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Marginalisierung

Anglophone Bevölkerung benachteiligt

von Jonathan Bashi

Meinung

Kameruns Bildungssystem wird von der französischsprachigen Mehrheit dominiert – stellenweise zum Nachteil von Schülern wie dem sechsjährigen Nguewou Arthur, der den englischsprachigen Zweig einer Schule in der Hauptstadt Yaoundé besucht.

Kameruns Bildungssystem wird von der französischsprachigen Mehrheit dominiert – stellenweise zum Nachteil von Schülern wie dem sechsjährigen Nguewou Arthur, der den englischsprachigen Zweig einer Schule in der Hauptstadt Yaoundé besucht.

Auf den ersten Blick ist Kamerun ein leuchtendes Beispiel für ein afrikanisches Land, das es geschafft hat, verschiedene politische, historische und kulturelle Identitäten in einer gemeinsamen Nation zu vereinen. Doch die jüngsten Spannungen in den anglophonen Regionen des Landes offenbaren die Schwächen des politischen Systems und haben eine ernste Krise ausgelöst. Sie hat ihren Ursprung in jahrelanger Unzufriedenheit und gescheitertem Nationbuilding.

Die Republik Kamerun besteht in ihrer heutigen Form seit 1972. Sie entstand aus dem Zusammenschluss von Französisch-Kamerun, das 1960 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt hatte, und dem südlichen Teil von Britisch-Kamerun, das sich 1961 in einer Volksabstimmung für die Vereinigung entschieden hatte. Diese basierte auf den Grundsätzen von Gleichheit und Respekt; so sollten nationale Einheit und Zusammenhalt gesichert werden. Sowohl Französisch als auch Englisch wurden als Amtssprachen anerkannt, und sowohl die französische als auch die britische Rechtsordnung fanden Eingang ins Justizsystem.

Trotzdem fühlte sich der englischsprachige Teil der Bevölkerung von Anfang an benachteiligt. Er wirft der französischsprachigen Mehrheit vor, seine spezielle Kultur und Geschichte im Namen nationaler Einheit Stück für Stück zu unterdrücken. In der Tat scheint die Regierung die frankophone Lebensart und Kultur zu bevorzugen. Zudem bekommen anglophone Kameruner keine wichtigen Positionen im Staat, sondern nur Stellvertreterposten ohne wirkliche Macht – sogar in den englischsprachigen Regionen. Eine derartige Diskriminierung findet auch in den meisten staatlichen Unternehmen und im Justizsystem statt.

Dieser Hintergrund erklärt, wie aus einem Streikaufruf der Lehrergewerkschaft im November eine große Protestbewegung entstehen konnte. Die Menschen im anglophonen Kamerun ergriffen die Gelegenheit, um ihrem Ärger über die erfahrene Marginalisierung und Diskriminierung Luft zu machen.

Der Streik richtete sich gegen die Dominanz französischsprachiger Lehrer an englischsprachigen Schulen. Sie geht so weit, dass sogar frankophone Lehrkräfte dort Englisch unterrichten. Anwaltsvereinigungen riefen ebenfalls zum Streik auf, um gegen die frankophone Vorherrschaft im Justizsystem zu protestieren und eine bessere Anerkennung des britischen Common Law einzufordern.

Vereinzelt kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei, Autoreifen brannten, und die Nationalflagge wurde angezündet. Die Regierung reagierte mit harter Repression. Unter anderem ließ sie Oppositionsführer festnehmen und den Internetzugang in den anglophonen Gebieten kappen.

Diese Krise ist nicht allein ein Konflikt zwischen dem englischsprachigen Teil der Bevölkerung und der Regierung Kameruns. Sie ist Ausdruck vielschichtiger Probleme in der Regierungsführung, die das gesamte Land betreffen. Präsident Paul Biya, der seit 1982 im Amt ist, pflegt einen autoritären Regierungsstil. Die Proteste zeigen den tiefen Graben zwischen der Regierung und dem Volk, das sich nicht mit ihr identifiziert. Zudem haben sehr viele Menschen – auch in den französischsprachigen Regionen – den Eindruck, dass ihr Wohl nicht die oberste Priorität der Machthaber ist.

So wurde aus dem Streik und den Forderungen einer Minderheit ein Kampf für wahre Demokratie, Meinungsfreiheit und das Recht auf Selbstbestimmung. In Reaktion darauf sollte die Regierung in einen offenen Dialog mit den Bürgern treten und das politische System dahingehend ändern, dass sich alle Kameruner, frankophone wie anglophone, frei äußern und entfalten können.

 

Jonathan Bashi hat an der University of London’s School of Law promoviert und arbeitet jetzt als Berater und Juradozent in der DR Kongo.

 

 

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