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Fachliteratur

Mehr Ökolandbau in Subsahara-Afrika

von Susanne Neubert

Hintergrund

Pflügen schadet den Böden: Äthiopischer Bauer.

Pflügen schadet den Böden: Äthiopischer Bauer.

Es ist sehr schwer, ökologischen Landbau in Afrika zu etablieren, auch wenn er im Vergleich zum konventionellen Landbau viele Vorteile bietet. Ein Hauptproblem in regenärmeren Gebieten ist, ausreichend Biomasse für eine organische Bodenbewirtschaftung zu erzeugen. Daher ist es zwingend nötig, die Aufwertung degradierter Flächen mit spezifischen Fördermaßnahmen zu stützen.

Die kleinbäuerliche Landwirtschaft Subsahara-Afrikas benötigt wesentlich höhere Flächenerträge, wenn sie ihre Existenz sichern und die anwachsende Bevölkerung in Zukunft ernähren möchte. Gleichzeitig benötigt sie auch eine höhere Rentabilität einhergehend mit einer höheren Resilienz gegenüber Klima- und Preisschocks (World Development Report 2008).

Bis heute sind konventionelle Betriebsmittel wie Hochertragssaatgut, Mineraldünger und Pestizide für afrikanische Kleinbauern nicht ausreichend verfügbar und häufig trotz Subventionen kaum bezahlbar. Außerdem ist ihr Einsatz aufgrund der hohen Klima- und Preisvariabilität und des oft nicht ausreichenden Knowhows zudem mit ökonomischen, ökologischen und gesundheitlichen Risiken behaftet. Dies alles spricht für die stärkere Verwendung eigener, organischer Dünger wie Mist, Kompost, Mulch oder Gründüngung. Hinzu kommt, dass die Naturressourcen, insbesondere fruchtbare Böden, Wasservorkommen, aber auch die Biodiversität, Wald und Weidegründe, in Afrika so dramatisch abnehmen wie auf keinem anderen Kontinent. Ihre nachhaltige Bewirtschaftung oder ihre Rehabilitierung müssten daher neben einer ertragreicheren Landwirtschaft höchste Priorität haben.

Derzeit werden im entwicklungspolitischen Umfeld mehrere ökologisch nachhaltige landwirtschaftliche Managementsysteme diskutiert, die gleichzeitig auf mehr Flächenertrag abzielen. Die wichtigsten sind:

  • Sustainable Intensification (SI – ökologische oder nachhaltige Intensivierung),
  • Conservation Agriculture (CA – konservierende Landwirtschaft) und
  • Climate Smart Agriculture (CSA – klimaintelligente Landwirtschaft).
  • Während Sustainable Intensification (Garnett, Charles, Godfray 2012) nur unscharf mit „yields are increased without adverse environmental impact and without the cultivation of more land“ beschrieben wird, sind CSA und CA konkreter durch die Food and Agriculture Organization (FAO) definiert und stehen jeweils auf drei Säulen. CSA basiert auf:
  • höherem Einkommen,
  • Anpassung an den Klimawandel und
  • Minderung von Treibhausgasen.

CA ist definiert über eine:

  • minimale Bodenbearbeitung/Verzicht auf den Pflug,
  • permanente Bodenbedeckung und
  • Einhaltung einer Fruchtfolge.

Alle Methoden sind grundsätzlich global ausgerichtet, können aber regionenspezifisch angepasst werden. Übereinstimmend zielen alle ökologisch nachhaltigen Systeme für Kleinbauern auf die stärkere Verwendung lokaler Betriebsmittel und den Verzicht auf oder die sparsame Verwendung von High External Inputs, das heißt konventionelle oder chemisch-synthetische Betriebsmittel. Für alle Ansätze ist die Stärkung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit zentral, das heißt eine Anreicherung des Bodens mit organischer Substanz (Humus) und damit auch die Festlegung von Kohlenstoff im Boden.

Effekt eines organischen Bodens ist unter anderem ein verbesserter Wasserhaushalt (bessere Infiltration und Speicherung), da die mineralischen Bestandteile des Bodens mit Hilfe der organischen Substanz Komplexe bilden, die Bodenerosion minimieren und Wasser speichern.

Die Unterschiede zwischen den Ansätzen liegen in der unterschiedlichen Betonung einzelner Elemente. Conservation Agriculture konzentriert sich auf den Bodenschutz, insbesondere das Unterlassen des Pflügens, während sich Climate Smart Agriculture auf rentable Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel konzentriert. In der Praxis ist dies oft das Gleiche. Dafür ist ein mit organischer Substanz angereicherter Boden die Voraussetzung, denn er erodiert weniger schnell und kann sowohl Starkregen als auch einen Mangel an Niederschlägen besser abfangen beziehungsweise abpuffern.


Keine Zertifizierung

Bei allen genannten nachhaltigen Anbausystemen werden weder Anbaukontrollen noch Zertifizierungen der Produkte durchgeführt. Daher können Kleinbauern auch keine höheren Preise für die Produkte verlangen. Das macht aus Konsumentensicht Sinn, denn es soll kein Nischenmarkt für Reiche in Ländern geschaffen werden, in denen Hunger und Armut verbreitet ist.

Umgekehrt bedeutet die fehlende Zertifizierung, dass es für die kleinbäuerlichen Betriebe keine Preisanreize gibt, nachhaltige Anbauweisen umzusetzen. Sie müssen diese aus eigener Überzeugung, aus Wirtschaftlichkeitserwägungen oder im Rahmen von Entwicklungsprojekten verfolgen. Dabei besteht die strukturelle Gefahr, dass ein Teil der Anbauprinzipien in der Praxis nach und nach, zum Beispiel nach dem Auslaufen der Förderung, wieder weggelassen wird. Eine solche Verwässerung ist bei CA und CSA tatsächlich zu beobachten und wird in der Öffentlichkeit auch kritisch diskutiert.

Im Unterschied dazu hat der ökologische Landbau (ÖL) als Einziger klare Richtlinien. Ursprünglich wichtigstes Ziel war die Produktion gesunder Lebensmittel. Der Natur- und Nachhaltigkeitsgedanke spielt inzwischen jedoch auch eine sehr wichtige Rolle. Hauptsächlich geht es dem Ökolandbau um die Schließung von Nährstoffkreisläufen, chemisch-synthetische Mineraldünger und Pestizide sind gänzlich verboten. Die Einhaltung der Anbaurichtlinien wird von Verbänden kontrolliert und durch die Zertifizierung können Preise realisiert werden, die deutlich über denen konventioneller Produkte liegen. Allerdings erzielt der ÖL in Europa durchschnittlich 20 Prozent geringere Erträge als der konventionelle Landbau. Der Ertragsunterschied rechtfertigt auch die höheren Preise.

Die Verbreitung des zertifizierten ökologischen Landbaus in Afrika ist bis heute sehr gering und liegt bei rund 0,1 Prozent (Hesse et al. 2009). Der ÖL ist dort zudem fast ausschließlich auf Exportprodukte begrenzt, denn nur in diesem Rahmen können die Standards kontrolliert und die höheren Preise erhoben bzw. bezahlt werden.

Der ökologische Landbau in Afrika für den inländischen Markt wird auch ohne Zertifizierung diskutiert. Ein wichtiges Argument dafür ist, dass die Ertragsunterschiede zwischen konventionellem Landbau und ÖL in tropischen Ländern kleiner sind oder gar nicht existieren, je nachdem, wie die genauere Praxis ist. Manchmal erbringt der ÖL sogar höhere Erträge mit geringen Kosten (De Ponti 2012). Dies bedeutet, ÖL könnte rentabler für Kleinbauern sein als konventioneller Landbau und für die Produkte müssten auch keine höheren Preise angesetzt werden. Die Zertifizierung wäre vom Tisch.

Wenn dies so ist, warum wird ökologischer Landbau dann in der afrikanischen Praxis nicht sehr viel häufiger umgesetzt? Es stehen einige Hindernisse im Wege. Alle genannten nachhaltigen Landbau­systeme beruhen im Kern auf dem Aufbau der organischen Substanz im Boden. Im ÖL wird traditionell Tiermist einbezogen, in tierarmen Regionen konzentriert man sich auf die Gründüngung, das Mulchen, das Pflanzen von Bäumen oder die Kompostierung.


Geringe Niederschläge

Der Aufbau der organischen Substanz ist jedoch nicht so einfach, denn sie benötigt Niederschläge. Vor allem in Regionen mit einer einzigen, kürzeren Regenzeit, die in Afrika große Regionen betreffen, kann dies ein großes Problem darstellen. Im Gegensatz zu temperierten Zonen, wo die Niederschläge so verteilt sind, dass Zwischenkulturen eigens zum Unterpflügen angebaut werden können, ist dies in den afrikanischen Ackerbauregionen oft nicht möglich. Stattdessen müssen zeitlich parallel Mischkulturen angebaut werden, die dann oft mit der Hauptkultur konkurrieren. Eine weitere Strategie sind Baumpflanzungen. Hier fehlen oft geeignetes Saat- und Pflanzgut und Knowhow sowie Arbeitskapazitäten für die Bewirtschaftung der zusätzlichen Kulturarten. Außerdem sind die Investitionskosten recht hoch.

Auch Tierdung fällt in der Regel in viel zu geringen Mengen an. Typische Betriebe besitzen nur wenige Kleintiere und halten diese zumeist ohne Stall, so dass der Dung immer wieder gesammelt werden müsste. Zudem sind oft keine Transportmittel verfügbar, das heißt, der Dung müsste per Hand auf die Felder verbracht werden, was sehr aufwändig ist. Quantitativ relevanter wäre das Einbringen von Rinderdung. Rinder in relevanter Stückzahl werden jedoch nur von den Viehhirten gehalten. Diese leben aber meist in einer Konkurrenzbeziehung zu den Ackerbauern. Hier funktionierende Win-win-Systeme wieder zu etablieren, in denen Ackerbauer und Viehhirten vom Dung beziehungsweise den Pflanzenresten profitierten, wäre sinnvoll, ist aber aufgrund der politischen Situation in den meisten geeigneten Ländern derzeit schwierig.

Fazit ist, dass alle nachhaltigen Landbaumethoden sowohl mit als auch ohne Zertifizierung in Subsahara-Afrika schwierig umzusetzen sind. Es bedarf dafür oft eines Mehraufwands an Arbeitskraft, die eh knapp ist und es bedarf Innovationen. Dazu ist Unterstützung auf mehreren Ebenen nötig:

  • Etablierung einer geeigneten fördernden Agrarpolitik und kompetente Beratung,
  • Forschung im Rahmen ökologisch nachhaltiger Anbausysteme für semi-aride kleinbäuerlich strukturierte Regionen,
  • Kredite für Transportmittel zur Verbringung von Mist und Kompost,
  • Geräte zur minimalen Bodenbearbeitung (als Ersatz für den Pflug) und zur Unkrautbekämpfung (unorthodoxerweise villeicht sogar Herbizide) zur Arbeitserleichterung,
  • Subventionen für den Kauf von geeignetem Saatgut für Unterkulturen und für geeignete Baumspezies sowie
  • gezielte Subventionen (E-Voucher) für andere Hilfsmittel der Bodenverbesserung.

Besonders unter bereits degradierten Bodenbedingungen sind eine entsprechende Agrarpolitik und die externe Unterstützung Bedingung für eine breitenwirksame Übernahme der Techniken. Letztlich ist es dabei zweitrangig, wie strikt die Systeme übernommen werden. Denn es geht hier vor allem um eine unter den schwierigen Bedingungen machbare, ertragsreichere, nachhaltige sowie rentable Landwirtschaft.


Susanne Neubert ist Agrarökonomin und Ökologin mit dem regionalen Schwerpunkt Afrika beim Seminar für Ländliche Entwicklung (SLE) der Humboldt Universität zu Berlin.
[email protected]


Literatur

World Development Report, 2008: Agriculture for development. Washington.
http://siteresources.worldbank.org/INTWDR2008/Resources/WDR_00_book.pdf

Garnett, T., and Godfray, C., 2012: Sustainable intensification in agriculture. Oxford, UK.
http://www.fcrn.org.uk/sites/default/files/SI_report_final.pdf

FAO, 2014: Conservation agriculture (CA).
http://www.fao.org/ag/ca/

FAO, 2013: Climate-Smart Agriculture (CSA).
http://www.fao.org/docrep/018/i3325e/i3325e.pdf

African Ecological Footprint Report:
http://www.panda.org/lpr/africa2012

De Ponti, T., Rijk, B., van Ittersum, M., 2012: The crop yield gap between organic and conventional agriculture.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308521X1100182X

Hesse, M., et. al., 2009: Ökologischer Landbau und fairer Handel in Entwicklungsländern. Witzenhausen.
http://www.weltagrarbericht.de/fileadmin/files/weltagrarbericht/87943_Studie%20Oekolandbau%20Fairer%20Handel%20und%20Entwicklung.pdf

 

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