene und anderes. Maßnahmen zum Erhalt der Gesundheit sollen in allen Politikbereichen verankert werden. Die Bekämpfung der Armut und die Beendigung sozialer Ungleichheit spielen dabei eine zentrale Rolle und müssen – sollen die SDGs bis 2030 erreicht werden – jetzt engagiert in Angriff genommen werden.

Wichtig ist auch eine integrierte Gesundheitsversorgung, die sich nicht auf einzelne Krankheiten konzentriert, sondern das breite Umfeld in den Blick nimmt. So hat Kambodscha die Vorbeugung und Behandlung von nichtübertragbaren Krankheiten in die Behandlungsprogramme zu HIV/Aids integriert. Das ergibt Sinn. Denn grundlegende Erfordernisse der Prävention und des Managements von HIV-Infektionen und nichtübertragbaren Krankheiten sind gleich: die notwendige starke Unterstützung durch Familienangehörige oder die (Dorf-)Gemeinschaft, die Einbindung der Patienten in die Therapie oder die kontinuierlich erforderliche fortlaufende Betreuung der Kranken.


Hedwig Diekwisch ist Krankenschwester und Diplom-Soziologin. Sie gehört zum Team der BUKO Pharma-Kampagne.
[email protected]
 

Links

WHO, 2013: Global Action Plan For the Prevention and Control of Noncommunicable Diseases 2013-2020.
http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/94384/1/9789241506236_eng.pdf?ua=1

Beran, D., et. al., 2017: Pharmaceutical industry, non-communicable diseases and partnerships: More questions than answers. Journal of Global Health.
http://www.jogh.org/documents/issue201702/jogh-07-020301.htm
 

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