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Liberia

Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht

von Dagmar Wolf

In Kürze

Entwaffnung eines ehemaligen Kindersoldaten in Liberia 2003.

Entwaffnung eines ehemaligen Kindersoldaten in Liberia 2003.

Das rohstoffreiche und fruchtbare westafrikanische Liberia liegt nach jahrelangem, verheerendem Bürgerkrieg am Boden. Weshalb der Aufbau stockt, und warum viele gut­gemeinte Entwicklungsprojekte scheitern, erklärt eine langjährige UN-Mitarbeiterin in einem Buch.

Viele heutige Missstände in Liberia haben ihre Ursachen in der Geschichte: Das Land wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von freigelassenen Sklaven aus Nordamerika und der Karibik gegründet. Die sogenannten Americo-Liberianer ließen sich hauptsächlich an der Küste ihrer neuen Heimat nieder und sicherten sich den alleinigen Zugang zu den Rohstoffen des Landes. Sie gestalteten sich ihre Welt nach dem Vorbild der USA und verhielten sich der heterogenen indigenen Bevölkerung im Landesinneren gegenüber wie Herrenmenschen. Sie zeigten keinerlei Interesse an einheimischer Kultur und Sprache und beuteten die Einheimischen „genauso, wenn nicht noch schlimmer aus, wie sie es selbst in Amerika erlebt hatten“, schreibt die langjährige UN-Mitarbeiterin Doris Kleffner in ihrem aktuellen Buch.

In der bitterarmen Bevölkerung entwickelte sich zunehmend Unmut gegen die Americo-Liberianer. 1979 führten gestiegene Reispreise zu gewaltsamen Unruhen und Machtkämpfen, die schließlich in 14 Jahre Bürgerkrieg mündeten. Dabei ging es einerseits um ethnische Konflikte, andererseits aber auch um die politische Macht und die Rohstoffe des Landes.

250 000 Liberianer kamen ums Leben, eine Million wurde vertrieben. Auf allen Seiten wurden Kindersoldaten eingesetzt, und es kam zu kaum vorstellbaren Gräueltaten. 2003 konnte schließlich mit Hilfe der UN ein Friedensabkommen geschlossen werden, doch die Folgen des Bürgerkriegs sind dramatisch: die Wirtschaft liegt am Boden, die Bevölkerung wächst rasant – bei einer Arbeitslosigkeit von geschätzten 85 Prozent, schreibt Kleffner.


Mangelndes Kulturverständnis

Viele Projekte, die dem Wiederaufbau des Landes dienen sollten, scheiterten, stellt die Autorin fest, die mehrere Jahre für die UN-Friedensmission in Liberia war – unter anderem zuständig für die Reintegration der Ex-Rebellen. Sie wirft der internationalen Gemeinschaft nicht nur mangelndes Kulturverständnis, sondern eine regelrechte Kolonialisierung durch westliche Normen vor. Dem Land würden politische, wirtschaftliche und soziale Systeme ohne Rücksicht auf einheimische Traditionen aufgezwungen. Das sei zum Scheitern verurteilt.

Als eines von vielen Beispielen nennt Kleffner ein einkommenschaffendes Hühnerzuchtprojekt, bei dem die Bewohner eines Dorfes eine größere Anzahl Hühner erhielten. Innerhalb eines Tages töteten die Dorfbewohner alle Tiere, weil sie glaubten, die Menschen des Nachbardorfes hätten sich in Hühner verwandelt, um sie auszuspionieren. Traditioneller Aberglaube wie dieser müsse in Programmen berücksichtigt werden.


Patronage und Verteilungssystem

Problematisch für den Wiederaufbau sei auch weitverbreitete Korruption und Vetternwirtschaft. Dies habe bereits bei den Friedensverhandlungen dazu geführt, dass um möglichst viele und lukrative Posten geschachert wurde, um Verwandte und Freunde zu versorgen. Das Patronage- und Verteilungssystem sei in der liberianischen Gesellschaft tief verankert. Erfolg und Wohlstand hinge nicht von der persönlichen Leistung des Einzelnen ab, sondern vom Status und dem sozialen Netzwerk. Daher bestehe kaum Anreiz, eigene Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Das Patronagesystem habe es den Warlords einfach gemacht, arbeitslose junge Männer schon für eine warme Mahlzeit zu rekrutieren. Umso schwerer sei aber die Demobilisierung von Exkämpfern. Ausbildungsprogramme und Maßnahmen zur Schaffung alternativer und nachhaltiger Einkommensquellen scheiterten vielmals.


Fehlgesteuerte internationale Hilfe

Verstärkt werde dies durch fehlgesteuerte internationale Hilfe. Genannt seien hier drei Beispiele:

  • Zusätzlich zur formellen Schul- oder Berufsausbildung bekamen Exkämpfer einmalig 300 Dollar plus monatlich 30 Dollar während der Ausbildung. Dies sei ein enormer Pull-Faktor, schreibt Kleffner. Warlords nahmen ihren Kämpfern die Waffen ab und gaben sie an Verwandte und Freunde weiter. So landeten viele Menschen im Demobilisierungsprogramm – einschließlich alter, gebrechlicher Frauen –, die mit den Kriegsparteien gar nichts zu tun hatten. Außerdem bestand bei einer regelmäßigen monatlichen Zahlung keinerlei Anreiz, eine Ausbildung zu beenden.
  • In einem anderen Fall hörten Familien auf, selbst Nahrungsmittel anzubauen, weil Hilfsorganisationen Lebensmittel an Schulkinder verteilten, von denen ganze Familien leben konnten.
  • Der amerikanische Reifenfabrikant Firestone und andere Arbeitgeber bezahlten ihre Plantagenmitarbeiter mit einem Sack importiertem weißen Reis pro Monat als Teil ihres Gehalts. Der einheimische braune „country rice“ galt daraufhin als minderwertig und wurde kaum noch angebaut.

Generell mangele es vielen Liberianern an einem Verständnis für nachhaltiges Handeln, beklagt Kleffner. Programme würden für den persönlichen Profit missbraucht und blieben immer nur so lange am Laufen, wie sie von außen unterstützt würden. Liberias Regierung sei zwar an Wachstum, nicht aber an der Entwicklung des Landes interessiert. Sie locke Investoren aus dem Ausland, die die Rohstoffe plünderten, Profite kämen aber nicht der Bevölkerung, sondern nur den Eliten zugute.

Anhand des Beispiels Liberia zeigt die ehemalige UN-Mitarbeiterin die Problematik der internationalen Entwicklungshilfe auf und fordert eine radikale Reform. Seit den 1960er Jahren seien 600 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern nach Subsahara-Afrika geflossen, doch am Lebensstandard der Bevölkerung habe sich praktisch nichts geändert. Die Politiker der westlichen Welt sollten ihr Verhältnis zu den Regierungen in Entwicklungsländern hinterfragen. Millionenzahlungen an korrupte Eliten bestärkten dysfunktionale Staatssysteme, hemmten die Entwicklung und seien damit die Hauptursache für Migration, resümiert Kleffner.


Buch
Kleffner, D., 2020: Liberia – Paradies auf Abwegen. Kritische Einblicke in die internationale Entwicklungspolitik. Frankfurt, Brandes & Apsel.


Dagmar Wolf ist Redaktionsassistentin bei E+Z/D+C.
[email protected]

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