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Kirche und Staat

Prophezeiungen und Zeugnis

von Hans Dembowski

In Kürze

Desmond Tutu und Nelson Mandela 1995 in Kapstadt.

Desmond Tutu und Nelson Mandela 1995 in Kapstadt.

25 Jahre nach dem Ende der Apartheid steht Südafrika vor großen Problemen. Trotz Übergang zur Demokratie bleibt die soziale Ungleichheit riesig. Viele Menschen sind über Korruption und illegitime politische Einflussnahme empört. Die Kirchen überprüfen ihre politische Rolle.

Thabo Cecil Makgoba ist der anglikanische Erzbischof von Kapstadt. Er spricht sich für „mutige Gespräche“ (courageous conversations) aus. Der Präzedenzfall ist eine Serie von Diskussionsterminen unter Einschluss aller wichtigen Akteure im Bergbau, der für große soziale Spannungen bekannt ist. 2012 tötete die Polizei Dutzende von Bergarbeitern in Marikana, was nicht nur an Gewalttaten der Apartheid erinnerte, sondern der Öffentlichkeit auch bewusst machte, dass die Ungleichheit immer noch riesig ist und Armut weit verbreitet bleibt.

An den mutigen Gesprächen nehmen Arbeiter sowie Vertreter von Unternehmen, Gewerkschaften und Staat teil. Es geht darum, alle wichtigen Parteien einzubeziehen, um in umfassender Diskussion gemeinsam Lösungen zu finden. Wechselseitiges Verständnis ist dafür unerlässlich. Makgoba hat einige der Treffen selbst geleitet. Als Moderatoren wirkten aber auch andere Geistliche, darunter ein muslimischer Imam. Aus Sicht des Erzbischofs taugt das Modell auch im Blick auf andere Konflikte wie den Streit über Landbesitz.

Ndangwa Noyoo erwartet von den Kirchen mehr. Er leitet die Fakultät für Soziale Entwicklung an der Universität Kapstadt und warnt, auch nach der Apartheid präge die Kolonialvergangenheit den südafrikanischen Staat. Der Bergbau etwa beschäftige immer noch Wanderarbeiter. Es herrsche eine krude Form des Kapitalismus vor, dem sozialstaatliche Institutionen nach westeuropäischem Vorbild fehlten. Dass zehn Prozent der Bevölkerung 90 Prozent der Vermögen kontrollierten, sei unakzeptabel. Zudem müsse die Rolle der Großindustrie in der Korruption untersucht werden. Noyoo findet, die Kirchen müssten soziale Gerechtigkeit mit größerem Nachdruck auf die politische Agenda setzen. Da 80 Prozent der Bevölkerung Südafrikas Christen seien, hätten sie großen Einfluss.

Verglichen mit den heutigen Problemen, war der Kampf gegen die Rassentrennung einfach. Das ist die Einschätzung von Sithembele Anton Sipuka, dem katholischen Bischof von Mthatha in der Eastern Cape Province. Weil sie offensichtlich grundlegende ethische Prinzipien verletzt habe, hätten sich die Kirchen gegen die Apartheid zusammengeschlossen. Heute sei es schwerer, eine gemeinsame Position zu beziehen – nicht zuletzt, weil manche Priester spirituellen Dingen und persönlichem Seelenheil mehr Bedeutung beimäßen.

Sipuka warnt zudem, Menschen neigten dazu, sich mit staatlichen Sozialleistungen zufriedenzugeben. Die Kirchen sollten deshalb die Gläubigen darüber aufklären, dass der Staat eine wichtige Aufgabe habe. Er müsse alle Menschen zu einem eigenständigen und selbstverantwortlichen Leben befähigen.

Zugleich sagt der Bischof, die Kirchen dürften in der öffentlichen Debatte nicht von oben herab predigen, sondern müssten auch zuhören. Er gesteht ein, Kritik in Medien und Zivilgesellschaft habe dazu beigetragen, dass die Kirche sexuelle Missbrauchsskandale eingestehe. Aus seiner Sicht profitieren alle Seiten von offener Debatte, bei der schwierigen Themen nicht ausgewichen wird.

In ähnlichem Sinne sagt Nico Koopman, ein Theologieprofessor von der Universität Stellenbosch, es gehe darum, staatsbürgerliche Verantwortung zu fördern. Kirchen sollten in dem Sinne „prophetisch“ sprechen, dass sie darstellen, wie die Dinge sein sollten. Zeitgenössische Theologen wollen zudem, dass sie „Zeugnis“ ablegen, womit sie meinen, dass klar formuliert werden soll, was in Staat und Gesellschaft falsch läuft.

Kritische Debatten sind eine Grundlage der Demokratie. Darin müssen sich Religionsgemeinschaften nach Meinung von Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratspräsidenten der Evangelischen Kirche in Deutschland, engagieren. Pfarrer dürften aber nicht arrogant auftreten und müssten Verständnis für Politiker zeigen, die schwierige Entscheidungen fällen müssten. Zugleich müssten Pastoren darlegen, welche Lösungen mit religiösen Grundlagen vereinbar sind.


Öffentliche Theologie

Bedford-Strohm ist dafür bekannt, dass er sich für die Rechte von Geflüchteten einsetzt. Weniger bekannt ist, dass er sich wünscht, die Medien würden auch regelmäßig erläutern, dass er diese Haltung aus dem Evangelium ableitet. Harte Grenzen und die Beschränkung von Migration seien im Gegensatz zur Nächstenliebe keine christlichen Prinzipien. Bedford-Strohm spricht von „öffentlicher Theologie“ (public theology) und will, dass die Kirchen ihre Werte nachdrücklich artikulieren.

Das gilt auch auf der internationalen Ebene, wie Bedford-Strohm im Rahmen einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing im Februar ausführte. Sie hätten schließlich globale Netzwerke. Folglich habe beispielsweise die Umweltenzyklika „Laudato Sí“ von Papst Franziskus weltweit Gehör gefunden. Der evangelische Theologe bewertet sie als stimmigen, glaubens-basierten Appell zur Bewahrung der Schöpfung.

Isabel Phiri vom Weltkirchenrat, einem Dachverband protestantischer und orthodoxer Kirchen, sieht das ähnlich. Eine Stärke der großen Konfessionen sei, die Kluft von Nord und Süd zu überbrückten.

Phiri weist darauf hin, dass die Kirchen wichtige Unterstützer der UN-Ziele für Nachhaltigkeit (Sustainable Development Goals – SDGs) sind. Diese Agenda betone soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und entspreche damit dem Auftrag der Kirchen. Kritiklose Akzeptanz der UN-Vorgaben lehnt Phiri jedoch ab. Kirchliches Engagement reiche auch oft weiter als die SDGs. Phiri bedauert den religiösen Analphabetismus vieler Regierungen, der dazu führe, dass Glaubensgemeinschaften das SDG-Motto, dem zufolge niemand zurückgelassen werden dürfe, oft ernster nähmen, als das Behörden tun.

 

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