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Editorial

Tragödie der Allgemeingüter

von Hans Dembowski

Hintergrund

Small-scale fisherman and industrial-scale trawler off Senegal’s coast

Small-scale fisherman and industrial-scale trawler off Senegal’s coast

Ein großer Albtraum westlicher Sicherheitspolitiker ist, dass sich Pakistans und Indiens nuklearer Wettlauf auf das Meer ausdehnt. Eine Marine mit Massenvernichtungswaffen ist mobil, und U-Boote lassen sich kaum systematisch beobachten. Leider rüsten aber viele Staaten auf See auf – und das spiegelt mehr als nur Geltungsansprüche aufstrebender Mächte wider. Von Hans Dembowski

Aus mehreren Gründen nehmen Streitigkeiten über Seegebiete an Zahl und Intensität zu:
– Weil Volkswirtschaften immer stärker vom Welthandel abhängen, gewinnen Schifffahrtsrouten an Bedeutung.
– Fisch ist ein wichtiges Nahrungsmittel. Die globalen Bestände nehmen aber ab, und die derzeitigen Konsumgewohnheiten sind nicht nachhaltig.
– Rohstoffe von unter dem Meeresboden sind begehrt, denn private wie staatliche Unternehmen interessieren sich für Öl, Gas und Erze.

Früher waren allenfalls Seegebiete in Küstennähe umkämpft. Weit draußen auf dem Meer hatten Staaten nicht viel zu melden. Niemand konnte dort Gesetze durchsetzen, also dachte auch kaum jemand darüber nach, solche Gesetze überhaupt zu schaffen. Um unmittelbar Interessen zu verteidigen, war eine starke Marine nötig. In begrenztem Maße gilt das noch heute, wie etwa die Anti-Piraterie-Missionen von EU und NATO vor Somalia belegen. Bei anderen relevanten Dingen sind Kriegsschiffe aber nutzlos. Wir erleben heute auf See eine Tragödie der Allgemeingüter von gewaltigen Dimensionen. Ökonomen verwenden diesen Begriff für Situationen, in denen öffentliche Güter schnell aufgezehrt werden, weil es keine Eigentümer gibt und niemand sich verantwortlich fühlt. Die Menschheit ist derzeit dabei, wertvolle Meeresressourcen zu verspielen.

Früher waren Meere und Ozeane reiche, aber gefährliche Jagdgründe. Nur wenige trauten sich dorthin, und die Fischvorkommen schienen unendlich groß. Niemand hatte Grund zur Sorge um Ökosysteme und Artenvielfalt. Was dort draußen geschah, konnte ohnehin niemand kontrollieren. Heute ist das anders. Die industriell betriebene Hightech-Fischerei ist dabei, ihre eigene Lebensgrundlage zu vernichten, indem sie die natürlichen Bestände, von denen sie abhängt, ständig weiter dezimiert. Sie plündert derweil Ressourcen, von denen der Broterwerb traditioneller Fischergemeinschaften abhängt. Arme Menschen in Entwicklungsländern haben den größten Schaden.

Aus anderen Gründen ist auch die Jagd nach unterseeischem Öl Irrsinn. Unser Klima heizt sich bekanntlich wegen des massenhaften Gebrauchs fossiler Energieträger auf. Es ist absurd, dass immer größerer Aufwand für die Ölförderung in der Tiefsee als vernünftige Geschäftsstrategie gilt. Die Unfallrisiken sind kaum zu kontrollieren – und Erfolg bedeutet noch mehr Treibhausgase und noch schnellere globale Erwärmung. Rational wäre es, stattdessen in die Entwicklung sauberer Energiealternativen zu investieren.

Multilaterale Politik ist oft frustrierend zäh. Vernünftige Regeln zu schaffen und durchzusetzen ist schwer. Es gibt dazu aber keine Alternative. Die internationale Staatengemeinschaft muss zur Sicherung öffentlicher Güter kooperieren, denn andernfalls wird alles nur noch schlimmer. Aufrüstung kann vielleicht potenzielle Gegner einschüchtern. Kriegsschiffe tragen aber nichts dazu bei, Probleme wie Überfischung oder Klimawandel in den Griff zu bekommen. Und sollte tatsächlich Krieg auf See geführt werden, würde das ökonomische, soziale und ökologische Probleme nur verschärfen.