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Kommentar

Konflikte in Zivilisationen

von Hans Dembowski

Meinung

Mehr als eine Million Menschen – darunter viele Muslime – bekannten sich in Paris am 11. Januar zu republikanischen Werten.

Mehr als eine Million Menschen – darunter viele Muslime – bekannten sich in Paris am 11. Januar zu republikanischen Werten.

Kurz nach ihrer Teilnahme an der Demonstration in Paris, die nach den Terrorangriffen auf Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt republikanische Werte bekräftigte, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Recht gesagt, der Islam gehöre zu Deutschland.

Es wäre grundfalsch, die Gewalt irgendwie als „Zusammenstoß von Zivilisationen“ zu interpretieren. Es geht um Konflikte innerhalb von Zivilisationen. Die Pariser Mörder waren französische Staatsbürger. Die Kouachi-Brüder, die die Charlie-Hebdo-Redaktion angriffen, wuchsen nicht bei frommen Eltern auf, sondern in einem Waisenhaus. Ihre Entfremdung verrät uns mehr über das Versagen dieser französischen Institution als über „den“ Islam.

Noch wichtiger ist, dass im Januar Muslime die überwiegende Mehrheit der Opfer islamistischer Gewalt stellten. Sie starben in Nigeria, Pakistan, Irak, Syrien und anderen Ländern. Jedes Gerede vom Zusammenstoß der Zivilisationen missachtet ihr Leid – und das ihrer Familien.  

Es ist nicht wahr, dass Menschen nur eine einzige Identität hätten, wie das fundamentalistische Extremisten ebenso behaupten wie rechtslastige Nationalisten. Der Islam ist kein geschlossener Block, sonst gäbe es keine Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten oder zwischen verschiedenen sunnitischen Stämmen. Auch das Christentum ist nicht homogen – in Nordirland steht immer noch nicht völlig fest, dass alle Katholiken und Protestanten friedlich zusammenleben wollen. Der „europäische Patriotismus“, auf den sich islamophobe Demonstranten in Deutschland derzeit berufen, wäre noch vor 70 Jahren absurd erschienen. Angesichts der Nazi-Verbrechen hätten 1945 auch nur wenige Juden bestätigt, dass sich Deutschland durch eine christlich-­jüdische Kultur auszeichne. Was als Nation verstanden wird, ist eben nicht statisch.

Migration ist ein uraltes Phänomen. Genetisch homogen sind allenfalls sehr kleine Völker. Ein sinnvolles Konzept ist, wie in Nord- und Südamerika schon lange üblich, allen in einem Land geborenen Menschen die Staatsbürgerschaft zu geben.   

Demokratien halten sich an Werte, die unter anderem auf die Revolutionen in Frankreich und Amerika zurückgehen. Es gibt aber Unterschiede. Die Gründer der USA entschieden sich für Säkularismus, weil sie nicht wollten, dass ihre junge Republik von der Art religiöser Säuberungen heimgesucht würde, welche die englische Geschichte geprägt hatten. Der Staat sollte deshalb gleichen Abstand zu allen reli­giösen Lehren halten. Der französische Laizismus hat eine andere Geschichte. Weil die katholische Kirche eng mit der Monarchie verbunden war, wandte sich die Französische Revolution auch direkt gegen den Klerus. 200 Jahre später ist die politische Kultur der beiden Nationen nicht gleich. In den USA gilt alles als unkorrekt, was als „hate speech“ ausgelegt werden kann. In Frankreich ist dagegen auch bissiger Spott über irrationalen Glauben heute noch beliebt.  

Grundsätzlich müssen Menschen – und besonders Publizisten – frei sagen dürfen, was sie wollen. Deshalb muss aber nicht alles, was gesagt werden darf, auch tatsächlich gesagt werden. Intelligente Selbstbeschränkung ist für das soziale Leben nützlich. Karikaturistenmorde sind aber durch nichts zu rechtfertigen.  

Leider haben antiislamische Witze in Frankreich einen identitätspolitischen Unterton, und Identitätspolitik läuft oft darauf hinaus, dass eine selbsternannte Mehrheit Dominanz fordert und sich gegen Minderheiten wendet. Muslime sind in Frankreich eine große, benachteiligte Minderheit. Der Front National und andere fremdenfeindliche Kräfte attackieren sie immer wieder – und zwar nicht nur verbal. Das rechtfertigt selbstverständlich keine islamistische Gewalt. Diskriminierung hilft aber auch nicht, solche Gewalt einzudämmen.

Viele Menschen, die sich in Krisenzeiten bedroht fühlen, suchen Sündenböcke. Das trifft nicht nur Muslime, sondern auch Juden, Flüchtlinge und andere Minderheiten. Auch Aggressionen zwischen Minderheiten oder gegen die selbsternannte Mehrheit kommen vor. Frankreichs Premierminister Manuel Valls sagt, seine Nation müsse die Apartheid, die Muslime ausgrenzt, überwinden. Das stimmt. Es würde helfen, wenn sein Land allen dort lebenden Menschen solide berufliche Perspektiven verschaffen würde. Das gilt selbstverständlich für jede Nation.

Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z/D+C.
[email protected]

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