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Internationale Zivilgesellschaft

Vernetzen statt führen

von Adriano Campolina

Hintergrund

ActionAid-Plakate bei Demonstration für Steuergerechtigkeit in Lusaka, der Hauptstadt Sambias.

ActionAid-Plakate bei Demonstration für Steuergerechtigkeit in Lusaka, der Hauptstadt Sambias.

ActionAid hat als erste große INGO (international non-governmental organisation) die Zentrale vom globalen Norden in den globalen Süden verlegt. In diesem Aufsatz erläutert Geschäftsführer Adriano Campolina, warum der Schritt nötig war und wie ActionAid sich weiter verändert.

In Entwicklungs- und Menschenrechtskreisen wird seit einiger Zeit viel über Dezentralisierung und Internationalisierung diskutiert. Dabei geht es darum, dass INGOs aus dem globalen Norden ihre Präsenz im globalen Süden verstärken und diesen an Entscheidungen beteiligen. 

Für uns sind das keine neuen Ideen, die irgendwann in der Zukunft umgesetzt werden sollen. ActionAid arbeitet schon seit Jahren so. Unsere Zentrale ist bereits im Januar 2004 von London nach Johannesburg umgezogen. Bislang sind wir die einzige Entwicklungs-INGO mit Hauptsitz in Afrika, aber andere wollen unserem Beispiel folgen.

Der Umzug entsprach unseren Werten und unserer Arbeitsweise. Er war ein logischer Schritt in einem langen Prozess, der vor vielen Jahren begonnen hat und auch noch nicht abgeschlossen ist. ActionAid entstand 1972 in Britannien als wohltätige Organisation für Kinder. Mittlerweile sind wir eine INGO, die mit 15 Millionen Menschen in 45 Ländern kooperiert und das Ziel hat, Armut und Ungerechtigkeit zu beenden. Uns wurde klar, dass wir, wenn wir ernsthaft Armut in den Entwicklungsländern abschaffen wollen, alle unsere Mitglieder, und nicht nur die wohlhabenderen, an Entscheidungen beteiligen müssen.

ActionAid ist kein zentralisierter, hierarchischer Apparat, sondern ein globales Bündnis, das von allen Mitgliedsverbänden weltweit gesteuert und kontrolliert wird. Alle Mitgliedsverbände genießen unabhängig von ihrem Sitz dasselbe Stimmrecht. Die europäischen, nordamerikanischen und australischen Mitglieder, die traditionell am meisten Geld mobilisieren, bestimmen nicht die Richtung.   

Rechte betonen

Aus unserer Sicht muss der Kampf gegen Armut und Ungleichheit an der Basis ansetzen. Die betroffenen Menschen und Gemeinschaften müssen partizipieren können. Wenn diejenigen, die Armut erleiden, ihre Rechte kennen und dieses Wissen nutzen, wird langfristiger Wandel wahrscheinlicher. Ihre Sorgen sind die Grundlage unserer Arbeit, und ihre Stimmen prägen unsere Strategie.

Wir können eine machtvolle Bewegung erzeugen, wenn wir lokales und nationales Engagement mit Einsatz auf regionaler und internationaler Ebene verbinden. Wir sehen uns als Katalysatoren, die zur Vernetzung von Graswurzelinitiativen, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen weltweit beitragen. Wir kooperieren in internationalen Kontexten. Unsere Steuerkampagne reicht beispielsweise von lokalen Gemeinschaften in Sambia, die ihre Regierung auffordern, Multis keine Steuergeschenke zu machen und angemessen in Bildung, Gesundheitswesen und andere Formen der Daseinsvorsorge zu investieren, bis hin zur Lobbyarbeit für globale Reformen bei den G20.

Dank unserer Internationalisierung ist unsere Rechenschaftspflicht gegenüber denen, mit denen wir zusammenarbeiten, gewachsen. Das gilt ähnlich auch für unsere Legitimität in den jeweiligen Ländern. Indem wir mit sozialen Bewegungen und Partnern auf nationalstaatlicher Ebene kooperieren, machen wir Druck auf Regierungen und andere Entscheidungsträger. 

Geteilte Macht ist größere Macht

Diese Art von Internationalisierung bedeutet eine Veränderung der Machtbalance, die vielleicht nicht allen INGOs behagt. Die Einsicht, dass geteilte Macht nicht geringere Macht bedeutet, ist wichtig. Als global kooperierende Partner können wir mehr erreichen.   

Für ActionAid ist Internationalisierung kein Selbstzweck und kein einmaliger Schritt. Wir denken kontinuierlich über unsere Arbeitsweise nach, um sie zu verbessern und schlagkräftiger zu machen. 

Voriges Jahr haben wir unsere globale Struktur umgebaut und die nationalen Mitgliedsverbände gestärkt. Manche Aufgaben, für die bisher die internationale Zentrale zuständig war, übernehmen jetzt Mitgliedsverbände. Sie nutzen ihre Erfahrung und Kompetenz, um den Gesamtverband bei bestimmten Themen zu leiten. Was Klimawandel angeht, hat beispielsweise unser Landesverband in Bangladesch zusammen mit dem in den USA jetzt die Federführung, und ActionAid Liberia kümmert sich um unsere Kampagne „Sicherere Städte für Frauen“.  

ActionAid International hat heute weniger eine Führungsrolle als den Auftrag, internationale Zusammenarbeit zu ermöglichen. Das schließt ausdrücklich Süd-Süd-Kooperation ein. Es geht aber auch darum, in der internationalen Politik – etwa beim Klimagipfel in Paris in einigen Wochen – maximale Wirkung zu erzielen.

Ein wichtiges Thema ist das Geld- und Spendenaufkommen in Schwellenländern und Ländern mittleren Einkommens wie etwa Indien, Brasilien oder Nigeria. Unsere Mitgliedsverbände sollen mehr Mittel mobilisieren, die dann dort oder auch international verwendet werden. Auch wenn es nicht nur um Geld geht, hängt ein Hilfswerk wie wir selbstverständlich von Spenden ab. Der Einfluss, den unsere Mitgliedsverbände auf ihre jeweiligen Regierungen haben, wächst auch mit ihrem Spendenaufkommen. Es belegt nämlich, dass Bürger unsere Arbeit und unsere Forderungen unterstützen.  

Fundraising ist nicht das einzige Arbeitsfeld, in dem sich das herkömmliche Verhältnis von Nord und Süd ändert. Weltweit wächst die Kluft zwischen den reichsten Menschen und der übrigen Gesellschaft. Das Gesamtvermögen des reichsten Prozents der Weltbevölkerung ist heute größer als das der übrigen 99 Prozent. Die Mehrheit der Armen lebt heute in Ländern mit mittleren Einkommen. Armut und Ungleichheit sind verwandte Phänomene, die zunehmend für Spannungen innerhalb von Ländern und nicht nur zwischen ihnen sorgen.

Um die Macht der wenigen einzuschränken und Ungleichheit zu beenden, ist stärkere Zusammenarbeit von entwicklungsorientierten Organisationen, Umweltgruppen, Gewerkschaften und Menschenrechtsschützern nötig. Ein entsprechendes gemeinsames Bekenntnis hat ActionAid in diesem Jahr mit der Association of Women in Development, Oxfam, Greenpeace and Civicus abgelegt. Später hat sich auch der Internationale Gewerkschaftsbund angeschlossen.

Wir werden weiterhin neue Bündnisse und Partnerschaften anstreben, um unsere Ziele gemeinsam zu erreichen und die Zukunft so zu gestalten, wie wir sie uns vorstellen. Zusammen sind wir stark. Zusammen können wir Wandel bewirken.  

Adriano Campolina ist der Geschäftsführer von ActionAid International.
www.actionaid.org

Link:
Gemeinsame Erklärung von ActionAid, Greenpeace, Civicus, Awid und Oxfam

http://www.actionaid.org/2015/03/securing-just-and-sustainable-world-means-challenging-power-1

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