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Fortschritt

Der Weg voran

von Hans Dembowski

Hintergrund

Die Alphabetisierungsquoten sind gestiegen, und mehr Länder als in den 1980er Jahren gewähren Meinungsfreiheit: Zeitungsverkauf in Nairobi.

Die Alphabetisierungsquoten sind gestiegen, und mehr Länder als in den 1980er Jahren gewähren Meinungsfreiheit: Zeitungsverkauf in Nairobi.

Vernunft, Wissenschaft und Humanismus haben großartige Ergebnisse geliefert, schreibt der Harvard-Professor Steven Pinker. Der programmatische Titel seines aktuellen Buches lautet „Enlightenment Now“ (Aufklärung jetzt).

Pinker belegt überwältigend positive Erfolge. Die Überschrift von Kapitel 20 lautet „Die Zukunft des Fortschritts“. Es beginnt mit einer Aufzählung des in den vergangenen 250 Jahren Erreichten, die hier gekürzt (und von E+Z/D+C übersetzt) zitiert sei:

  • „Seit dem Beginn der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert ist die Lebenserwartung weltweit von 30 auf 71 Jahre gestiegen und in den begünstigtsten Ländern sogar auf 81. Als die Aufklärung einsetzte, starb ein Drittel aller Kinder, die in den reichsten Teilen der Welt geboren wurden, vor dem fünften Geburtstag. Heute trifft das auf sechs Prozen der Kinder in den ärmsten Gegenden zu. (…)
  • Die Welt ist heute ungefähr um den Faktor 100 reicher als vor zwei Jahrhunderten, und der Wohlstand erreicht immer mehr Länder und Menschen. Der Anteil der Menschheit, der in extremer Armut lebt, ist von 90 Prozent auf unter zehn Prozent gefallen, und im Lauf des Lebens der meisten Leser dieses Buches kann er auf Null sinken. Katastrophale Hungersnöte, die in der Geschichte stets nah waren, kommen in den meisten Weltregionen nicht mehr vor. Unterernährung und durch sie bedingte Wachstumsstörungen werden immer seltener. (…)
  • Krieg zwischen Ländern ist rar geworden, und auf fünf Sechsteln der Erd­oberfläche toben auch keine Bürgerkriege. Der Anteil der Menschheit, der jährlich im Krieg stirbt, beträgt nicht einmal ein Viertel des Vergleichswerts der 1980er Jahre. Im Vergleich zu den 70er Jahren beträgt er ein Siebtel, zu den frühen 50ern ein Achtzehntel und zum Zweiten Weltkrieg ein halbes Prozent. (…)
  • Menschen sind heute nicht nur gesünder, wohlhabender und weniger gefährdet, auch ihre Freiheit ist gewachsen. Vor 200 Jahren waren nur eine Handvoll Länder demokratisch; dort lebte ein Prozent der Weltbevölkerung. Heute sind zwei Drittel der Staaten dieser Erde Demokratien, und dort haben zwei Drittel der Weltbevölkerung ihr Heim. Vor nicht langer Zeit hatte die Hälfte aller Länder rassistisch diskriminierendes Recht. Heute gibt es mehr Staaten, die eine Politik zum Schutz der Minderheit beschlossen haben, als solche, die es nicht getan haben. Anfang des 20. Jahrhunderts durften Frauen nur in einem Land wählen, heute tun sie das mit Ausnahme eines Landes überall, wo Männer das Wahlrecht haben. Gesetze gegen Homosexualität werden immer öfter abgeschafft. (…)
  • Während Gesundheit, Wohlstand, Sicherheit und Freiheit zunahmen, wurden die Menschen auch besser gebildet und klüger. Anfang des 19. Jahrhunderts konnten 12 Prozent der Weltbevölkerung lesen und schreiben, heute sind es 83 Prozent. Alphabetisierung und der Wissenserwerb, der deutlich möglich wird, gilt bald universell für alle Mädchen und Jungen.
  • Angesichts von Fortschritten bei Gesundheit, Wohlstand, Sicherheit, Freiheit, Glück und Bildung stellen Gesellschaften sich auch darauf ein, die drängendsten Weltprobleme zu lösen. Sie stoßen weniger Emissionen aus, zerstören weniger Wald, verschütten weniger Öl, schaffen mehr Schutzgebiete, vernichten weniger natürliche Arten, haben die Ozonschicht gerettet und haben beim Verbrauch von Öl, Ackerland, Holz, Papier, Autos, Kohle und vielleicht sogar Kohlendioxid Scheitelpunkte überschritten.“

Dies ist nur ein Auszug aus Pinkers Erfolgsbilanz. Sein Buch diskutiert und belegt alle Einzelpunkte sorgfältig. Pinker hält weitere Fortschritte für wahrscheinlich, wenn die Menschheit sich denn weiterhin an das Erfolgsrezept aus Vernunft, Wissenschaft und Humanismus hält. Die abschließenden Kapitel erläutern, was das bedeutet.

Pinker behauptet nicht, dass Menschen von Natur aus vernünftig handeln. Der Psychologieprofessor weiß, dass Irrationalität weit verbreitet ist. Er betont aber, dass Menschen vernunftbegabt sind und von der Nutzung dieser Fähigkeit profitieren.

Auf Vernunft beruhende Wissenschaft macht, wie Pinker ausführt, weiterhin technische Neuerungen möglich und erweitert die Horizonte unseres Wissens. Pinker wendet sich gegen postmoderne, romantische und sonstige intellektuelle Wissenschaftskritik. Wissenschaft sei nicht eine von vielen möglichen Weltanschauungen, sondern biete Schlüssel zum Verständnis der Welt und zu ihrer Veränderung.

Wichtig ist Pinker, dass Wissenschaft in einem humanistischen Geist, mit weltlich begründeter Ethik genutzt werden muss. Der Leitgedanke ist, dass alle Menschen gleichen Wert und gleiche Rechte haben. Das ist die Grundlage seiner säkularen Moral, die sich nicht auf ein höheres Wesen beruft.

Aus Pinkers Sicht brauchen Menschen Religion nicht unbedingt, aber seine Haltung ist nicht antireligiös. Die Überparteilichkeit, auf die es ihm ankommt, entspricht durchaus dem biblischen Prinzip, andere Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will.

Aufgeklärter Humanismus fordert indessen, dass kollektiv bindende Entscheidungen nicht auf religiösen Dogmen beruhen sollen – und auch nicht auf Partikularinteressen oder individuellem Wollen. Sie sollten nach gründlicher Prüfung der Fakten und auf Basis durchdachter Hypothesen über Ursache und Wirkung gefällt werden, wobei die Interessen aller Betroffenen zu berücksichtigen sind.

Vergangene Erfolge bedeuten für Pinker indessen nicht, dass alles in Ordnung wäre. Er sieht zwei gewaltige Risiken: Klimawandel und Atomkrieg. Er hält Katastrophen nicht nur für möglich, sondern sogar für wahrscheinlich, wenn nichts zur Eindämmung geschehe. Beide Risiken seien aber Gegenstand multilateralen Handelns, also sei die Lage nicht ganz hoffnungslos.

Fraglich bleibt, ob dieses multilaterale Handeln ausreicht. Klimaschutz muss schnell verstärkt werden, und die Abkommen über Abrüstung und Nicht-Proliferation scheinen derzeit zu erodieren. Schreckliches Versagen ist aus Sicht des Professors möglich.

Unaufgeklärter, autoritärer Populismus ist entsprechend gefährlich. Kaum überraschend wählt Pinker US-Präsident Donald Trump als prominentestes Beispiel für einen Spitzenpolitiker, der Fakten missachtet, aber zugleich beansprucht, mehr zu wissen als Experten. Die weithin anerkannte Definition von Populismus stammt von Jan-Werner Müller (siehe E+Z/D+C e-Paper 2017/02, S. 39), dem zufolge Populisten:

  • behaupten, sie verträten persönlich die Nation,
  • alle, die ihnen widersprechen, als illegitim bezeichnen und
  • versuchen, ihre Macht durch Manipulation der Verfassungsordnung zu perpetuieren.

Populistische Politik betreibt Müller zufolge gesellschaftsspaltende Hetze, löst aber keine Probleme.

Pinker hält den heutigen Stil westlicher Demokratien für einen Teil des Problems. Wahlen ähnelten Sportereignissen, bei denen Bürger einer Partei zujubelten und deren Opponenten verabscheuten. Polemik und platte Wahlkampfslogans dominierten, wo nuancierte Argumentation und sorgfältige Datenauswertung nötig wären. Statt sorgfältig abzuwägen, bestätigten zudem Medienkommentatoren meist nur das Weltbild ihres Publikums. Pinker hofft, der aufgeklärte Liberalismus werde sich dennoch durchsetzen – nicht zuletzt, weil die Populisten keine Antwort auf reale Probleme haben, deren Existenz sie nicht wahrnehmen, weil sie Expertenwissen missachten.

Pinkers Position ist insgesamt stimmig und unterstützenswert. Das heißt nicht, dass jedes Detail als wahr akzeptiert werden muss. Wachsende Ungleichheit ist aus Pinkers Sicht beispielsweise kein Problem, solange der Lebensstandard der meisten Menschen steigt. Er geht kaum darauf ein, dass der wachsende politische Einfluss der Superreichen ihnen ermöglicht, demokratische Willensbildung fernzusteuern (siehe hierzu unser Dossier über Philanthropie auf unserer Website oder den entsprechenden Schwerpunkt im E+Z/D+C-Druckheft 2017/­11-12, S. 22 ff).

Pinker hält zudem CO2-freie Atomkraft angesichts des Klimawandels für eine rationale Option. Es habe bislang nur wenige Unfälle gegeben, die alle deutlich weniger Menschenleben gefordert hätten als von Umweltschützern befürchtet. Er übersieht das ungelöste Müllproblem. Offensichtlich ist es unverantwortlich, radioaktiven Abfall zu erzeugen, der über Jahrtausende sicher gelagert werden muss. Wer über Atomkraftwerke verfügt, kann zudem relativ leicht Atombomben bauen – und das widerspricht dem Ziel der Nicht-Proliferation.

Auch Pinkers Verteidigung der Wissenschaft ist nicht so schlüssig, wie er tut. Zu den Grundprinzipien wissenschaftlicher Arbeit gehören Transparenz und Abwesenheit persönlichen Interesses. Tatsächlich beruhen politische Entscheidungen aber häufig auf Industriestudien, für die dies nicht gilt.

Über solche Fragen ist eine rationale, faktenbasierte Debatte nötig, bei der alle Betroffenen anzuhören sind. Das kann nach den Prinzipien geschehen, die Pinker darlegt. Seine Kernbotschaft ist, dass die Versprechen der Aufklärung weder hohl waren noch geworden sind. Modernisierung, Industrietechnologie und Globalisierung haben mehr gebracht, als gemeinhin wahrgenommen wird. Über 200 Jahre nach dem Beginn der Aufklärung begründet Pinker stimmig, weshalb vernunftorientierte Demokratie autoritärem Populismus und anderen doktrinären Ideologien vorzuziehen ist.


Hans Dembowski ist Chefredakteur von D+C/E+Z.
[email protected]

Buch
Pinker, S., 2018: Enlightenment Now. The Case for Reason, Science, Humanism and Progress. London: Allen Lane.
 

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