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Sanitärversorgung

Toilettenzugang in städtischen Slums

von Isabel Günther, Alexandra Horst

Hintergrund

The more persons use a toilet, the more likely it is to be dirty.

The more persons use a toilet, the more likely it is to be dirty.

Empirische Forschung hat gezeigt, wie die Sanitärversorgung in Kampalas Slumvierteln verbessert werden kann. Die Politik verlässt sich bisher auf Privatinvestitionen, die größten Hindernisse sind dabei allerdings die Investitionskosten und Landeigentumsfragen.

 Schätzungsweise 2,5 Milliarden Menschen – mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung – haben keinen Zugang zu angemessenen Sanitäranlagen. Besonders niedrig ist der Zugang in Subsahara-Afrika (30 %). Die meisten Länder in dieser Region werden das Millenniumsentwicklungsziel, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu angemessener Sanitärversorgung bis 2015 zu halbieren, verfehlen.

Unzureichende Sanitärversorgung ist vor allem in den schnell wachsenden Städten Subsahara-Afrikas besorgniserregend. In dichtbevölkerten und einkommensschwachen Siedlungen sind Gesundheitsrisiken, die mit mangelnder Hygiene und einer unsachgemäßen Entsorgung von Fäkalien verbunden sind, am stärksten ausgeprägt.

In den meisten hochentwickelten Ländern liegt die Verantwortung für die städtische Abwasserentsorgung bei den Kommunalverwaltungen. Den Ballungsräumen Subsahara-Afrikas fehlt es tendenziell an den zentralisierten Abwassersystemen, die für die Sanitärversorgung in reichen Ländern typisch sind.

Vor diesem Hintergrund gelten dezentrale Lösungen, wie hauseigene ventilierte Grubenlatrinen, als der beste Ansatz für afrikanische Städte (Tilley et al 2008). Da die Technik keine zentralisierte Infrastruktur erfordert, verlassen sich viele afrikanische Städte auf private Investitionen, um den Zugang zu sanitären Anlagen zu verbessern.

Die Sache hat allerdings einen Haken. Sanitärversorgung der Privatinitiative zu überlassen bedeutet auch, dass arme Bevölkerungsgruppen mit begrenzter Finanzierungskraft außen vor bleiben. Entsprechend haben nur wenige Menschen in Slums Zugang zu adäquaten sanitären Anlagen. Solange Staat und Kommunen keine flächendeckende Infrastruktur schaffen, sollten sie aber wenigstens Politikmaßnahmen initiieren, die zu höheren privaten Investitionen in haus­eigene Sanitäranlagen führen.

In Kampala wurde ein Forschungsprojekt durchgeführt, welches die Nachfrage nach Sanitärversorgung und praktikablen Optionen zur Steigerung privater Investitionen in hauseigene Toiletten untersucht hat. Das Projekt trägt den Namen U-ACT (Urban Affordable ­Clean Toilets, deutsch: Städtische bezahlbare saubere Toiletten). Es wurde vom Zentrum für Entwicklung und Zusammenarbeit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (NADEL-ETHZ) durchgeführt und von der EU Wasserinitiative finanziert. Zu den Kooperationspartnern zählten die Abteilung für Wasser und Sanitäranlagen in Entwicklungsländern (SANDEC) des schweizerischen Wasserforschungsinstituts (EAWAG), die Makerere Universität in Uganda sowie die ugandische Nichtregierungsorganisation Sustainable Sanitation and Water Renewal Systems (SSWARS).

 

Großer Bedarf

Um sich ein Bild der sanitären Situation in den ärmsten Vierteln Kampalas zu machen, führte U-ACT in einem ersten Schritt im Jahr 2010 eine repräsentative Umfrage unter 1500 zufällig ausgewählten Haushalten in Armutsvierteln durch. Es stellte sich heraus, dass 99 Prozent der Haushalte Zugang zu irgendeiner Art von Toilette hatten. Allerdings verfügten nur 16 Prozent über eigene, technisch adäquate Sanitär­lösungen. Die große Mehrheit der Haushalte (84 %) musste ihre Latrine im Schnitt mit fünf Haushalten (oder mehr als 20 Personen) teilen. Die Daten zeigten auch, dass die Sauberkeit der Toiletten stark von der Anzahl der Nutzer abhing. Wenn nur eine Familie eine Toilette benutzt, ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit sauber. Wenn mehr als vier Haushalte dieselbe Toilette nutzen, ist sie ziemlich sicher schmutzig.

Die Studie ergab des Weiteren, dass 70 Prozent der Slumbewohner Kampalas zur Miete wohnen. Während Mieter und Vermieter eine gute Sanitärversorgung gleichermaßen schätzen, haben Mieter mit einer deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit Zugang zu angemessenen Sanitäreinrichtungen: nur fünf Prozent der Mieter, aber 40 Prozent der Hauseigentümer haben eine eigene Toilette. Dieser Unterschied rührt hauptsächlich daher, dass nur Familien, die Land besitzen, Latrinen bauen können.

Die Forschung zeigte zudem, dass die Baukosten für verbesserte Grubenlatrinen im Verhältnis zum Einkommen der Menschen relativ hoch sind. Eine Toilette, die den geforderten hygienischen Standards entspricht, ­kostet umgerechnet 750 Dollar. Dies entspricht etwa der Hälfte des mittleren Jahreseinkommens einer Slumfamilie in Kampala. Obwohl also viele arme Menschen grundsätzlich gewillt sind, aus privaten Mitteln in bessere Sanitärversorgung zu investieren, übersteigen die Kosten ihre finanziellen Möglichkeiten bei Weitem.

 

Politische Maßnahmen

2011 und 2012 führte das U-ACT-Projekt eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT, englisch: randomized controlled trial) mit 1200 Haushalten in
40 Slumvierteln durch, um verschiedene politische Interventionsmöglichkeiten zu testen. Bei einer solchen Studie werden verschiedene Haushalte zufällig unterschiedlichen Politikmaßnahmen zugeordnet, um die Wirkung dieser Maßnahmen zu untersuchen. Mit dieser Methode kann die effektivste Maßnahme sta­tistisch sauber identifiziert werden. Diese Unter­suchung war die erste RCT, die verschiedene Politikmaßnahmen zur Verbesserung der Sanitärversorgung in armen, urbanen Siedlungen getestet hat.

In einigen Slums testete U-ACT die Wirkung einer reinen Social-Marketing-Kampagne, die über die Vorteile guter Sanitärversorgung informierte, Haushalten aber keine Investitionshilfen bot. In anderen Slums testete U-ACT was passiert, wenn die Investitionskosten reduziert werden, das heißt teilweise subventioniert werden. Studienteilnehmer erhielten Gutscheine mit unterschiedlich hohen Preisen für Toiletten (unterschiedliche Investitionszuschüsse). In wieder anderen Gegenden wurden verschiede Zahlungsmodalitäten getestet. Manche Haushalte mussten ihre Latrine eine Woche vor der Installation bezahlen. Andere Haushalte bekamen dagegen die Möglichkeit, einen Mikrokredit mit einem Zinssatz von 20 Prozent und 18 Monaten Laufzeit aufzunehmen, um die Toilette zu finanzieren. Im Rahmen des U-ACT Projekts wurden 2012 mehr als 150 moderne Grubenlatrinen gebaut, die heute mehr als 1500 Menschen nutzen.

Die Datenauswertung zeigte, dass reine Social-Marketing-Kampagnen Slumhaushalte nicht zu Investitionen bewegen. Die Kosten sind das ausschlaggebende Argument. Folglich ist es kaum überraschend, dass Haushalte umso eher in Latrinen investiert haben, je weniger sie zahlen mussten. Ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass die Option, einen Mikrokredit über 18 Monate mit 20 Prozent Zinsen aufzunehmen, ähnlich wirkungsvoll ist, wie eine Subvention, die 25 Prozent der Investitionskosten abdeckt. Das Projekt untersuchte ebenfalls Unterschiede zwischen Hausbesitzern (30 Prozent von Kampalas Slumbevölkerung) und Mietern (70 Prozent von Kampalas Slumbevölkerung). Hauseigentümer können in Latrinen investieren, da ihnen das nötige Land gehört. Mieter können hingegen nicht selbst investieren, sondern müssen ihre Vermieter davon überzeugen dies zu tun. Die Mieter wurden deswegen gebeten, die Gutscheine, die sie erhalten hatten, an ihre Vermieter weiterzugeben. Die vorliegende Studie hat also neben der Effektivität der Social-Marketing-Kampagne, der unterschiedlichen Investitionszuschüsse und der Mikrokredit-Option, die Wirkung von genauer Zielgruppenansprache getestet. Die Ergebnisse zeigen, dass es deutlich weniger bringt, Mietern Investitionszuschüsse anzubieten, weil diese Zielgruppe nicht selber über Investitionen in die eigenen Sanitäranlagen entscheiden kann. Bei allen offerierten Zuschussraten war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Eigentümer eine Toilette kauft dreimal höher, wenn er vom Projekt direkt angesprochen wurde, als wenn er durch den Mieter angesprochen wurde.

Aus dem U-ACT-Projekt ergeben sich verschiedene evidenzbasierte Politikempfehlungen, die für politische Entscheidungsträger und Entwicklungsorganisationen, auch über Uganda hinaus, relevant sind. Die drei wichtigsten Empfehlungen sind:

  • Es ist nicht notwendig, den Bau von privaten Latrinen zu 100 Prozent zu subventionieren. Oft ist es sinnvoller, Mikrokredite zu vergeben und armen Haushalten die Möglichkeit zu geben, den Bau von Latrinen in Monatsraten abzuzahlen.
  • Die gezielte Ansprache der Zielgruppe ist entscheidend. Es ist erfolgversprechender sich an Hausbesitzer zu wenden, die selbst über Investitionen entscheiden können, als an Mieter. Bei traditionellen Social-Marketing-Kampagnen in Slums werden jedoch hauptsächlich Mieter angesprochen.
  • Nationale oder kommunale Gesetze (und deren Durchsetzung) sind erforderlich, um armen Mietern, die auf die Investitionen ihrer Vermieter angewiesen sind, Zugang zu angemessener Sanitärversorgung zu verschaffen.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass private Investitionen in sanitäre Anlagen in Slums möglich sind, wenn einzelne Haushalte finanziell unterstützt werden, Kredite für Toiletten vergeben werden und Grundbesitzfragen berücksichtig werden. Um politische Entscheidungsträger zu erreichen und die Ergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat das U-ACT-Projekt verschiedene mediale Möglichkeiten genutzt, die über die Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel hinausgehen. Es wurde eine Projekt-Website eingerichtet (www.nadel.ethz.ch/forschung/u-act), die verschiedene Kurzberichte zum Download bereitstellt. Außerdem gibt es auf Youtube ein Video mit ersten relevanten Projektergebnissen (www.youtube.com/watch?v=qJn7oFnSQWA).

 

Isabel Günther ist Assistenzprofessorin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich).
[email protected]

Alexandra Horst ist Doktorandin an derselben Universität.
[email protected]