D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Unser Standpunkt

Vorausschauende Politik

von Hans Dembowski

Meinung

Industrieroboter in der Autoproduktion in São Paulo.

Industrieroboter in der Autoproduktion in São Paulo.

Das Wort „Industrie“ hat die lateinische Wurzel „industria“, was Fleiß bedeutet. Seit dem Beginn der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert hat technischer Fortschritt die Arbeitsproduktivität erhöht. In gewissem Umfang wurden schon immer Tätigkeiten eingespart, aber vor Beginn des Computerzeitalters stand nie die Beschäftigung an sich in Frage. Möglicherweise ändert sich das nun. Das aktuelle Schlagwort „Industrie 4.0“ steht für Trends wie Künstliche Intelligenz, Automatisierung, Nutzung riesiger Datensätze („Big Data“), Cloud Computing und dem Internet der Dinge. Es wird allmählich Standard, dass Menschen nicht mehr körperlich arbeiten, sondern in erster Linie Produktionsprozesse entwerfen und überwachen.

Noch weiß niemand, wohin die Reise führt. Es gibt die Utopie, dass alle bequem leben und sich sinnstiftenden Tätigkeiten widmen, während Maschinen die harte Arbeit übernehmen. Es gibt aber auch die Dystopie massenhafter Arbeitslosigkeit und Marginalisierung, falls es einer privilegierten Minderheit gelingt, die Vorteile von Industrie 4.0 für sich allein zu reklamieren.

Klar ist, dass einfache und repetitive Tätigkeiten relativ leicht automatisierbar sind - und dass Menschen eine solide Ausbildung brauchen, um zur Überwachung oder Programmierung digitaler Abläufe beizutragen. Bisher sind Roboter jedoch noch zu teuer, um zu Niedriglöhnen beschäftigten Arbeitnehmern in Entwicklungsländern die Jobs wegzunehmen. Noch droht in der Textilindustrie von Bangladesch oder Äthiopien keine massenhafte Arbeitslosigkeit. Das ist aber nur ein ein schwacher Trost.

Die große Sorge ist, dass ein bewährter Entwicklungspfad sich schon bald als blockiert erweist. Typischerweise begann Industrialisierung mit Kleiderherstellung zu sehr niedrigen Löhnen, und danach stieg das Qualifikationsniveau in einer Volkswirtschaft graduell, so dass sie Anschluss an den Weltmarkt fand. So war das in Deutschland und Japan, später in Südkorea und Taiwan und noch später in der Volksrepublik China. 

Unsere Zukunft hängt von menschlichen Entscheidungen ab. Technischer Fortschritt ist keine unkontrollierbare Naturgewalt, die aus Marktdynamiken resultiert. Die Geschichte zeigt, dass Gesellschaften immer wieder neue Institutionen und Regeln schufen, wenn der Fortschritt neuartige Probleme hervorbrachte, die gelöst werden mussten.

In den 1880er Jahren schuf Otto von Bismarck in Deutschland Sozialversicherungen, weil er sah, dass die Entwicklung des Reichs sonst von Klassenkämpfen blockiert werden würde. US-Präsident Richard Nixon richtete 1970 die United States Environmental Protection Agency ein, weil die Kosten der Umweltverschmutzung rasant stiegen. Weder Bismarck noch Nixon waren perfekte Staatsmänner. Der Reichskanzler gehörte zum autoritären preußischen Adel und ließ die SPD verbieten. Der Präsident musste zurücktreten, um der Amtsenthebung wegen Skandalen zu entgehen. Die institutionellen Innovationen beider Politiker erwiesen sich jedoch langfristig als wertvoll – und wurden zu  international kopierten Vorbildern.

Grundsätzlich kann Industrie 4.0 zu einer Welt ohne Hunger, Ausgrenzung und Ausbeutung führen. Dafür brauchen wir weitere gesellschaftliche Innovationen – auf nationaler wie globaler Ebene. Erfolg hängt von der Weitsicht der Entscheidungsträger ab. Um große Gesellschaftsprobleme zu lösen, reicht, wie die Geschichte lehrt, Vertrauen in Marktkräfte nicht aus.


Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit / D+C Development and Cooperation.
[email protected]

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren