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Grundschulen

Bilinguale Bildung

von Linda Vierecke, Christoph Peters

Hintergrund

Modellschule gibt Anweisungen zur Mülltrennung auf Quechua.

Modellschule gibt Anweisungen zur Mülltrennung auf Quechua.

Lateinamerika leidet bis heute an den Folgen des Kolonialismus, so auch in der Sprachenpolitik. Den Indios wurde ihre eigene Sprache und Kultur genommen, ihre Kinder konnten dem spanischsprachigen Unterricht nicht folgen. In Bolivien arbeiten Schulen nun mit zwei Sprachen.

„Unser Schulsystem produzierte unentwegt Analphabeten, lebenslang stigmatisiert als ungebildete Indios und Bürger zweiter Klasse. Die Folge waren entwurzelte Menschen, die weder in der indigenen noch in der dominanten Kultur heimisch waren.“ Das sagt der Linguist Vidal Arratía von der staatlichen Universität San Simón in Cochabamba.

In Bolivien, wo 60 Prozent der Bevölkerung Indigene sind, wurde Anfang der 70er Jahre der Protest gegen das fremdbestimmte Schulsystem immer lauter. Im Hochland ansässige Angehörige der Aymara-Volksgruppe nahmen ihre Schulbildung selbst in die Hand. „Viele Aymaras waren der Meinung, dass ihnen die Schule ihre Kinder wegnimmt“, erzählt Arratía, „denn die Schule vermittelte andere Werte. Wir aber wollten, dass unsere Kinder in der Schule auch lernen, ihre eigene Kultur zu schätzen.“

Deshalb wurde die Educación Intercultural Bilingüe entwickelt. Diese Art von Unterricht führt auch zu besseren Spanisch- und Fremdsprachenkenntnissen. „Neuere Studien zeigen zudem, wie wichtig interkulturelle zweisprachige Bildung für die Identitätsbildung und Lernmotivation der jungen Indígenas ist“, sagt Arratía. Das sei der wichtigste Aspekt.

Das Konzept passt zum heutigen Bolivien. Präsident Evo Morales hat die politischen Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Die 2009 verabschiedete Verfassung des Plurinationalen Staates legt 37 Amtssprachen auf nationaler Ebene fest. Auf regionaler Ebene gibt es jeweils mindestens eine indigene Amtssprache.

Das neue Bildungsgesetz „La Ley 070 Avelino Siñani Elizaardo Pérez” wurde unter Beteiligung der indigenen Bildungsräte im Dezember 2010 verabschiedet. Es sieht sogar Dreisprachigkeit vor, zumindest als Sprachunterricht: Englisch, Spanisch und jeweils eine indigene Sprache. Bislang aber wurde das Gesetz noch nicht umgesetzt.


Anspruch und Wirklichkeit

In der Realität klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Noch immer ist Spanisch die alles beherrschende Sprache. „Wer in Bolivien etwas werden will und vom Land in die Stadt geht, muss Spanisch sprechen“, erklärt Arratía. „Hier in Cochabamba, immerhin eine 600 000-Einwohner-Stadt, gibt es de facto keine bilingualen Schulen, in denen eine indigene Sprache gleichrangig gelehrt wird.“ Der Unterricht werde auf Spanisch durchgeführt, an privaten Schulen oft auch komplett auf Englisch.

Tatsächlich wollen viele junge Bolivianer später am liebsten in Argentinien, Chile oder den USA studieren. Was nützt ihnen da Quechua oder Aymara? Und nicht alle Eltern befürworten bilinguale und interkulturelle Lehrpläne. Einige fürchten, dass ihre Kinder nicht gut genug Spanisch lernen, um einen „ordentlichen“ Beruf ergreifen zu können.

Wer die Educación Intercultural Bilingüe in der Praxis erleben will, muss in Bolivien auf das Land fahren. Ein Beispiel: Llavini, ein kleines Dorf mit nicht mehr als 50 Familien an der Fernstraße von Cochabamba nach Oruro. Die Menschen hier sprechen Quechua und gehören nach den Aymara zur zweitgrößten indigenen Volksgruppe Boliviens. Das „Instituto de la Lengua y Cultura de la Nación Quechua“ hat die kleine Dorfschule zum Modellprojekt erklärt. Es soll zeigen, dass der zweisprachige Ansatz funktioniert.

„Wir wollen Quechua zur verschriftlichten Sprache machen“, erklärt Fatima Camacho, die für das Institut Lehrer evaluiert und berät. Es habe sich immer mehr Spanisch in das Vokabular geschlichen. „Bis zu 30 Prozent sind es heute.“

In der dritten Klasse fragt Lehrerin Mirtha Pacheco auf Spanisch: „Was ist acht mal fünf?“ „Cuarenta!“, rufen 18 Kinder. Fragt sie auf Quechua, antworten die Kinder problemlos in der indigenen Sprache.

Normalerweise sind Quechua oder Aymara in den bolivianischen Schulen „Übergangssprachen“. Ab dem vierten Schuljahr wird ausschließlich auf Spanisch unterrichtet. Das nennt man „Bilinguismo de transición“. Die Dorfschule von Llavini soll mehr erreichen. Ziel ist ein „Bilinguismo de mantenimiento“, also Erhaltungsbilinguismus. Die Zweisprachigkeit soll über die gesamte Schulzeit in allen Fächern erhalten bleiben.

Dafür mangelt es aber an geeigneten Unterrichtsmaterialien. Schuldirektor Tito Delgado würde das gerne ändern: „Ich wünsche mir eine Bibliothek mit lauter Büchern auf Quechua. Für die Kinder. Aber auch für die ganze Gemeinde von Llavini.“

Eine weitere Herausforderung ist, dass es in Bolivien noch nicht genügend in indigenen Sprachen ausgebildete Lehrer gibt (siehe Artikel hierzu).

Trotz aller Schwierigkeiten ist die Modellschule in Llavini ein ermutigendes Beispiel für gelingende bilinguale Erziehung in Bolivien. Auch in Ländern wie Guatemala und Ecuador gibt es schon jetzt viele Lehrkräfte, die zweisprachigen Unterricht geben könnten.

Eine wirklich flächendeckende interkulturelle bilinguale Erziehung gibt es an bolivianischen Schulen nicht. Lediglich die ländlichen Regionen versuchen eine Zweisprachigkeit des Übergangs umzusetzen. Die fortschrittliche politische Verfassung und die gesellschaftliche Realität klaffen weit auseinander.

Derweil wird in La Paz sogar über die gesetzliche Verankerung des „Bilinguismo de enriquecimiento“ diskutiert. Dieses ehrgeizige didaktische Konzept der „kulturellen Bereicherung für alle“ sieht vor, dass jeder Bolivianer, also auch die Spanisch sprechenden Muttersprachler, verpflichtend eine indigene Sprache lernen müssen. Das Konzept ist Teil der UNESCO-Strategie, indigene Sprache als Teil der National- und Weltkultur aktiv zu erhalten. Boliviens Idealismus ist also auf einem guten Wege. Die politische Praxis aber hinkt deutlich hinterher.


Linda Vierecke lebt als Journalistin in Cochabamba.
[email protected]

Christoph Peters ist freier Journalist und Medien-Dozent und lebt in Cochabamba.
[email protected]

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