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Hitze

Grausamer Sommer

von Boro Baski

Heutzutage

Boro Baski

Boro Baski

Die heiße Jahreszeit ist im ländlichen Indien die härteste – viele Adivasis sind ihr schutzlos ausgeliefert.

Eine Rekordhitzewelle ist kürzlich zu Ende gegangen. Im Mai stiegen die Temperaturen in Zentralindien auf 48 Grad Celsius. Daraus folgten viele Unannehmlichkeiten, ausgefallene Schultage und Stromausfälle.

In unseren Adivasidörfern in Westbengalen ist der Sommer eine harte Zeit. Typisch für diese Jahreszeit sind verdorrtes Gras auf den Feldern, entlaubte Bäume, ausgetrocknete Teiche, rissige Böden, heißer Wind und sogar Todesfälle wegen Hitzeschlag. Mittags ist es am schlimmsten. Das Brüllen durstiger Kühe und Büffel schallt durch die Dörfer. Die leidenden Tiere lecken sogar ihren eigenen Urin auf.

In diesem Jahr habe ich erlebt, was Sommer für Santals, wie unsere Stammesgemeinschaft heißt, in Khiribari, einer abgelegenen Gegend des Bundesstaates Jharkhand, bedeutet. Sie haben keine Elektrizität – dafür aber ein gewaltiges Wasserproblem. An einem engen Brunnenschacht ist mir das neunjährige Mädchen Lakhi Murmu begegnet. Sie wollte dort mit einem Tontopf, einem Eimer und einem Seil Wasser holen, das nur sehr spärlich, Tropfen für Tropfen floss. Sie sagte mir, dass es Stunden dauerte, den Topf zu füllen. „Meine Mutter ist krank und konnte kein Wasser holen, deshalb muss ich das heute machen.“ Die anderen Leute aus dem Dorf hatten diese Aufgabe schon vor Sonnenaufgang erledigt. Kinder, alte Menschen und Nutztiere sind der Hitze schutzlos ausgeliefert. Die Leute suchen im Schatten von Bäumen Kühlung und vertrödeln ihre Zeit. Manche machen auch etwas Handarbeit und flechten Körbe oder binden Besen.

Ich fragte einen alten Mann in Khiribari, wie die Sommer vor einem Jahrzehnt waren. Er berichtete mir, das es früher besser war: „Unser Dorf hatte alles: fruchtbares Land, grünes Gras und ausreichend Fische und Schalentiere im Fluss.“ Deshalb hätten die Vorfahren den Ort für das Dorf ausgewählt. „Jetzt haben wir aber alles verloren“, fuhr er fort, „Ob Gott uns vielleicht vergessen hat?“ Er weiß nicht, dass nicht Gott, sondern Menschen für den Klimawandel verantwortlich sind. Für Santaldörfer ist der Unterschied auch nicht groß. Die marginalisierte Landbevölkerung muss erdulden, was sie nicht beeinflussen kann.

Trotz aller Härten freuen sich Santals aber auch auf den Sommer. In dieser Zeit werden freudige Feste gefeiert, beispielsweise „Bapla“ – so heißen unsere Hochzeiten.

Wenn der Wind heiß bläst, sind auf dem Land die Hochzeitstrommeln zu hören. Das ganze Dorf ist in die Rituale und Festlichkeiten einbezogen, die sich über fünf Tage und Nächte hinziehen. Es wird gesungen, getanzt und Reisbier getrunken. Die Trommeln sind kilometerweit zu hören, und die Leute kommen von nah und fern um mitzufeiern. Die härteste Jahreszeit ist also auch eine Zeit der Freude. Jedes frischvermählte Paar gibt dem Dorf neue Kraft, denn es beweist, dass das Leben weitergeht.

Dennoch sehnen wir uns alle nach der nächsten Jahreszeit und warten darauf, dass Blitz und Donner hinter großen schwarzen Wolken den Monsun ankündigen. Wenn der Regen beginnt, ist die schlimmste Hitze vorüber – und das löst große Freude aus.

 

Boro Baski ist Lehrer und Sozialarbeiter bei der Selbsthilfeorganisation  Gosaldanga Adibasi Seva Sangha im indischen Bundesstaat Westbengalen. 
[email protected]