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Sonnenenergie

Sonnenstrom aus der Wüste

von Ulrich Hueck
Solar thermal power is produced in large-scale plants, concentrating solar heat and transforming it in electricity: Parabolic mirror of an Egyptian power plant

Solar thermal power is produced in large-scale plants, concentrating solar heat and transforming it in electricity: Parabolic mirror of an Egyptian power plant

Ende des Jahres verbuchte Desertec einige Fortschritte. Die Initiative für sauberen Wüstenstrom will enger mit Medgrid aus Frankreich kooperieren; der arabische Frühling habe dem Projekt einen neuen Schub gegeben, heißt es außerdem. Einer der Gründer der Stiftung, Ulrich Hueck, erläutert jüngste Entwicklungen. Interview mit Ulrich Hueck

Desertec versucht in Nordafrika saubere Energie zu fördern. Worum geht es dabei?
Es geht um eine bedeutende Energiequelle: Das Potenzial der Sonnenenergie ist in den Wüstenregionen Nordafrikas und des Mittleren Ostens um ein Vielfaches größer als die Summe aller in Mitteleuropa erschließbaren regenerativen Energien.

Macht Photovoltaik dabei mehr Sinn als große Solarkraftwerke?
So einfach kann man das nicht sagen. Die DesertecFoundation setzt sich für einen großen, verlustarmen Stromverbund ein, der es ermöglicht, sauberen Strom aus erneuerbaren Energien vor allem dort zu erzeugen, wo besondere Standortvorteile bestehen. Photovoltaik lässt sich beispielsweise gut einsetzen, um netzferne Verbraucher zu versorgen oder Nach­fragespitzen durch Klimaanlagen um die Mittagszeit abzudecken. Luftgekühlte solarthermische Kraftwerke mit Wasser sparender Spiegelreinigung wiederum eignen sich besonders für den Einsatz in küsten­fernen Wüstenstandorten. Uns kommt es unverändert darauf an, erneuerbare Energien sinnvoll miteinander zu kombinieren, um Versorgungssicherheit und rechtzeitigen Klimaschutz zu erreichen.

Warum tun sich saubere Energien so schwer? Noch immer kündigen arabische Länder den Bau klassischer Kernkraftwerke an.
Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten Ende 2009 – noch vor Fukushima – vier Kernkraftwerke bestellt. Saudi-Arabien will bis 2030 insgesamt 16 neue Kernkraftwerke bauen. Die dortigen Entscheidungsträger wissen, dass ihre Ölvorräte endlich sind, während ihr Energieverbrauch steigt. Sie erhoffen sich aus der Kernenergie eine Lösung dieses existenziellen Pro­blems. Desertec ist ein ganzheitliches Lösungskonzept und steht dabei auch vor der Aufgabe, regenerative Energien durch attraktive Kosten, Leistung und Verfügbarkeit so wettbewerbsfähig zu machen, dass sie von den nüchternen Pragmatikern in diesen Ländern als ernstzunehmende Lösungen wahrgenommen werden. Das solarthermische Kraftwerk Gemasolar in Spanien kann seit Oktober 2011 dank eines Wärmespeichers rund um die Uhr knapp 20 Megawatt Strom erzeugen. Ein Unternehmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist an diesem Kraftwerk beteiligt. Man arbeitet also durchaus auch dort an Alternativen.

Welche Preisspanne ist zu überbrücken?
Für solarthermische Kraftwerke ist dies spekulativ, denn Sie müssen ja auch künftige Kostensteigerungen bei nichterneuerbaren Energien bedenken, die ebenfalls subventioniert werden. Eine Studie des Center for Global Development vom Dezember 2008 kommt zu dem Ergebnis, dass solarthermische Kraftwerke in der MENA-Region (Mittlerer Osten und Nordafrika) ungefähr noch bis 2020 Subventionen benötigen, um dann gegenüber Strom aus Kohle und Gas preislich konkurrieren zu können. Hoffentlich lässt sich dieser Zeitraum durch Innovationen deutlich verkürzen.

Versprechen bestimmte Länder größeren Erfolg bei der Nutzung der Solarenergie?
Das Desertec-Konzept für EU-MENA betrifft die Nutzung der Solarenergie in allen Ländern Nordafrikas und des Mittleren Ostens. Hinzu kommen Küstenregionen mit weitgehend konstant hohen Windgeschwindigkeiten. Marokko hat 2009 einen sehr anspruchsvollen Plan für die Nutzung von Sonne, Wind und Wasser vorgelegt: Mit einer Gesamtleistung von 6,5 GW soll der Anteil der elektrischen Leistung aus erneuerbaren Energien bis 2020 auf 42 Prozent der gesamten installierten Leistung des Landes steigen. Das Land will damit seine hohe Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren.

Im Jahr 2009 gingen Sie davon aus, dass der erste Wüstenstrom für Europa in acht Jahren fließt. Gilt dieser Zeitplan?
Auf Jahreszahlen kommt es weniger an. Viel wichtiger ist es, Solarenergie in Wüstenregionen so effizient zu erschließen, dass ein Verkauf von überschüssigem Strom möglichst rasch interessant wird.

Ägypten wollte 20 Prozent seines Strombedarfs bis 2020 aus erneuerbaren Energien decken. Ist das realistisch?
Die Frage ist weniger, ob das realistisch ist, sondern was getan werden muss, um ein solch anspruchsvolles Ziel zu erreichen.

Was haben die Revolutionen in Arabien bewirkt?
Sie haben uns vor Augen geführt, wie ungemein wichtig tragfähige wirtschaftliche Perspektiven für die Menschen in diesen Ländern sind. Ein wesentlicher Auslöser für diese Revolutionen ist Perspektivlosigkeit für große Teile der Bevölkerung.

Wie hängen Menschenrechte und der Demokratieaufbau heute zusammen mit technologischen Entscheidungen von Desertec?
Wenn mit der Umsetzung des ganzheitlichen Desertec-Konzepts eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse gelingt, kann sich dies wiederum positiv auf die politischen Verhältnisse und die Achtung der Menschenrechte auswirken.

Wie steht es um Konkurrenz für Desertec aus Frankreich? Das Industriekonsortium Medgrid plant gleichzeitig bis zu fünf Überseeleitungen nach Europa. Sitzen wirklich alle Europäer im selben Boot?
Medgrid ist keine Konkurrenz: Deren Vertreter und die Industrieinitiative Dii haben Ende November 2011 ein Kooperationsabkommen unterzeichnet. Im Weißbuch der Desertec Foundation vom Februar 2009 heißt es: „In 2050 könnten 20 bis 40 Stromleitungen jeweils mit einer Kapazität von 2500 bis 5000 MW etwa 15 % der europäischen Elektrizität mit sauberem Wüstenstrom liefern.“ Die konkrete Planung solcher Leitungen ist daher ein richtiger Weg. Alle Menschen sitzen im selben Boot, indem sie die „Batterie Erde“ durch die Verbrennung fossiler Energieträger unwiederbringlich entladen – und damit zugleich die Atmosphäre gefährlich aufheizen. Wir setzen uns als ­Stiftung für Lösungen zu diesen Problemen ein.

Die Fragen stellte Peter Hauff.