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Soziale Normen

Marginalisierte Mehrheit

von Seth Oteng, Susanne Giese

Meinung

Viele junge Afrikaner sind unzufrieden:  Straßenszene in Dakar.

Viele junge Afrikaner sind unzufrieden: Straßenszene in Dakar.

Die Youth Bridge Foundation (YBF) ist eine nichtstaatliche Organisation mit Sitz in Accra. Ihr Ziel ist es, junge Leute dazu zu bringen, mehr gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und von politischen Entscheidern mehr beachtet zu werden. Seth Oteng, Gründer und Direktor der YBF, erläuterte Susanne Giese in einem Interview seinen Ansatz.
"Es gibt die Geschichte von einer Ziege, die ein ganzes Jahr lang an einen Baum gebunden ist. Nimmt man die Leine ab, wird die Ziege trotzdem im bisherigen Radius fressen und schlafen. Afrikanische Jugendliche verhalten sich bildlich gesprochen oft wie diese Ziege. Wir versuchen junge Menschen dazu zu bewegen, aus sich herauszugehen."

Wie ist die YBF entstanden?
Als ich vom Studium in Deutschland und aus den Niederlanden nach Ghana zurückkehrte, bekam ich einen Managerposten in einer Personalabteilung. In dieser Position sprach ich viel mit jungen Leuten, deren Haltung mich sehr deprimierte. Sie zeigten keine Initiative, keinen Einsatz, keinen Eifer für die Arbeit. Auch politische Fragen interessierten sie nicht. Ihre Ausbildung und das, was der Markt erforderte, passten überhaupt nicht zusammen. Mir wurde klar, dass das ein echtes Problem war, und ich fragte mich: Was kann ich tun? Es gilt, die Kluft zwischen Jugend und Gesellschaft zu überbrücken. 2005 wurde die YBF offiziell registriert. Mit sozialen Aktivitäten begannen wir aber schon 2004 in Spintex, einer neuen, wachsenden, modernen Mittelklassegegend in Accra, in welche die Menschen von auswärts hinziehen. Spintex hat kein traditionelles Dorfleben. Die Menschen gehen nach der Arbeit in ihre Wohnungen. Feiertage verbringen die Familien meist mit Essen und Fernsehen. Hier organisierten wir ein „Kunst-Familien-Festival“, um Familien zusammenzubringen.

Was hat das mit der Apathie der Jugendlichen zu tun, die Sie beschrieben haben?
Nun, es geht darum, die Jugend dazu zu bringen, sich auszudrücken. Die Marginalisierung Jugendlicher ist in der afrikanischen Kultur tief verwurzelt. Das beginnt schon zu Hause. Die Kinder lernen in ihren Familien, zu schweigen, wenn die Erwachsenen sich unterhalten. Die Meinung der Jugend zählt nicht. Du darfst dich nicht äußern, also hast du auch keine Verantwortung. Und du bekommst Angst davor, dich mit Autoritäten anzulegen – es ist tabu. Der Erwachsene hat das letzte Wort. Wenn der Chef gesprochen hat, ist die Diskussion beendet. So geht das in der Schule weiter. Nie darfst du andeuten, dass ein Lehrer einen Fehler gemacht hat, und sei er noch so offensichtlich. Fragen zu stellen gilt als unhöflich,  und Erwachsene in Frage zu stellen als respektlos. Kinder haben keine Rechte im Klassenzimmer. Im Beruf geht das so weiter. Du darfst deinen Chef nicht in Frage stellen. Übrigens ist es diese bedingungslose Kultur des Gehorsams gegenüber Älteren und Vorgesetzten, die es jenen, die außerhalb Afrikas studiert haben, schwer bis unmöglich macht, zu Hause zurechtzukommen. Sie haben eine andere Welt kennengelernt. Sie wollen etwas verändern und ihre eigenen Ideen verwirklichen. So kommt es, dass viele Afrika frustriert wieder den Rücken kehren.

Seniorität hat also Vorrang?
Ja, und das setzt sich in der Politik fort. Selbst im Parlament bekommst du als junges Mitglied, das eine Frage aufwirft, zu hören: „Was weißt du schon? Wie alt bist du überhaupt?“ Darüber gibt es ein Sprichwort: Jeder war einmal ein Kind, aber nicht jedem gelingt es, erwachsen zu werden. In diesem kulturellen Umfeld ist das Thema Rechenschaftspflicht obsolet. Es gehört sehr viel Mut dazu, den Präsidenten zu fragen, was er mit den Staatseinnahmen macht. Andererseits waren 2012 bei den Wahlen in Ghana 58 Prozent der Wähler zwischen 18 und 35 Jahre alt. Wenn sich das Land gut entwickeln soll, darf man sie nicht ignorieren.

Angesichts der Apathie, die Sie beschrieben haben: Was bringt junge Menschen dazu, sich zu engagieren?
Zunächst gilt es, die Situation zu erkennen. Es hilft nicht, der Jugend Vorwürfe zu machen. Wir müssen ihr helfen zu begreifen, dass ihre Situation ungünstig ist, dass es aber einen Ausweg gibt. Man muss jungen Leuten aufzeigen, was sie erreichen können. Ihnen das Vertrauen geben, dass man sie begleitet und wenn nötig ihre Hand hält – sie zu motivieren, etwas zu verändern.

Sind sie denn überhaupt interessiert?
Man muss den Jugendlichen die Möglichkeit bieten, berufliche Fähigkeiten zu entwickeln. Wer die Chance erhält, etwas Praktisches zu lernen, nimmt diese wahr. So haben wir etwa eine Bergbaugesellschaft dafür gewinnen können, professionelle Schulungen in den umliegenden Dörfern zu finanzieren. Das lockt die jungen Leute an, die nicht untätig zu Hause sitzen wollen. Wir arbeiten an der Basis, also müssen wir ihre Sprache sprechen. Wir gehen an unterschiedliche Gruppen mit jeweils verschiedenen Ansätzen heran. Wir stellen erst den Kontakt mit ihnen her und sorgen dann dafür, dass sie sich wohl fühlen. Wir arbeiten auch mit bereits bestehenden Jugendgruppen und bringen über diese Informationen in Umlauf, etwa darüber, dass der Präsident einen Jugend-Entwicklungsfonds einrichten will – und wie man an diese Mittel herankommt. Das motiviert viele, aktiv zu werden. Afrikas Jugendliche haben gesehen, was in der Welt geschieht: der Arabische Frühling, Occupy Wall Street. Sie suchen nun auch eine Möglichkeit, ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Wir zeigen ihnen einen friedlichen Weg dafür. Wir laden die Leiter der Bezirksverwaltungen, traditionelle Chefs und sogar Minister zur Diskussion mit den Jugendlichen ein. Es inspiriert sie, wenn sie sagen können: „Wow, ich habe dem Präsidenten die Hand geschüttelt!“

Spielen die politischen Führer mit?
Am schönsten ist es, die Politiker zum Mitmachen zu bewegen. In ihren Ansprachen an das Volk oder bei der Afrikanischen Union machen sie großartige Aussagen. Daran erinnern wir sie: „Sie sagten, Ihre Regierung steht der Jugend offen”, oder:  „Sie haben die Bedeutung der Jugend für Ihre Regierung unterstrichen”. Wir bringen die Politiker dazu, die junge Öffentlichkeit wahrzunehmen und zu ihrer Rhetorik zu stehen.

Was sollte dabei vermieden werden?
Afrikanischen Regierungen ist es egal, wenn man aggressiv wird. Als Autokrat bezeichnet zu werden ist keine Beleidigung. Man muss eine Plattform schaffen, auf der Politiker und Jugendliche zusammenkommen. Man muss die jungen Leute so aufbauen, dass sie ihre Meinung auch sagen, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Es gibt die Geschichte von einer Ziege, die ein ganzes Jahr lang an einen Baum gebunden ist. Nimmt man die Leine ab, wird die Ziege trotzdem im bisherigen Radius fressen und schlafen. Afrikanische Jugendliche verhalten sich bildlich gesprochen oft wie diese Ziege. Wir versuchen junge Menschen dazu zu bewegen, aus sich herauszugehen. Politische Bildung ist laut YBF-Satzung unser Ziel. Wir geben jungen Menschen als Diskussionsgrundlage Zahlen und Fakten an die Hand, erklären ihnen, wie man recherchiert und seine Interessen anhand von nachweisbaren Inhalten vertritt.

Die Youth Bridge Foundation hat kürzlich einen Runden Tisch organisiert, um ein nationales Jugendparlament – kurz NYP – zu gründen. Worum geht es da?
Die African Youth Charter ist ein Abkommen, das etwa 40 afrikanische Länder, inklusive Ghana, unterzeichnet haben. Nach Paragraph 11 der Charta sollen die Staaten Modelle entwickeln, um junge Menschen in Entscheidungen einzubeziehen und nationale Jugendparlamente aufzubauen. Das Problem ist, dass die Jugendlichen nicht die Fähigkeit besitzen, ihre Forderungen entsprechend zu äußern. Viele wissen nicht einmal, dass diese Charter existiert – die meisten Länder haben also auch kein NYP. Ghana hat versucht, ein solches aufzubauen, aber es gab Schwierigkeiten.

Welche Art von Schwierigkeiten waren das?
Am 17. August 2012 verkündete der Minister für Jugend und Sport, Clement Kofi Humado, dass die ghanaische Regierung ein NYP einrichten wolle, aber nicht die nötigen Mittel dafür habe. Es geht jedoch nicht nur um die Finanzierung, sondern auch um Strukturen und Vorgehensweisen. Die National Youth Authority (NYA) startete den NYP-Prozess, konnte ihn aber nicht zu Ende bringen. Also hatten wir als Zivilgesellschaft die Aufgabe, weitere Interessengruppen zur Mitwirkung zu finden. Wir recherchierten, verfassten ein Hintergrundpapier und organisierten einen Runden Tisch. Wir bitten um mehr Mitwirkung. Wir sind noch nicht am Ziel, aber wir tragen dazu bei, die Diskussion voranzutreiben. Wir können nicht nur die afrikanischen Regierungen dafür verantwortlich machen, NYPs einzurichten. Auch die Zivilgesellschaft muss ihren Beitrag leisten und konkrete Pläne zum Aufbau nachhaltiger NYPs entwickeln. Der aktuelle Jugendminister, Elvis Afriyie Ankrah, hat seine Bereitschaft zur Mitarbeit seinerseits signalisiert.

Die YBF ist auch außerhalb von Ghana aktiv geworden. Warum sind Sie so interessiert an internationalen Netzwerken?
Weil es viel zu lernen gibt. Innerhalb Afrikas ähneln sich die Probleme. Natürlich ist jedes Land so unterschiedlich, wie die Finger an einer Hand verschieden lang sind. Wir haben aber alle gleiche Trends: Die jugendliche Bevölkerung wächst enorm schnell und wird zugleich marginalisiert. Die junge Generation hält den Schlüssel zum pan-afrikanischen Traum unserer Großväter in den Händen. Wir können Kompetenzen aufbauen, indem wir voneinander lernen und Erfahrungen austauschen. Ich möchte das Netzwerk auch gern über Afrika hinaus spannen.

Warum?  
Wir müssen beispielsweise mit unseren europäischen Partnern in Kontakt bleiben, denn unsere Kontinente sind seit langem miteinander verbunden. Wir sind dankbar für die Unterstützung deutscher Institutionen. Und das ist erst der Anfang. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch China Interesse an Afrika hat. Meine Vision ist ein internationales Jugend-Entwicklungszentrum in Accra.