Unsere Sicht
Wir leben in einem Katastrophenfilm
Ein Tag Anfang März in Nairobi. Ein Gewitter zieht auf. Innerhalb einer halben Stunde ist der Himmel nachtschwarz, ich kann nicht mehr bis zum Nachbargebäude sehen. Blitze zucken unaufhörlich, der Donner scheint nicht mehr hinterherzukommen.
Und dann kommt der Regen. Wassermassen stürzen vom Himmel. Nach zehn Minuten läuft das Wasser unter der Haustür herein, tropft von der Decke und drückt sich durch die Fensterscheiben. Nach einer Stunde ist es vorbei. Das Haus hat sich gut geschlagen, nur ein Fenster muss ausgetauscht werden. Die Pfützen lassen sich wegwischen.
Ein Freund zeigt mir Bilder aus einem Viertel in der Nähe des Nairobi River. Während ich zu Hause ausgeharrt habe, verwandelte sich der kleine Nairobi in einen reißenden Fluss, riss Hütten in Ufernähe mit und schloss Menschen in ihren Autos ein.
Mindestens 108 Personen starben in dieser Nacht und bei weiteren Überflutungen in den folgenden Tagen. Zwei Jahre zuvor waren es Schätzungen zufolge 294 Tote, als Kenia solche Tage und Nächte knapp drei Wochen lang erlebte.
Wer mittlerweile das Gefühl hat, Berichte über solche Überflutungen ständig aus aller Welt zu lesen, hat recht: Bereits 2022 waren schätzungsweise 1,8 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt einem hohen Flutrisiko ausgesetzt.
Eine Fläche so groß wie Südafrika ist verbrannt
Ein Tag Mitte August. Ich bin in meiner deutschen Heimat, dem Pfälzer Wald. Gegen Nachmittag wird die Luft immer dicker, es riecht überall verbrannt. Nach einer Weile fährt die Feuerwehr durch den Rauchschleier und sagt über Lautsprecher durch, dass Fenster und Türen geschlossen werden sollen.
Kurz darauf entwarnt der Bürgermeister der Stadt auf Instagram und bittet, die Feuerwehr deshalb nicht mehr anzurufen – es sei nicht unser Wald, der brennt; der Rauch komme von den Waldbränden in Belgien, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland.
Laut Global Wildfire Information System sind zum ersten August seit Jahresbeginn weltweit 112,3 Millionen Hektar verbrannt – eine Fläche, die etwa so groß ist wie Südafrika. Europas Sommerferien waren gefüllt mit Bildern aus spanischen und französischen Urlaubsregionen, in denen völlig erschöpfte Feuerwehrleute gegen Feuerwände in Wäldern ankämpften.
Das Drehbuch haben wir noch in der Hand
Allein in Deutschland gab es in diesem Sommer 12.500 hitzebedingte Sterbefälle. Die Pegelstände von Rhein und Donau waren so niedrig, dass Unternehmen aufgrund erhöhter Schiffstransportkosten ihre Produktion drosselten.
Allerorts werden nun Forderungen nach Krisengipfeln laut. Nur wer fordert das Eingeständnis, dass es so weit nicht hätte kommen müssen, wenn Klimaschutz rechtzeitig und konsequent betrieben worden wäre?
Die Menschheit hat den Planeten zur Kulisse eines Katastrophenfilms werden lassen. Diesen Film können wir nicht mehr abschalten, aber wir haben nach wie vor das Drehbuch in der Hand. Die Beiträge dieser Ausgabe berichten von Menschen an den Küsten Bangladeschs, in den Sümpfen Simbabwes und den Dünen der Sahara, die bereits Wege gefunden haben, in einer sich erhitzenden Welt weiterhin sicher zu leben. Sie und andere, die bereits seit Jahren täglich mit der Klimakrise leben müssen, sollten auf der Gästeliste stehen, wenn es zu den Krisengipfeln kommt.
Katharina Wilhelm Otieno ist Redakteurin bei E+Z und arbeitet zeitweise in Nairobi.
euz.editor@dandc.eu
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.