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Klimafolgen

Klimaforschung kann helfen, Tod und Zerstörung zu verhindern

von Saleemul Huq, Hans Dembowski

Hintergrund

Viele Menschenleben werden gerettet. Frauen auf dem Weg zum Sturmbunker am 20. Mai 2020.

Viele Menschenleben werden gerettet. Frauen auf dem Weg zum Sturmbunker am 20. Mai 2020.

Wie der Klimaforscher Saleemul Huq aus Bangladesch in unserem Interview erläutert, wollen die Vertreter der besonders verwundbaren Länder beim Klimagipfel in Glasgow Fortschritte in drei Bereichen sehen: ehrgeizigere Emissionsreduktionen, die Erfüllung alter Finanzversprechen und Solidarität im Blick auf Klimaschäden.

Bangladesch ist Klimarisiken besonders ausgesetzt. Was muss der Klimagipfel im Herbst erreichen?
Zuerst möchte ich sagen, dass Bangladesch zurzeit das Climate Vulnerable Forum (Forum der klima-verletzlichen Länder) mit etwa 50 Mitgliedern anführt. Unsere Regierung spricht also nicht nur für unser Land, sondern auch für andere. Es stimmt, dass Bangladesch Klimarisiken in besonders hohem Maß ausgesetzt ist, aber wir haben auch große Fortschritte bei der Anpassung daran gemacht. Unsere Deltalandschaft erlebt regelmäßig Hochwasser, und unsere Küste ist Wirbelstürmen ausgesetzt. Das Frühwarnsystem ist aber viel besser geworden, weshalb Zyklon Amphan im Mai 2020 nur ein paar Dutzend Menschen tötete, während 3 Millionen Menschen rechtzeitig Sturmbunker aufsuchten. Zum Vergleich: 1991 tötete ein ähnlicher Zyklon rund 100 000 Menschen. Wir haben mit eigenem Geld einen Climate Trust Fund im Wert von 100 Millionen Euro eingerichtet. Etwa acht Prozent unseres nationalen Haushalts fließen in Klimaschutz und -anpassung. Staat und Zivilgesellschaft sind klimapolitisch engagiert. Zuletzt haben junge Leute bei Fridays for Future gegen neue Kohlekraftwerke protestiert, und die Regierung hat tatsächlich entsprechende Pläne gestrichen, setzt allerdings bereits begonnene Bauvorhaben fort. Die nationale Klimastrategie soll unser Land 2030 zu einem von denen machen, die dem Treibhauseffekt am besten widerstehen können.

Und was muss Glasgow aus Sicht des Climate Vulnerable Forum bringen?
Wir brauchen Fortschritte in drei Bereichen:

  • ehrgeizigere Ziele für die Reduktion von Emissionen, und zwar besonders in Ländern mit hohem CO2-Ausstoß, einschließlich der Schwellenländer,
  • die Einhaltung alter Finanzzusagen und
  • Konzepte für das umstrittene Thema Verluste und Schäden (loss and damages), weil die Folgen des Klimawandels immer verheerender werden.

Im Pariser Klimaabkommen hat die internationale Gemeinschaft vereinbart, den weltweiten Temperaturanstieg auf höchstens zwei Grad und wenn möglich auf nur 1,5 Grad zu begrenzen. Die großen Luftverschmutzer haben dem zugestimmt, nun müssen sie entsprechend handeln. Es ist klargeworden, dass wir uns zwei Grad nicht leisten können. Weltweit sind die Temperaturen bereits um ein Grad gestiegen, und wir erleben Katastrophe auf Katastrophe: Waldbrände, Hitzewellen, Dürren, Hochwasser, Wirbelstürme, Schneestürme und so weiter. Um es ganz klar auszusprechen: 1,5 Grad zu überschreiten bedeutet Zerstörung und Tod. Unter dieser Schwelle zu bleiben mag schwierig sein – es ist aber möglich. Die Menschheit hat die nötige Technik, die nötigen Mittel und das nötige Geld dazu. Jetzt brauchen wir noch den politischen Willen.

Welche Finanzforderungen stehen im Raum?
Am wichtigsten ist es, dass die reichen Nationen bestehende Versprechen einhalten. Beim Klimagipfel in Kopenhagen sagten sie jährlich von 2020 an 100 Milliarden Dollar für Klimaschutz und-Anpassung zu. Das Versprechen erneuerten sie 2015 in Paris. Erfüllt haben sie es nicht. Tatsächlich flossen 2020 nur 70 Milliarden bis 80 Milliarden Dollar. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil diese Finanzströme nicht systematisch erfasst werden. Das Versprechen bezog sich auf sämtliche Posten – von Privatinvestitionen über Entwicklungshilfe (Official Development Assistance – ODA) bis hin zu wohltätigen Spenden. Entsprechend schwer ist es, aussagekräftige Statistiken zu erstellen. Das Ausbleiben von versprochenem Geld enttäuscht Partner und unterhöhlt ihr Vertrauen. Die existierenden Daten besagen zudem, dass etwa 80 Prozent der ausgezahlten Mittel in den Klimaschutz geflossen sind. Schwellenländer mit hohen Emissionen haben also mehr Förderung bekommen als verletzliche Entwicklungsländer mit hohem Klima-Anpassungsbedarf. Aus unserer Sicht muss mindestens die Hälfte des Geldes in Anpassung fließen. Jedenfalls muss Glasgow sicherstellen, dass 2021 tatsächlich 100 Milliarden fließen und dass das die ausstehenden Milliarden für 2020 auch noch ausbezahlt werden.

Obendrein fordern Sie vermutlich Schadenersatz für eingetretene Desaster?
Das würden wir tatsächlich gerne tun, aber wir dürfen es nicht. Die US-Delegation bestand 2015 in Paris darauf, dass Schadenersatz (liability and compensation) nicht auf die Tagesordnung kommt. Diesen Preis haben wir dafür bezahlt, dass der Punkt „losses and damages“ ins Abschlussdokument aufgenommen wurde. Das war sehr wichtig, denn mittlerweile war klar, dass die Maßnahmen für Klimaschutz und -anpassung nicht ausreichen, um Massen von Menschen wirksam vor verheerenden Klimafolgen zu schützen. Den Opfern steht Unterstützung zu – und auch das zeigt die Erfahrung mit Zyklon Amphan. Wir haben zwar die Todeszahlen dramatisch reduziert, aber der Sturm hat massenhaft wirtschaftliche Existenzen zerstört. Ganze Dörfer wurden vernichtet. Salzwasser überschwemmte Felder, auf denen Landwirtschaft nicht mehr möglich ist. Bauern verloren ihr Vieh, Fischer ihre Boote und Handwerker ihre Werkstätten. Die Landflucht in die Städte war immens, und viele Klimaflüchtlinge können immer noch nicht heimkehren.

Nach dem Verursacherprinzip wären Schadenersatzforderungen juristisch plausibel.
Ja, selbstverständlich, und Rechtsverfahren, in denen amerikanische Geschädigte wegen Klimafolgen Schadenersatz fordern, laufen in den USA auch schon. Die Klimaschäden nehmen weltweit zu. Wir müssen damit umgehen. Ich denke, wir können dieser Aufgabe ohne juristische Schadenersatzverfahren gerecht werden, wenn wir uns auf Solidarität besinnen. Entscheidend ist, anzuerkennen, dass es Opfer gibt und dass die Verursacher in der Verantwortung stehen, etwas zu tun. Wenn alle Parteien das einsehen, sind Lösungen möglich.

China ist mittlerweile der größte Emittent von Klimagasen weltweit, aber die Regierung in Peking tut gern so, als spreche sie für alle Entwicklungsländer. Wie beurteilen Sie die Rolle der Volksrepublik?
China wird immer mehr zur Weltmacht und nicht nur zum Anführer von Entwicklungsländern. Donald Trump hat diese Entwicklung als US-Präsident in den vergangenen vier Jahren beschleunigt, und ich bezweifele, dass sein Nachfolger Joe Biden die alte Balance wiederherstellen kann. Die Katze ist aus dem Sack, und das Szenario ist zwiespältig. Positiv ist, dass China daheim erneuerbare Energien schnell ausgebaut hat. Negativ ist, dass es im Ausland weiter fossile Vorhaben gefördert hat. Manche aktuelle Entwicklungen beunruhigen – und zwar besonders die Unterdrückung der muslimischen Uiguren. Derweil ist China aber zu einem wichtigen, wenn nicht dem wichtigsten Partner für viele Entwicklungsländer geworden. Wenn Vorhaben im Rahmen seines Förderprogrammes BRI (Belt and Road Initiative – neue Seidenstraße) gut ausgeführt werden, werden sie sehr nützlich sein. Andernfalls werden sie aber immensen Schaden anrichten. Insgesamt neige ich aber zu Optimismus. In Klimaverhandlungen dürfte sich China als konstruktiver Partner erweisen.

Weshalb denken Sie das?
Es gibt zwei Gründe:

  • Chinas Regierung ist pragmatisch. Sie weiß, dass die Preise für erneuerbare Energien fallen, während fossile Ressourcen ständig teurer werden. China hat zu diesem Trend mit Investitionen in Wind-, Solar- und Speichertechnik aktiv beigetragen. Der Aufwand bei der Suche nach neuen Öl- oder Gasfeldern steigt unterdessen ständig. Ökonomisch gesehen, sind Erneuerbare die bessere Wahl. China wird seine bestehende fossile Infrastruktur nicht sofort stilllegen, aber es arbeitet zügig am Aufbau einer saubereren Infrastruktur.
  • Die Volksrepublik ist ausgesprochen klimaverletzlich. Den Modellen zufolge werden bei steigenden Temperaturen Dürren die Reis- und Weizenernte zunehmend bedrohen. Chinas Spitzenpolitiker hören auf Wissenschaftler und wissen, dass für ihr Land eine um zwei Grad wäremere Zukunft sehr schlecht wäre.

In den vergangenen 18 Monaten hat die Corona-Pandemie international Aufmerksamkeit von der Klimakrise abgelenkt. Gibt es Lehren daraus?
Ich finde, die wichtigste Lehre ist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse wichtig sind. Regierungen, die darauf achten, haben ihre Bevölkerungen großenteils vor dem Virus schützen können – mit Neuseeland als leuchtendem Beispiel. Regierungen, die auf den Rat von Forschern keinen Wert legten, haben dagegen ihre Bürger buchstäblich umgebracht – wofür Trump das offensichtlichste Beispiel ist. Seit vier Jahrzehnten klären Wissenschaftler Politiker über den Klimawandel auf. Letztere handelten dennoch zu langsam, um absehbare Schäden zu vermeiden. Es ist höchste Zeit, wissenschaftliche Evidenz zu akzeptieren und Partikular­interessen weniger Gehör zu schenken.


Saleemul Huq leitet das International Centre for Climate Change and Development (ICCCAD) an der Independent University Bangladesh (IUB) in Dhaka.
[email protected]
http://www.icccad.net/

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