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Geschlechterverhältnis

Männer einbeziehen

von Dean Peacock

Meinung

Freimütige Gespräche sind wichtig.

Freimütige Gespräche sind wichtig.

Das Recht auf Gesundheit, die Geschlechtergerechtigkeit und Frauenrechte sind in Südafrikas Verfassung verankert. Die Rechtsrealität bleibt dahinter aber zurück. Geschlechtsspezifische Gewalt und HIV/Aids sind verbreitet. Wer die Situation der Frauen verbessern will, muss die Einstellungen der Männer ändern. Daran arbeitet das zivilgesellschaftliche Sonke Gender Justice Network, wie Dean Peacock Rita Schäfer in einem Interview berichtet.

Viele Geber, Agencies und Behörden nehmen reproduktive Gesundheit und damit verbundene Rechte vor allem als Frauenthema wahr. Was stört Sie daran?
Wenn wir Frauenrechte verwirklichen wollen, müssen wir ein Umfeld schaffen, in dem Männer aktiv daran mitwirken. Wir wollen, dass sie sich für diese Rechte einsetzen und patriarchale Normen hinterfragen. Der erste Schritt ist, dass Männer Frauenrechte verstehen und die Autonomie von Frauen respektieren. Das betrifft auch Entscheidungen zu Sexualität, Verhütung und Schwangerschaftsabbrüchen. Frauen müssen selbst entscheiden, ob sie schwanger werden wollen oder nicht. Bislang war der Gender-Diskurs auf die reproduktive Gesundheit und die reproduktiven Rechte von Frauen ausgerichtet, weil der Handlungsbedarf so groß ist und noch immer viel geschehen muss, um ihre Rechte zu verwirklichen. Die Diskussion darf sich nicht von den Frauen wegbewegen. Gleichzeitig leben die meisten Frauen in Beziehungen mit Männern, und das prägt ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit. Also müssen wir Männer und Jungen in die Debatte einbeziehen. Dabei müssen wir vorsichtig sein, um nicht die mühsam gewonnene Autonomie von Frauen zu beeinträchtigen. Manchmal ist die Balance schwer zu finden. Aber wir wissen, wenn wir Männer in der richtigen Weise involvieren, verbessert sich die Situation der Frauen. Selbstverständlich haben Männer auch das Recht, sich über Familienplanung, sexuelle und reproduktive Rechte zu informieren. Allerdings haben sie kein Recht, Frauen körperlich zu kontrollieren.

Was sind die Bedürfnisse von Jungen auf diesem Gebiet?
Die südafrikanische Regierung hat viel Wert darauf gelegt, Männern Kondome zur Verfügung zu stellen. Jungen haben aber Schwierigkeiten, Kondome zu bekommen. Schulen bieten sie nicht an. Jungen und Mädchen brauchen umfassende Sexualerziehung. Sie benötigen Mittel, um ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit zu schützen und Sex zu genießen. Wir wollen sicherstellen, dass junge Menschen verstehen, wie wichtig Kondome sind, und dass es richtig ist, nach Kondomen zu fragen und sie anzuwenden. Solange wir nicht ehrlich über Sexualität sprechen, erhalten weder die Jungen noch die Mädchen die Informationen, die sie brauchen.

Welche Rolle spielen Schulen?
Umfassender Sexualkundeunterricht ist sehr wichtig. In Südafrika soll das im Fach „lebenspraktische Kompetenzen“ geschehen, aber das ist oft nicht der Fall. Wenn über Sexualität gesprochen wird, äußern sich viele Lehrer abfällig über die Sexualität von Jugendlichen. Gleichzeitig sind einige selbst keine Vorbilder, weil sie Schülerinnen zu sexuellen Kontakten auffordern und als Gegenleistung bessere Noten geben. Zudem erleben Jungen zu Hause, wie ihre Mütter schlecht behandelt werden. Das wirkt sich auf ihre sexuelle Sozialisation aus. Geschlechtergleichheit muss das zentrale Thema des Sexualkundeunterrichts sein. Es geht um mehr, als wie man ein Kondom benutzt. Ziel muss sein, den eigenen Körper und den des Partners zu verstehen und Einvernehmen herzustellen.

Welche Rolle spielt dabei Religion?
Manchmal wird Sexualkunde mit religiösen Werten überlagert. Wir müssen die Diskussion umorientieren – weg von Sex als Bedrohung und Krankheitsursache hin zu Sex als Verantwortung, Freude, Vergnügen und Leidenschaft. Solche Gespräche wollen die jungen Leute. Vieles können wir mit Mädchen und Jungen gemeinsam erörtern. Aber es muss gendersensibel klarwerden, was es bedeutet, ein Mann in einer Beziehung zu sein, was Respekt vor der körperlichen Autonomie von Frauen heißt. Es geht auch um Respekt vor ihrem Wunsch, Kinder zu bekommen oder nicht.

Wo thematisiert Sonke diese Ziele?
Wir arbeiten auf allen Ebenen. Auf der politischen Entscheidungsebene stellen wir sicher, dass Leitlinien formuliert und kompetent umgesetzt werden. Zudem ko­operieren wir mit Personal im Gesundheitswesen und sorgen dafür, dass dessen Arbeit die Bedürfnisse der Hilfesuchenden erfüllt. Und wir führen Gespräche in Kliniken, dabei beziehen unsere Teams die wartenden Frauen und Männer ein. Im Moment ist einer unserer Schwerpunkte die Mutter-und-Kind-Gesundheit; wir wollen junge Väter erreichen und ihnen die Bedeutung gewaltfreier Vaterschaft vermitteln.

Was sind die größten Herausforderungen?
Am schwierigsten ist es, einen Raum für offene Gespräche über Sexualität zu schaffen. Eine weitere Aufgabe besteht darin, die nötigen Informationen über Familienplanung sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit bereitzustellen. Außerdem gibt es nicht genug Gesundheitseinrichtungen – vor allem im ländlichen Raum. Und wenn es welche gibt, haben sie keine Kondome und andere Verhütungsmittel. Ein Strukturproblem sind die begrenzten Möglichkeiten von Frauen, ihre Rechte zu nutzen. Das liegt am Patriarchat und einem speziellen religiösen Fundamentalismus, der damit einhergeht. Weitere große Probleme sind geschlechtsspezifische Gewalt und HIV/Aids.

Viele HIV/Aids-Programme in Südafrika vernachlässigen Männer. Warum ist das problematisch?
Die meisten Männer werden nicht getestet, also erhalten sie nicht in gleicher Weise antiretrovirale Medikamente wie Frauen. Wenn sie nicht ihren Status kennen, benutzen sie keine Kondome und reduzieren nicht die Zahl ihrer Sexualpartnerinnen. Sie haben eine höhere Viruslast, infizieren eher ihre Partnerinnen, werden schneller krank und sterben früher. In Südafrika sterben mehr Männer als Frauen an Aids. Ihre geringere Nutzung der HIV-Dienstleistungen ist also ein Problem für Männer und für Frauen. Männer haben aber ein Recht auf diese Dienstleistungen; also ist es dringend nötig, sie zu befähigen, diese in Anspruch zu nehmen. Auf individueller Ebene ist es wichtig, dass Männer verstehen, wie zerstörerisch konventionelle Einstellungen sind. Wir vermitteln ihnen, dass es kein Ausdruck von Männlichkeit, sondern eine schlechte Entscheidung ist, von Gesundheitszentren fernzubleiben. Sonke sieht die Nutzung von Gesundheitsdiensten als Ausdruck von Verantwortung und nicht als Zeichen von Schwäche. Wir sagen: Es braucht Mut, sich auf HIV testen zu lassen. Mir ist wichtig, dass es nicht darum geht, Männer gegen Frauen auszuspielen, sondern gemeinsame Interessen wahrzunehmen.

Es gibt einen neuen nationalen HIV-Aktionsplan. Ändert sich etwas?
Der Plan betont, Männer sollen Zugang zu Dienstleis­tungen erhalten und über Frauenrechte informiert werden. Das ist gut, aber für die Umsetzung müssen Behörden ihre Stereotype überdenken. Wir ermutigen den Staat, den Plan zu verwirklichen, und stellen sicher, dass die geringe Nutzung der Gesundheitsdienste durch Männer beachtet wird. Da muss noch viel passieren. Brasilien hat – anders als Südafrika – eine Abteilung für Männergesundheit im Gesundheitsministerium. Hier gibt es nur eine Frauengesundheitsabteilung und nationale Leitlinien zur Prävention von HIV-Mutter-Kind-Übertragungen. Die Worte „Vater“ und „männlicher Partner“ kommen darin kein einziges Mal vor. Es muss begriffen werden, dass Frauen und Männer zusammen leben und Männer Frauen unterstützen sollten. Ich möchte noch ergänzen: Es geht auch nicht nur um sexuell übertragbare Krankheiten. Wenn ein Mann weiß, dass er zeugungsunfähig ist oder eine geringe Spermienzahl hat, kann er seiner Partnerin nicht vorwerfen, sie würde nicht schwanger. Es muss noch viel getan werden, um zerstörerische Einstellungen zu ändern.

Wie geht Ihr Netzwerk mit destruktiven Männerbildern um?
Zunächst einmal betrachten wir Männer nicht als monolithische Gruppe. Viele Männer unterstützen Frauenrechte. Sie wollen, dass Frauen in einer gewaltfreien Gesellschaft leben und über ihre Sexualität selbst bestimmen. Wir appellieren an diese Männer, ihren Standpunkt zu vertreten und sich aktiv für emanzipatorische Gender-Normen einzusetzen. Wir unterstützen diese Männer, damit sie wissen: Sie sind Teil einer größeren Bewegung. Wir motivieren sie, stärker in Aktion zu treten. Wir bieten Workshops an, setzen Filme ein und arbeiten mit den Medien. Zudem arbeiten wir an der Veränderung der Politik. Vor zehn oder 20 Jahren meinten viele, all das sei unmöglich. Aber wir sehen, Veränderungen sind erreichbar.

Wenn Sie über Südafrika hinausschauen: Was ist Ihre Position zu reproduktiven Rechten in den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) der UN nach 2015?
Wir sind Teil der MenEngage Alliance, die weltweit in über 50 Ländern aktiv ist. Zudem sind wir in die Men- Care-Kampagne involviert, die in mehr als 30 Ländern arbeitet. Ihr Ziel ist die Förderung der Verantwortung von Männern für die Gesundheit von Frauen und Kindern. Hinsichtlich der SDGs möchten wir quantifizierbare Standards zur Geschlechtergleichheit und zu HIV/Aids. Es ist wichtig, Männer als Akteure der Veränderung zu betrachten – mit Blick auf geplante und sorgende Elternschaft, gewaltfreie Beziehungen und reproduktive Gesundheit. Wenn wir Veränderungen für Frauen in diesen Bereichen erreichen wollen, müssen wir den Männern, mit denen sie ihr Leben teilen, Aufmerksamkeit widmen.